Zeitung Heute : Menschen im Alltag

CHRISTOPH FUNKE

Die Schauspielerin Marga Legal wird heute 90 Jahre altCHRISTOPH FUNKEAls sie dem Vater einen Monolog der Thekla aus Schillers "Wallenstein" vorsprach, lachte der und riet der noch pummeligen 16jährigen zur Laufbahn der "komischen Alten".Marga Legal hat die Kritik des hoch anerkannten Schauspielers und Regisseurs Ernst Legal überwunden.Sie war bockig wie er, ließ die empfohlene Karriere als Gärtnerin sausen und ging zur Bühne.Dann wartete auf sie seit 1926 das übliche Wanderleben der Komödianten, von Aachen über Wuppertal, Stuttgart, Königsberg nach Hamburg.Das übliche? Von mütterlicher Seite her gab es jüdische Vorfahren, nur die Ehe mit einem "Arier" rettete Marga Legal vor Verfolgung, aber spielen durfte sie seit Mitte der dreißiger Jahre nicht mehr.Das Kriegsende erlebte sie in Prag. Sie sei zu wenig in sich selbst verliebt, sagt Marga Legal wenige Tage vor ihrem 90.Geburtstag.Und dieser Satz kennzeichnet ihr Leben.Bescheidenheit und der Kontakt zu Menschen ist ihr wichtig, "weil man sich dann selber besser beurteilen kann".Einen erzieherischen Auftrag für das Theater, einen Anspruch, von der Bühne her auf Lebensverhältnisse, auf Beziehungen der Menschen untereinander Einfluß zu nehmen, hielt sie lange für richtig und wichtig.Heute sieht sie das skeptischer.Aber: "Seelische und geistige Entwicklungen sollte das Theater schon fördern." Nicht merkwürdigerweise, ganz bewußt hat Marga Legal kaum klassische Rollen gespielt, sondern viele Aufgaben in Stücken der russischen Dramatik und von DDR-Autoren übernommen.Das war in ihrer Zeit am Theater am Schiffbauerdamm, an der Volksbühne unter Fritz Wisten (1946-1955) und am Maxim-Gorki-Theater (1955-1968), dessen Ehrenmitglied sie ist.Sie wollte eben Menschen spielen, die im Alltag zu Hause sind. Marga Legal, Prinzipalin einer Theaterfamilie, hat sich vor allem Humor und Neugier bewahrt.Der Humor ist auch mancher Bitterkeit abgerungen, dem Nachlassen der Sehkraft vor allem.Nicht mehr lesen zu können, ist sehr schlimm für sie.Hilfe bringt ein Lebensmut, dem alles Äußerliche, Krampfhafte fehlt.Er kommt von innen, und das ermöglicht Marga Legal, auch heute noch vor der Kamera zu stehen.Aufwendige Technik macht ihr nichts aus, Kontakt findet sie sofort, und neulich schickte eine Produktionsfirma sogar ein Dankschreiben "das habe ich vorher nie erlebt".Vater Ernst Legal, Intendant der Berliner Kroll-Oper und nach dem Krieg Intendant der Deutschen Staatsoper, hatte ihr vorhergesagt, daß sie "Nerven wie Stricke" brauche, um am Theater zu bestehen.Hart ist Marga Legal nicht geworden, aber sie weiß sich durchzusetzen, geht ins Theater, freut sich an den Leistungen ihrer Kollegen."Alter ist furchtbar", sagt sie und bekennt zugleich, daß die Bereitschaft, "mitzuempfinden", im Alter wächst.Um dieses Mitempfinden ist es der Schauspielerin, die ihrem Beruf noch immer treu ist, in einem erfüllten Leben gegangen.Ob sie, selten, Rollen von Schiller oder García Lorca ("Bernarda Albas Haus", Deutsches Theater, 1980) spielte, oder Volks- und Arbeitergestalten von Gorki, Matusche, Heiner Müller.Aus der Politik, hat sie sich zurückgezogen.Sie braucht ihre Kraft jetzt für sich selbst.Aber nicht nur brave alte Damen möchte sie noch spielen, sondern auch einmal eine "ganz verkommene, versoffene Stadtstreicherin." 

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