Zeitung Heute : Menschen im Internet-Hotel

Das Netz ist überall. Im Büro, im Zug, im Flugzeug. Auch da, wo man nur schlafen will. Ein Selbstversuch

Markus Ehrenberg

Es war kurz nach Mitternacht. Der Timer-Knopf am Fernsehgerät hatte automatisch ausgeschaltet. Im Flur ein paar Schritte, Nachtschwärmer. Der Mond lugte durch den Gardinenspalt. Gespenstische Ruhe. Wäre da nicht so ein Brummen gewesen, am Tisch zwischen Fenster und Bett. Das klang vertraut, wie ein Computer. Oder ein Drucker, oder beides. War man jetzt schon im Büro eingeschlafen, ist es schon so schlimm? Nein, man war nur kurz eingenickt – im rundum vernetzten Internet-Hotel.

Internet-Hotel? Kann man da schlafen? „Das ist die erste Frage, die die Leute stellen, wenn sie den Namen hören. Viele denken, das sei etwas Virtuelles.“ Von wegen. Hotelmanager Olaf Philip Beck ist ganz aus Fleisch und Blut, lehnt sich entspannt zurück, in der Lounge im Hotel Gates in der Berliner Knesebeckstraße. Was da mitternächtlich vor sich hin gebrummt hat, gehört zur kompletten Computerausstattung in jedem der 71 Hotelzimmer. So etwas ist immer noch ungewöhnlich. Größere Häuser wie das Hotel Adlon begnügen sich mit Telefonanschlüssen auf Zimmern und Internet-Boxen in der Lobby, bestenfalls Wireless-LAN, kabellosem Breitbandzugang. Ein Laptop muss mitgebracht werden, um dauerhaft online zu gehen, und die Online-Zeit kostet.

Im Internet-Hotel nicht. Grund genug, sich in – laut Eigenwerbung – Europas erstem und einzigem Haus dieser Art etwas näher umzuschauen, eine Woche vor der Computermesse CeBIT, wo wieder bewiesen werden soll, wie stark 3-D-Handys, kabellose Minicomputer und mobile Internet-Zugänge im Alltag Einzug gehalten haben; in Taschen, Jacken, Zügen, Flugzeugen, warum nicht auch an dem Ort, der für Geschäftsleute zweite Heimat ist: dem Hotel. Das scheint jedenfalls ein lukratives Geschäft zu sein. Trotz des Einbruchs bei den Besucherzahlen nach dem 11. September liegt die Auslastung des Hotel Gates bis zu 13 Prozent über dem Branchenschnitt. Das muss nicht nur, dürfte aber auch mit der 250 000 Euro teuren IT-Ausstattung zu tun haben.

Auf den ersten Blick ist so ein Haus nichts Ungewöhnliches, abends um sieben, beim Einchecken. Abgesehen von der Webcam auf dem Tresen der Rezeption. Aha, wird das hier Big Brother? Wenn man in einem Internet-Hotel duscht, geht beim Hotelmanager der Überwachungsbildschirm an. Nein, nein, beruhigt die Rezeptionistin. Der Gast wird gefragt, wenn Fotos für die Hotel-Website genutzt werden sollten. Derart beruhigt erspart man sich die nähere Inspektion der denkmalgeschützten Fassade und des Treppenhauses aus der Gründerzeit, auch der Dusche auf dem Zimmer. Wo ist die High-Tech? An der Wand drei Landschaften aus internetlosen Zeiten, Stuckdecke, helle Buchentöne, zwei Sofas für Netzmuffel und Leseratten. Dort, leise brummt der Computer mit Flachbildschirm an einem kleinen Schreibtisch vorm Fenster. Daneben der Drucker. Und die Karte mit dem Pay-TV-Angebot. Erotik, aber wozu braucht man das noch, wenn Internet da ist.

Und da gibt es ja auch gute Seiten. Die Startseite, das offizielle Hauptstadt-Angebot. Kino, Theater, Restaurants, Bringdienste. Das erspart den Kauf eines Stadtmagazins. Dann die Adresse seines Web-Anbieters eingetippt, um E-Mails an die Liebste zu schicken. Schließlich surfen, surfen, surfen, vielleicht MP3-Daten herunterladen und an der Rezeption auf CD brennen lassen. Alles mit Highspeed, 36mal so schnell wie ISDN. Man kommt sich vor wie im Haus von Bill Gates, erspart sich aber die Erweiterung seiner CD-Bibliothek und bleibt bei salon.com. Zeit spielt keine Rolle. Es kostet nichts, egal, wie lang das Internet genutzt wird, und das bei ortsüblichen Zimmerpreisen. Eine „günstige Standleitung“ mache das möglich. Die Flatrate sei billiger als alle 72 Premiere-Abos im Hotel zusammen, so Beck.

Aber was ist mit dem Datenschutz? Kann der nächste Hotelgast nicht einfach verfolgen, ob ich mich auf playboy.de aufgehalten habe? Wie lange blieben meine Files gespeichert? So ein kostenloses Angebot kann eine hochsensible Angelegenheit sein – für denjenigen, der es zur Verfügung stellt. Der Hotelmanager zögert. Sicher, beim Auschecken werden die persönlichen Daten gelöscht. Und vorher? Muss man nicht Filter einbauen, die gewisse Seiten sperren? „Nein, wo soll ich da anfangen? Das bringt nichts. Wenn jemand eine kinderpornografische Seite ausfindig macht, ist er dafür selbst verantwortlich, wie im Internet-Café.“

Ob die Gäste an dem Abend zuvor in der Bar auch solche Seiten im Sinn gehabt haben? Und wollen die überhaupt vorm Schlafen-Gehen online sein? Der Nachbar ist auf Geschäftsreise, arbeitet bei der VW-Tochter Gedas. Das mit dem „Internet-Hotel“ sei für ihn schon ein Anreiz, obwohl er sich wirklich frage, wer mitbekommt, auf welchen Seiten er nachts surft. Andere Besucher sehen sich nächste Woche wieder auf der CeBIT. Sie sprechen von „Chipbasiertem“, „Content“ und „B2B“. Dazu Cocktails von der reizenden Bardame Dee. Und oben im Zimmer wartet Highspeed-Internet. 86 Prozent der Gäste geben an, dass sie das nutzen. „Ein Geschäftsmann aus Karlsruhe hat mal die ganze Nacht am PC verbracht, während die Frau acht Stunden schlief“, schwärmt Olaf Philip Beck. Mit seiner gebräunten Glatze, dem Cinque-Anzug und der eigenen Website hat er was von einem New-Economy-Manager. Als Gast in seinem Haus würde der Manager bestimmt die ganze Nacht surfen. Jetzt wundert er sich, dass andere Hotels noch nicht darauf gekommen sind, auf „web-basiertes Marketing“, Kooperationen mit Netz-Portalen, Online-Buchungen, intelligente Software, die Zimmerpreise steuert und Surftrainer, die Gäste betreuen. „Eine Frau aus Peru hatte Heimweh. Da haben wir ihr im Internet eine Webcam aus Südamerika gesucht.“

Etwas fehlt noch. Bill Gates als Gast. Wahrscheinlich weiß der gar nichts von „seinem“ Hotel und Herrn Beck in Berlin, „obwohl viele Gäste glauben, dass gehöre ihm“. Manche mögen den Software-Mogul ja nicht so gern, dabei verbringt man die halbe Nacht mit Hilfe des Internet-Explorers von Microsoft. Das zeitigt Spuren. Am nächsten Morgen noch schnell in den Spiegel nach Augenringen geschaut, im Computer die Einstellungen prüfen, welche Websites noch angezeigt werden. Man weiß ja nie. Und dann wieder hinaus aus dem Hotel der Zukunft. In die kabellose Welt.

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