Merkel : Nur die Ruhe

Stephan-Andreas Casdorff

Die kann es nicht? Ach je. Natürlich hat die Kanzlerin wieder die Kurve gekriegt, wie es der SPD- Chef gefordert hat. Da muss schon mehr kommen als gestern, um sie inhaltlich in Bedrängnis oder sonst wie aus der Ruhe zu bringen. Warum? Die Antwort ist: Psychologie. Sie ist dort, wo sie hinwollte, und ihrer sicher. Ihr kann keener. Nicht Koch, nicht Wulff, nicht Beck oder Steinmeier. Die üben alle noch, sie selbst zu sein. Oder müssen sehen, wo sie bleiben. Angela Merkel macht schlicht so weiter wie bisher. Weil sie nicht anders kann, nicht anders will, und basta. Nur sagt sie es nicht laut.

Die große Koalition ist ideal für sie. Da sitzen Partner am Tisch, die sich im Zweifelsfall des Egos wegen gegenseitig neutralisieren, und sie lacht sich ins Fäustchen. In einer solchen Konstellation ist Führung so eine Art Überredung, Ermüdung, Verwirrung des Gegners, der hier Partner heißt. Das ist übrigens das Prozesshafte, das von der Physikerin noch übrig ist. Ansonsten geht Merkel nach Gefühl – interessant der Satz: „Ich habe das tiefe Gefühl“ –, und nach Aktenlage.

Die ist ja auch imposant, unabhängig von der Tatsache, dass es klingt, als hebe hier die Sachbearbeiterin M. an. Erbschaftsteuer, Konsolidierung der Finanzen, Haushaltsberatungen in Zeiten abflauender Konjunktur, Privatisierungserlöse, der Gesundheitsfonds vor dem Hintergrund der Forderung nach geringeren Lohnzusatzkosten, der Niedriglohnbereich, der Abbau der Bürokratie, Klimaschutz auf die praktische Art, Kinderbetreuung ebenso, Aufschwung für alle in Form des Investivlohns, Onlinedurchsuchungen gegen Terrorismus, der Integrationsplan, die Debatte über einen internationalen Rahmen für die soziale Marktwirtschaft … Wer kann Merkel widersprechen, wenn sie meint: Das ist ein großes Programm, das große Konzentration in einer großen Koalition der Vernunft und Verantwortung verlangt.

Und da, genau da hat sie die SPD am Wickel. Die muss jetzt höllisch aufpassen, denn was so langweilig daherkommt, ist für sie brandgefährlich. Dahinter steht die Strategie: Hier bin ich, sachlich, vernünftig, ernsthaft, verantwortungsbewusst – und da sind die anderen, die Sozis, die Krawallmacher und mutterlandslosen Gesellen. Krawallig ausgedrückt. Je öfter die Sozialdemokraten laut werden, desto eher wird sich das Gefühl in der Gesellschaft breitmachen, dass sie pöbeln. Und Pöbler wählt man nicht. Das lernt, Ironie der Geschichte, womöglich sogar gerade Angela Merkels einziger wirklicher christkonservativer Rivale von Rang, Roland Koch. Die Hessen, die Deutschen insgesamt, sind nicht mehr so, die lieben Extreme nicht so sehr, jedenfalls nicht in der Mehrheit. Die Mehrheit will Ruhe, den Regierenden vertrauen können und ein bisschen was vom Leben haben. Dafür sollen die da oben sorgen.

Das hat Merkel begriffen, bitter begreifen müssen. Man(n) kann das Ergebnis der Bundestagswahl 2005 gar nicht überschätzen. Merkel hatte krachend verloren, wurde angemacht von Macho Schröder, musste durchhalten unter allerhöchstem Druck und sich zugleich neue Handlungsfreiheit verschaffen. Ein Stahlbad. Das Ergebnis ist bekannt. So schlimm kann es nicht noch mal kommen. Die SPD hat keinen Wahlkämpfer, der wieder ein Stahlbad anrichten kann. Zumal Merkel doch beständig lernt und den ungeheuren Fehler von damals nicht wiederholen wird. Deshalb auch lässt sie jetzt Koch laufen. Soll der die Leute mit seinen Forderungen zum Strafrecht verschrecken, das erledigt sich von selbst. Aber es hilft, andererseits, die ziemlich saure konservative Klientel zu besänftigen. Deren Stimmen braucht Merkel für eine Wiederwahl ja auch.

Müßig ist es, nach einem tiefen Sinn in der Kanzlerschaft Merkel zu suchen. Von ihr einen quasi philosophischen Entwurf für die Gesellschaft von morgen zu verlangen, à la Brandt oder Mitterrand oder auch Helmut Schmidt, wäre vergebene Liebesmüh. So ist sie eben nicht. Nichts mit Popper oder Marc Aurel – die Wahrheit ist konkret, Genossen. Und da ist witzigerweise ein Leiser wie Arbeitsminister Scholz auf dem richtigen Weg. Wenn Merkel stolpert, dann, weil sie sich in Details verheddert.

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