Zeitung Heute : Mexikanische "Stehauf-Männer" ohne Angst

ST.ETIENNE (sid).Als "El Matador" in der fünften Minute der Nachspielzeit gnadenlos zustach, brachen in Mexiko alle Dämme.Dem 2:2 durch den "Blonden Engel" Luis Hernandez für sein Land gegen die Niederlande und der damit verbundenen Achtelfinal-Qualifikation folgten in der Hauptstadt Mexiko-Stadt spontane Straßenfeste von mehreren zehntausend Menschen.Mexikos Staatspräsident Ernesto Zedillo schwelgte in einer spontanen Ansprache: "Diese Aufholjagd ist ein leuchtendes Beispiel für alle Mexikaner."

Weniger gut war die Stimmung bei den Niederländern.Erst genial, dann generös: Nach nahezu weltmeisterlicher erster Halbzeit mit fast perfektem "Rasenschach" und den schnellen Toren durch Cocu (4.) und Ronald de Boer (19.) ließen sie die Zügel schleifen und verloren ohne echte Not ihre Linie.Kapitän Frank de Boer: "Wir haben nach der Pause unsere Konzentration verloren.Zum Glück reichte es zum Remis ohne Folgen.Wir sind alle sehr enttäuscht." Arthur Numan erkannte: "Wir haben uns zu sicher gefühlt." Solche Überheblichkeit dürfen sich die Oranje-Hemden gegen Jugoslawien nicht leisten.Bondscoach Hiddink ist zuversichtlich und bleibt gelassen: "Jugoslawien ist genauso schwer zu spielen wie es Deutschland gewesen wäre."

Die mexikanischen Spieler verzichteten auf Jubelfeiern.Heimlich, still und leise bezogen die wackeren "Stehauf-Männer" von Trainer Manuel Lapuente noch am Donnerstag abend wieder ihr Stammquartier in Fontenailles, 80 Kilometer südöstlich von Paris.Der Coach verfügte eine Kontakt- und Nachrichtensperre.Alle Konzentration gilt seit Freitag dem Achtelfinale am Montag in Montpellier, wenn die "Azteken" ein wenig überraschend zum dritten Mal nach 1978 und 1986 bei einer WM-Endrunde Deutschland forden.

Und Vorsicht ist geboten: Denn Mexiko entpuppte sich bei der WM in Frankreich als ernstzunehmender Gegner.Gegen die Favoriten Belgien und Niederlande holte die Mannschaft jeweils ein 0:2 auf und zeigte dabei neben leidenschaftlichem Einsatz auch technisch ansehlichen Fußball."Wir werden unser Bestes tun, um jetzt auch das Viertelfinale zu erreichen.Deutschland ist ein exzellenter Gegner, aber wir sind gerüstet", sagt Lapuente.

Für den 60jährigen, der 1991 nach seiner ersten Amtszeit gefeuert worden war und im Winter 1997 den Posten von "Bora" Milutinovic erneut übernahm, ist der Achtelfinal-Einzug Balsam auf die Wunden.Noch kurz vor dem Endturnier hatte der ehemalige Nationalheld Doktor Hugo Sanchez nach Testspielpleiten herbe Kritik geübt."Mexiko ist nicht für die WM gerüstet.Solche Niederlagen nagen am Selbstvertrauen", hatte der Zahnarzt, WM-Teilnehmer 1986 in Mexiko und 1994 in den USA, gewettert.

Doch das Team um Stürmerstar Hernandez, Torwart-Paradiesvogel Jorge Campos und Kapitän Alberto Garcia Aspe strafte Sanchez Lügen."Die Mexikaner haben gezeigt, daß sie Charakter haben und niemals aufgeben", lobte Deutschlands "Blonder Engel" Bernd Schuster, der 1996 für ein paar Monate beim mehrfachen Mexikanischen Meister Unam Pumas sein Geld verdiente und den dortigen Fußball kennenlernte.Kritik übte der Europameister von 1980 allerdings an Campos: "Er ist der Schwachpunkt.Er fängt die Bälle sehr schlecht und ist mit den Füßen besser als mit den Händen."

Die mexikanischen Helden lassen sich von Unkenrufen freilich nicht mehr beeindrucken.Sie brennen gegen Deutschland auf den ganz großen Coup und wollen gegen den dreimaligen Weltmeister den ersten WM-Sieg landen: In den zwei WM-Duellen hatte es 1978 in der ersten Runde eine 0:6-Packung gesetzt, 1986 waren die Gastgeber dann im Viertelfinale 1:4 im Elfmeterschießen an Deutschland gescheitert.

"Wir haben ein gutes Team und können jeden schlagen", tönt Kapitän Garcia Aspe.Und Cuauhtemoc Blanco, der Stürmer mit den ungewöhnlichen Tricks und dem für deutsche Hörfunk- und TV-Reporter kniffligen Vornamen, fügte an: "Wir müssen voll motiviert sein, um Deutschland unter Druck zu setzen.Die Offensivkraft dazu haben wir." Cesar Luis Menotti sieht das Achtelfinal-Duell drastisch.Nach Auffassung des argentinischen Weltmeister-Trainers von 1978 spielen "kreativer Wahnsinn" gegen "grauen Fußball".Allerdings feierte Mexiko in insgesamt acht Spielen nur einen einzigen Sieg gegen Deutschland - am 15.Juni 1985 bei der Mini-WM im eigenen Land (2:0).

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