Zeitung Heute : „Menschen sind keine Maschinen“

Das neue Zentrum für Gesundheitstechnologie will Ideen aus Technik, Medizin und Ökonomie bündeln

Fred Winter

Die TU Berlin bündelt ihre Forschungen auf den verschiedenen Fachgebieten der Gesundheitsbranche in einem eigenständigen Zentrum für innovative Gesundheitstechnologie (ZiG). „Derzeit sind rund 15 Professuren eingebunden“, sagt der Ingenieurprofessor Günter Spur, der die Gründung maßgeblich vorantrieb.

Spur forschte viele Jahre auf dem Gebiet der automatisierten Produktionstechnik. Inzwischen emeritiert, will er neue Forschungsgebiete sondieren. „An der TU gibt es eine breite Palette verschiedenster Lehrstühle rund um die Gesundheit“, sagt Spur. „Wir haben Medizintechniker, Biotechnologen und Arbeitswissenschaftler, die das Krankenhaus als organisatorische Einheit unter die Lupe nehmen. Wir haben Gesundheitsökonomen und jede Menge Partner, beispielsweise die starke Medizintechnik bei Siemens oder die Berliner Charité, das größte Forschungskrankenhaus in Europa.“

Spur verweist auf die einzigartige Dichte in Berlin: Hier begegnen sich Forschungsinstitute, Wirtschaftsverbände, Ministerien und unzählige Kliniken, sowohl von öffentlicher als auch von privater Hand. Tausende Ärzte und forschende Mediziner arbeiten in der Region. „Gesundheitstechnologie umfasst nicht nur technische Geräte zur Diagnostik und Therapie, sondern auch die Prävention und Wellness, also Urlaub, Sport, Sicherheit und gesundheitsfördernde Freizeitaktivitäten“, sagt Spur. „Die Gesellschaft wird immer älter, immer mehr Menschen geben Geld für ihr Wohlbefinden aus. Wir wollen Brücken bauen, um das Vertrauen der Menschen in die moderne Gesundheitstechnologie zu verbessern.“

Das ZiG soll über die Grenzen der Fachbereiche hinaus wirken, „vorbildhaft und prototypisch“, wie Spur sagt. Die Stiftung Brandenburger Tor stand in mehreren Workshops als Patin zur Seite. Die TU Berlin stellte frühzeitig Personal für die Koordination zur Verfügung, um die Kooperation ins Rollen zu bringen. „Mit Hilfe des neuen Zentrums bieten wir eine Plattform, um verstärkt Drittmittel einzuwerben“, sagt Marc Kraft. Kraft hat den Lehrstuhl für Medizintechnik inne und gehört zu den geistigen Vätern des ZiG. „Wir führen die Gesundheitsökonomie, die Gerätetechnik, die Elektronik und die Arbeitsprozesse zusammen, um der Industrie und Geldgebern in der Forschung umfassende Lösungen anzubieten.“

Zu den Forschungen an der TU Berlin gehören beispielsweise biokompatible Materialien für Prothesen und Ersatzgewebe, Analysen der Gesundheitswirtschaft und neue Konzepte zur Finanzierung von Dienstleistungen auf diesem Sektor, das digitale Krankenhaus, Datenerfassung und Diagnostik über das Internet (E-Health) oder neue Gerätetechnik bis hin zu textilen Sensoren zur dauerhaften Überwachung vitaler Körperfunktionen. „Die Bündelung wird es uns erlauben, wesentlich größere Projekte einzuwerben, als es die einzelnen Lehrstühle vermögen“, prophezeit Marc Kraft.

Wenn die TU Berlin ihre Forschungen rund um die Gesundheit des Menschen zusammenfasst, stößt sie das Tor zu einer neuen Technik auf: „Jeder Mensch ist anders, denn wir sind keine Maschinen. Also muss sich die Technik den individuellen Eigenheiten der Patienten anpassen“, urteilt Professor Spur. Er verweist darauf, dass die Sensorik bereits an der Schwelle zur individualisierten Technik steht. „Wir können heute unglaublich feine Ströme messen“, nennt er ein Beispiel. „Mit angepassten Sensoren können wir die wichtigsten Körperwerte eines Menschen über lange Zeit aufzeichnen. Das macht langfristige Trendanalysen möglich, lange bevor eine Krankheit tatsächlich ausbricht.“

Ein wichtiger Knackpunkt der modernen Gesundheitssysteme ist ihre Finanzierung – vor dem Hintergrund der fortschreitenden Alterung der Bevölkerung. Der Gesundheitsökonom Klaus-Dirk Henke sieht das bisherige Finanzierungsmodell unter Druck: „Die gesetzlichen Krankenkassen werden künftig nur noch die Grundsicherung gewährleisten, etwa nach Unfällen oder bei akuten Erkrankungen“, prophezeit er. „Die Leute müssen mehr aus ihrem privaten Portemonnaie bezahlen, andernfalls müssten wir die Leistungen rationieren.“

Henke, der gleichfalls in das ZiG eingebunden ist, sieht Techniker und Ärzte in der Pflicht, ihre Ideen bezahlbar zu halten: „Wir denken, dass Humanität und Ökonomie kein Widerspruch sind.“ Zudem erwartet er, dass sich die Krankenhäuser spezialisieren: „Es wird spezielle Kliniken für Knieprobleme geben oder für spezielle Eingriffe am Auge. Die Patienten fahren dann für solche Sonderoperationen nach Brüssel oder Paris. Regional flächendeckend verbleibt lediglich die akute Grundversorgung.“

Der erfahrene Techniker Günter Spur denkt weiter: Bald wird es in Deutschland medizinische Versorgungszentren geben, in denen sich die Menschen testen lassen können und ambulante Therapie erfahren. Ohne zuverlässige und Vertrauen erweckende Geräte wird das nicht gehen. „Dort brauchen wir spezielle Mediziningenieure, die sowohl von den Geräten als auch von der Anwendung im medizinischen Alltag etwas verstehen. Diese Fachleute könnten wir ausbilden.“

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