Menschen des Jahres : Wer wird 2008 wichtig?

Präsidentschaftswahlen in den USA und Russland, Arbeitskampf von Verdi und Neues von Popstar Madonna: Das neue Jahr kommt – und mit ihm Menschen, von denen noch zu hören sein wird. Der Tagesspiegel stellt einige von ihnen vor.

POLITIK

DER NEUE US-PRÄSIDENT

Es ist das mächtigste Amt der Welt. Und noch nie war so unklar, wer es gewinnen wird. Gewählt wird am 4. November. Die Aufgaben, die den oder die neue Präsidentin erwarten, sind immens: Fallende Häuserpreise, teures Öl, hoch verschuldete Verbraucher und Milliardenverluste bei Banken – eine Rezession im kommenden Jahr wird immer wahrscheinlicher. Und außenpolitisch zeigt gerade die Pakistankrise, wie viel Vertrauen die Supermacht zurückgewinnen muss. 2008 wartet die Welt, wie Amerika wählt. fal

DMITRI MEDWEDEW

Auch Russland bleibt rätselhaft. So gut wie sicher ist nur, dass der bisherige Vizepremier Dmitri Medwedew im März von den Russen zu ihrem neuen Präsidenten gewählt wird. Nach neuen Umfragen wollen bis zu 80 Prozent für ihn stimmen. Medwedew ist Wladimir Putins Wahl. Und weil der als neuer Ministerpräsident weiterhin die Fäden der Macht zusammenhalten will, sind die Hoffnungen, Russland werde für den Westen in Zukunft ein leichterer Partner sein, wohl vergeblich. Auch wenn Medwedew im Westen so gerne als „Liberaler“ tituliert wird. fal

YASUO FUKUDA

Das Kyoto-Protokoll ist ein Vermächtnis. Schon allein deshalb will Japan in der Debatte um den Klimawandel als Führungsmacht gelten. Zum Jahreswechsel übernimmt Premierminister Yasuo Fukuda den Vorsitz der G 8. Allerdings hat sich Japan beim UN-Klimagipfel auf Bali eher als Bremser betätigt. Vielleicht, um 2008 den großen Durchbruch zu schaffen. Das hoffen zumindest die Optimisten. Dass Fukuda als Klimaberater einen früheren Toyota-Manager, den 74-jährigen Hiroshi Okuda, berufen hat, ist angesichts der Klimabilanz der Konzern-Autos zumindest kein schlechtes Zeichen. deh

OLAF SCHOLZ

Er scheiterte zweimal: zuerst als Innensenator in Hamburg, später dann im Amt des SPD-Generalsekretärs. Jetzt ist Olaf Scholz Bundesarbeitsminister. Es ist ein Amt, das besser zu ihm passt. Im Arbeitsrecht ist der Jurist zu Hause. Für Scholz läuft es gut im Moment. Das liegt nicht zuletzt an seiner Zuständigkeit für den Mindestlohn – ein Thema, mit dem die SPD im nächsten Jahr gewinnen will. fal

CHRISTINE HADERTHAUER

Im März sind in Bayern Kommunalwahlen, im September Landtagswahl. Da darf die CSU auf keinen Fall unter 50 Prozent sinken – für die Bayern-Partei wäre das eine Katastrophe. Keine leichte Zeit für die neue Generalsekretärin, die nach dem Politpolterer Markus Söder einen Stilbruch verkörpert. Es ist ein Experiment mit ungewissem Ausgang. Ist sie mehr General oder mehr Sekretärin? Falls sie gewinnt, könnte Größeres aus ihr werden. Strauß, Stoiber, Huber – sie waren alle General, bevor sie CSU-Chef wurden. fal

WIRTSCHAFT

FRANK BSIRSKE

Am 10. Januar trifft sich der Verdi-Chef erstmals mit Vertretern von Bund und Kommunen zu Tarifverhandlungen; der vorerst letzte Termin ist Anfang März angesetzt. Bis dahin wird es kaum eine Einigung geben. Denn zwischen der Acht-Prozent-Forderung von Verdi und der Zahlungsbereitschaft der Arbeitgeber klafft eine Lücke, die viele Milliarden ausmacht. Bsirske braucht mehr Geld für seine Leute. Er war einer der Motoren bei der Reform des öffentlichen Tarifrechts vor drei Jahren – inklusive mickriger Zuschläge seitdem. Ohne Arbeitskampf wird er sein Ziel nicht erreichen. alf

JOACHIM HUNOLD

Der Chef von Air Berlin muss nach dem Kauf mehrerer Fluglinien nun zeigen, dass sich damit wirtschaften lässt. 2008 werde das Jahr der Ergebnisverbesserung, verspricht der Vorstandschef der zweitgrößten deutschen Airline. Der Markt ist skeptisch – die Aktie hält sich geradeso über dem Ausgabepreis. Auch für Hunold persönlich steht 2008 viel auf dem Spiel: Die Staatsanwaltschaft Stuttgart entscheidet, ob sie Anklage wegen Insiderhandels erhebt. jul



WENDELIN WIEDEKING

Der Porsche-Chef wird das Tempo 2008 erhöhen. 31 Prozent der Anteile an VW hält Porsche offiziell schon, mehr als 50 Prozent werden es in den kommenden zwölf Monaten werden. Finanziell ist die Übernahme dank milliardenschwerer Optionsgeschäfte kein allzu großes Problem. Schwieriger wird es sein, die mächtige Arbeitnehmerfraktion bei VW mit ins Boot zu holen. Der VW-Betriebsrat versucht mit öffentlichem Protest und vor Gericht, mehr Gewicht in der künftigen Porsche-Holding zu bekommen. Für die VWler steht viel auf dem Spiel: übertarifliche Löhne, flexible Arbeitszeiten, weitreichende Mitbestimmung. mot



KULTUR

MADONNA

Dass sie eines Tages selbst Regie führen würde, war absehbar bei einer Frau, die bei allem, was sie macht, die Kontrolle behält. Und sei es nur für einen Kurzfilm. Als Popstar ließ sich Madonna von anderen in Szene setzen – aber stets nach ihren Wünschen. Für 2008 ist ein neues Album sowie eine Tournee angekündigt. Das Besondere daran: Beides wird von „Live Nation“ vermarktet, einem Konzertveranstalter, der mit Madonna einen Exklusivdeal über 120 Millionen Euro abgeschlossen hat. Dass im Februar mit „Filth and Wisdom“ Madonnas erste Regiearbeit auf der Berlinale zu sehen ist, dürfte da nur eine Fußnote sein. KM

JONATHAN LITTELL

Man muss kein Prophet sein, um sehen zu können, dass Jonathan Littell und sein Roman „Les Bienveillantes“ hierzulande eine große Debatte auslösen werden. Der 23. Februar ist Stichtag, da erscheint sein Roman auch auf Deutsch, auf 1400 Seiten unter dem Titel „Die Wohlgesinnten“. Einmal mehr stellt sich dann die Frage: Darf man das? Gerade als junger Mensch, der wie Littell 1967 in einer jüdischen Familie russischer Herkunft in New York geboren wurde und in Frankreich aufwuchs? Fiktiv erzählend in die Haut eines SS-Offiziers schlüpfen, diesen den Krieg überleben, Karriere machen und am Ende seines Lebens nichts bereuen und nichts beschönigen lassen? Das Böse ausstellen und heranzoomen? In Frankreich war „Les Bienveillantes“ das Ereignis des Jahres, wurde mit Preisen überhäuft. Jorge Semprun, Schriftsteller und Holocaust-Überlebender, fühlte sich „wie erschlagen von diesem unglaublichen Buch“ und lobte es. „Shoah“-Filmemacher Claude Lanzmann dagegen unterstellte Littell, sich am Nazigrauen zu ergötzen. geba

JACQUES HERZOG & PIERRE DE MEURON

Sie gingen zusammen in die Schule, studierten gemeinsam – und machten in dieser Kombination Karriere. 2008 werden die beiden Schweizer endgültig in die Riege bekannter Baumeister aufsteigen. Es geht um das Nationalstadion in Peking. Wie ein Wollknäuel sieht es aus, ein Stahlskelett mit Hunderten von Linien, kreuz und quer. Ein riesiger Koloss, der gar nicht so wirkt, als sei er von Menschen erschaffen. Er wird das Symbol der Olympischen Spiele werden. Unumstritten war das Engagement der Schweizer nicht. Dekoriert sich hier ein totalitäres Regime mit einem Bauwerk, das wie kaum ein anderes für Offenheit steht, ohne Mauern, ohne Türen? Herzog und de Meuron haben sich dieser Frage gestellt. Doch sie hoffen, dass der Geist des Bauwerks zu Chinas Öffnung beitragen wird. fal

SPORT

KARIM BENZEMA

Eine zufällige Gemeinsamkeit? Karim Benzema stammt aus Algerien und spielt für die französische Fußball-Nationalmannschaft – wie Zinedine Zidane. Seitdem Benzema bei seinem Länderspieldebüt im März 2007 kurz nach seiner Einwechslung auch noch das Tor zum 1:0-Sieg gegen Österreich geschossen hat, gilt der 20-Jährige als möglicher Nachfolger des Genies Zidane. Bei der EM in Österreich und der Schweiz wird einiges von Benzema erwartet: Er könnte mit seinen Toren aus einem ohnehin spielstarken Team eine Meistermannschaft machen. teu

FRANKA DIETZSCH

Vor ein paar Jahren hat Franka Dietzsch ihrem Trainer Dieter Kollark versprochen, mit ihm über die Chinesische Mauer zu gehen. Damals war sie schon Mitte 30. Doch seitdem scheint der Körper der Neubrandenburgerin kaum gealtert zu sein, sie hat noch genug Kraft, um eine Medaille nach der nächsten zu gewinnen, zuletzt war es bei den Weltmeisterschaften in Osaka die goldene. Im August wird die dreimalige Weltmeisterin als Favoritin nach Peking reisen – und wenn sie gewinnt, mit 40 Jahren die älteste Einzel-Olympiasiegerin der Leichtathletik sein. teu

TIMO BOLL

Eigentlich wollen die Chinesen den Tischtenniswettbewerb bei den Olympischen Spielen in Peking zu ihren Festspielen machen. Aber da ist noch Timo Boll. Die Chinesen haben großen Respekt vor ihm, im Leistungszentrum in Peking imitieren Trainingspartner den Spielstil Bolls, um ihre Besten auf Boll vorzubereiten. Zuletzt tat sich der 26 Jahre alte Hesse etwas schwerer mit den Chinesen. Vielleicht hat er sich ein paar Finessen aufgehoben – für das bedeutendste Turnier, das es bisher in seiner Sportart gab. teu

WISSENSCHAFT

SHINYA YAMANAKA

In Jahren harter Arbeit gelang dem japanischen Stammzellforscher der Durchbruch. Er programmierte Hautzellen genetisch so um, dass sie den begehrten embryonalen Stammzellen weitgehend glichen. Zunächst bei Mäusen und 2007 dann bei menschlichen Zellen. Noch ist Yamanakas Methode nicht bereit zur Anwendung bei kranken Patienten. Die von ihm entwickelten Zellen tragen ein Krebsrisiko in sich. Aber der Forscher, der jeden Tag zwischen 12 und 16 Stunden in seinem Labor verbringt und keine Pausen kennt, will das ändern. Vielleicht schon 2008. wez

LYNDON EVANS

Der 62-jährige Mann aus Wales ist Direktor am europäischen Kernforschungszentrum Cern und Chef von 2500 Wissenschaftlern, die am leistungsstärksten Teilchenbeschleuniger der Welt bauen. Im Oktober 2008 soll das weltweit größte Physik-Experiment starten. Dann werden auf dem 27 Kilometer langen, unterirdischen Ring Teilchenstrahlen mit nahezu Lichtgeschwindigkeit aufeinanderprallen. Mehrere tausend Magnete zwingen die Teilchen auf die richtige Spur. Flüssiges Helium kühlt sie auf minus 271 Grad Celsius. Anhand der Bruchstücke dieser sekündlich 600 Millionen Zusammenstöße wollen die Forscher rekonstruieren, wie das Universum kurz nach dem Urknall ausgesehen haben könnte. pja

ANNEGRET KRAMP-KARRENBAUER

Im Herbst wird die CDU-Politikern – erst seit wenigen Monaten Bildungsministerin des Saarlandes – als Präsidentin der Kultusministerkonferenz die nächsten Ergebnisse der Pisa-Studie vorstellen. Um den nationalen Vergleich geht es dann: also die Frage, in welchem Bundesland die Schüler am besten abgeschnitten haben. Die 45-Jährige will noch weitere wichtige Themen vorantreiben: die bessere Förderung von Schülern mit Migrationshintergrund, die Entwicklung von allgemeinen Bildungsstandards für das Abitur – und auch die Frage, wie es mit dem Elitewettbewerb der Universitäten nach der ersten Runde weitergehen soll. Politisch unerfahren ist sie gleichwohl nicht: Vor dem Bildungsressort führte sie das Innenministerium des Saarlandes, sieben Jahre lang. tiw

MEDIEN

GEORG KOFLER

Der Mann ist nicht unterzukriegen. Ende 2005 hatte Georg Kofler als damaliger Premiere-Chef hoch gepokert und in einer Nacht die Rechte an der Fußball-Bundesliga verloren. Anfang vom Ende – für Kofler bei Premiere. Im August 2007 stieg der Medienmanager dort überraschend als Geschäftsführer aus und machte beim Verkauf von Premiere-Aktien einen sehr guten Schnitt. Das war’s, dachte man. Von wegen. Im November kündigte Kofler plötzlich wieder Großdeals an. Er will den schon so oft totgesagten Hallenfußball zum Leben erwecken. Seine neue Beteiligungsgesellschaft ist bei „Newsports“ eingestiegen – ein Unternehmen, das 50 Fußballhallen bauen und betreiben will. In den Arenen sollen auf einem Platz mit 30 Metern Länge und 15 Metern Breite jeweils fünf Spieler auf Kunstrasen gegeneinander antreten. Sein Ziel: ein Konzern mit mehr als 1000 Mitarbeitern und 500 Millionen Euro Umsatz. meh

VOLKER HERRES

Er übernimmt die ARD-Programmdirektion von Günter Struve: Große Schuhe sind es, in die der Fernsehdirektor des NDR schlüpft. Das Erste ist der Marktführer im deutschen Fernsehen – und soll es bleiben. Aber womit? Mit Bruce Darnells neuer Coachingshow für krumme deutsche Rücken oder mit den „Tagesthemen“, die endlich eine verlässliche Anfangszeit bekommen müssen? Herres kann richtig was riskieren, denn mit der Fußball-EM und den Olympischen Sommerspielen ist die ARD bei den Zuschauern automatisch vorne. In diesem Rückraum lässt sich eine Informationsoffensive starten – wenn sich der politische Journalist Herres denn traut. jbh

CHRISTIANE ZU SALM

Am 1. April 2008 zieht die Medienmanagerin in den Vorstand des Burda-Verlags ein. Zu Salm hatte zuerst den Musiksender MTV auf Vordermann gebracht und dann den defizitären Frauensender „tm3“ in den profitablen Mitmachsender „Neun Live“ umgewandelt. Für Internet und neue Medien hat Verlagspatriarch Hubert Burda schon lange ein Faible. Im nächsten Jahr will er zusammen mit der Holtzbrinck-Verlagsgruppe beim Handy-TV durchstarten. Und wer sagt, dass Christiane zu Salm im Burda-Verlag nicht noch mehr erreichen kann? sag

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