Zeitung Heute : Menzels Welt

Mit der Zeitmaschine durch Berlin: Adolph Menzel malte die Stadt auf ihrem Weg in die Moderne. Wir haben fotografiert, wie diese Motive heute aussehen. Eine Erinnerung zu seinem 100. Todestag.

Elke Linda Buchholz

Menzel ist zurückgekehrt. Vor 140 Jahren hat der Künstler im Haus Marienstraße 22, Berlin-Mitte, gewohnt. Heute begegnet er einem hier im Hausflur. Die beiden Selbstporträts, die extrem vergrößert auf die frisch restaurierten Wände gepinselt sind, zeichnete Adolph Menzel einst mit schnellem Strich ins Skizzenbuch. Ein repräsentatives Selbstbildnis in Öl hat er nicht hinterlassen. Lieber beobachtete er seine Zeitgenossen auf den Straßen Berlins, bei Hofbällen, in der Fabrik und im Zoo. Dabei hielt er fest, wie sich Berlin veränderte, von der beschaulichen Residenzstadt des Biedermeier zur expandierenden Metropole des beginnenden 20. Jahrhunderts.

Die Marienstraße in Mitte ist heute eine noble Adresse, unweit der Spree zwischen Regierungsviertel und Deutschem Theater. Trotz der zentralen Lage geht es hier sonntags wie werktags ruhig, ja, beschaulich zu. Links und rechts reihen sich Wohnhäuser, deren bescheidene Stuckfassaden nicht mit üppigem Zierrat prunken wie Mietshäuser der Kaiserzeit. Denn die kleine Marienstraße ist älteren Datums. Manche der Häuser stammen noch aus dem Jahr 1827, als die Straße im neu entstehenden Stadtteil Friedrich-Wilhelm-Stadt angelegt wurde. Fast alle sind älter als 150 Jahre, und sie haben die Wirrnisse der Geschichte nahezu unbeschadet überstanden. Die ganze Straße ist Baudenkmal. Und nach der Wiedervereinigung rückte der Kiez aus seiner Mauerrandlage ins Zentrum.

Das frisch sanierte Menzelhaus ist vor einem Jahr bezugsfertig geworden und wird nun häppchenweise in Eigentumswohnungen verkauft. Die meisten Käufer sind gleich selber eingezogen, eine Psychologin, ein Unternehmensberater, Film- und Medienleute, insgesamt 25 Parteien. Noch hat der Alltag keine Spuren in den neu gestrichenen Zimmern hinterlassen. Aufwendig geflieste Bäder, Zentralheizungen und neu verlegte Parkettböden bieten einen Komfort, von dem man zu Menzels Zeiten nur träumen konnte. Von den neu angebauten Balkons im Innenhof des vierstöckigen Hauses blickt man auf akkurat gestutzte Hecken. Früher war dort der Abort.

Direkt nebenan blättert der Putz von den Fassaden eines leerstehenden Hauses, im Hof weht der Wind durch zerschlagene Fenster. Hier hatte zu Menzels Zeiten die Luxuspapierfabrik des jüdischen Fabrikanten Wolf Hagelberg ihren Sitz, der 1854 die Glanzbilderbögen erfand. Auf der anderen Seite, im Hinterhof der Hausnummer 23, hängt der Geruch von Benzin und Motoröl in der Luft. Männer im Blaumann werkeln in einer schrammeligen Autowerkstatt.

Die unsanierten Klinkerfassaden der historischen Fabrikarchitektur erzählen noch davon, dass hier einst – wie in vielen Berliner Höfen – Industriearbeit verrichtet wurde. Auch auf dem Grundstück des Menzelhauses wurden im Hinterhof ab 1869 mehrstöckige Fabrikgebäude angebaut. Doch da war Menzel schon ausgezogen. Gewohnt hat er hier nur zwei Jahre, von 1865 bis 1867; noch bis 1872 behielt er sein Atelier im Haus. Als „Professor, Geschichtsmaler u. Mitglied der Academie der Künste“ verzeichnen ihn die damaligen Adressbücher.

In der Menzel-Literatur hält sich hartnäckig der Irrtum, er habe fünf Jahre früher in der Marienstraße gelebt. Doch da wohnte der Künstler noch in der Kreuzberger Ritterstraße 43, auf einer Etage mit seinem jüngeren, ewig kränkelnden Bruder Richard und der Familie seiner Schwester Emilie, die den Musikdirektor Hermann Krigar geheiratet hatte. Erst als dessen Mutter starb, erbte Krigar 1865 das Haus in der Marienstraße, das sein Vater einige Jahrzehnte zuvor erbaut hatte, und man bestellte den Umzugswagen.

Den Hinterhofblick aus dem Fenster der Marienstraße (vermutlich seinem Schlafzimmer) hat der Maler 1867 zwei Mal festgehalten. Damals pickten dort unter Bäumen die Hühner. Menzels Künstlerfreund Paul Meyerheim schreibt in seinen Erinnerungen: „An das alte Haus der Marienstraße stieß ein Gärtchen, und auf die blaugrau getünchten Mauern desselben hatte er zur Freude der Kinder seiner Schwester neben einer Gartenlaube in Lebensgröße, in Öl einige Papageiständer gemalt, auf denen verschiedene Aras und Kakadus in schreienden Farben kreischten.“

Sechs Mietparteien wohnten damals im Haus: ein Steinmetzpolier, ein Schuhmacher, ein Goldarbeiter, ein praktischer Arzt und ein Königlicher Oberamtmann sowie die Witwe Einbeck. Der Umzug von der Kreuzberger Stadtrandlage in die Marienstraße markierte auch den sozialen Aufstieg Menzels. Von hier waren es nur ein paar Schritte zur Kunstakadamie Unter den Linden oder zu den Kunsthandlungen, die seine Bilder verkauften.

Menzel war damals 50 Jahre alt, ein kleinwüchsiger Mann, der sich – 1815 in Breslau in bescheidensten Verhältnissen geboren – als Grafiker emporgearbeitet hatte, es zum Hofmaler brachte. Nach jahrelanger, nervenaufreibender Arbeit wurde seine riesige Darstellung der Königskrönung Wilhelms I., des späteren Kaisers 1865 endlich ausgestellt, heute hängt es im Neuen Palais in Potsdam.

Von all den Wohnadressen Menzels in Berlin ist einzig das Haus in der Marienstraße erhalten geblieben. Neuerdings erinnert dort sogar eine Gedenktafel daran, wenn auch mit falschem Datum. Zu verdanken hat der Maler diese Aufmerksamkeit nicht seinem 100. Todestag am 9. Februar, sondern der Marketingstrategie des Sanierers. Aber immerhin gewährt der auch der Malerei heute einen Ort: Oben unterm Dach zeigt ein Galerist im Auftrag des Immobilienmaklers junge Berliner Künstler. Allerdings nur so lange, bis auch diese Wohnung verkauft ist.

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