Zeitung Heute : Mexiko ist mehr

KATRIN BETTINA MÜLLER

Mit dem mexikanischen Staatsbesuch kamen die "Maestros Mexicanos" in den Berliner MarstallVON KATRIN BETTINA MÜLLEREs beginnt mit Edelkitsch: Mestizin, glutäugig, schwarzhaarig, posiert mit reifen Früchten vor barocker Kirche.Der Sombrero an der vordersten Bildkante läßt keinen Zweifel: Wir befinden uns in Mexiko.Doch was so verbraucht nach imperialem Herrengeschmack aussieht, bedeutete 1916, als Saturnino Herrán das Bild malte, eine Suche nach den Wurzeln des Mexikanertums.Der Mestizin den Platz einzuräumen, den bis dahin ein christliches oder allegorisches Personal einnahm, das hieß, sich den heterogenen Ursprüngen der eigenen Gegenwart zu öffnen.Damit waren die Weichen für ein nationales Erneuerungsprogramm gestellt. Auf der Rückseite der Stellwand mit Herráns schwüler Exotik hängt der "Junge mit Ziegen" (1928) von Luis Martinez, Direktor der Nationalen Schule der Schönen Künste und Begründer von Freiluft-Schulen für Malerei.Wie die Alphabetisierungskampagnen sollten die an vielen Orten gegründeten Malschulen die Ausdrucks- und Wahrnehmungsfähigkeiten der Bevölkerung verbessern: Künstler mit akademischer Vorbildung lernten neben Kindern und versuchten, an deren Spontaneität teilzunehmen.Martinez läßt die Ziegen des Jungen in einem Paradiesgärtlein weiden; ihre Nähe ist sein einziger Schutz vor der Wildnis hinter dem Zaun. Doch diese plakative Bildsprache ist in der Ausstellung mexikanischer Meister eingebettet in ein vielfaches Echo auf kubistische und impressionistische Kompositionen.Die Suche nach Themen, die nationale Identität stifteten, mußte nicht notwendig bei Kind, Katze, Bauer, Arbeiter stehenbleiben.Die Malerin Maria Izquierdo, die zu den lohnenswerten Entdeckungen dieser Ausstellung gehört, porträtierte 1928 eine junge Frau, die sich in einer verfehlten Pose der Lässigkeit an eine Kommode lehnt.Treffend ist die Unsicherheit an der Schwelle zwischen ländlicher und städtischer Kultur charakterisiert.Izqueriedo wurde später von Diego Rivera und David Alfaro Siqueiros mit Zweifeln an ihrer Kompetenz aus der Wandmalerei gedrängt. Zehn Jahre ist es her, daß eine große Retrospektive über Diego Rivera - von der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst nach Berlin geholt - neben dem programmatischen Wandmaler als Überraschung auch den in Paris geschulten Kubisten Rivera vorstellte.Schon da zeigte sich der Widerspruch zwischen europäischer Tradition und mexikanischer Erneuerung als eine ideologische Konstruktion.Die Ausstellung "Mexikanische Meister", die mit dem Besuch des mexikanischen Präsidenten Ernesto Zedillo nach Berlin kam, bemüht sich nun, für ein halbes Jahrhundert den Gegensatz zwischen internationaler Moderne und nationalem Malprogramm aufzulösen.Ihr Beleg sind Tafelbilder, die - als bürgerliches Medium verschrien - dennoch in vielen Ateliers entstanden; von einer engagiert linken Kunstgeschichtsschreibung allerdings, die auf der Suche nach einer öffentlichkeitswirksamen Kunst nach Mexiko blickte, wurden sie kaum beachtet.Das Feld der bekannten Maler erweitert sich nun um viele Namen. Das Tangopaar und der Drehorgelspieler von Antonio Ruiz, der in hölzerner Kantigkeit seinem Handwerk angeglichene "Tischler" von Gabriel F.Ledesma, ein Telefon von Maria Izquierdo: Ein magischer Realismus entfaltet sich in den Genreszenen vom Stadtrand, in den Porträts und Stilleben der zwanziger Jahre.In eine naiv anmutende Formsprache gleitet der Realismus der mexikanischen Maler allerdings dort, wo sie monumentale Themen aufgreifen wie der Vulkanausbruch von Gerardo Murillo oder der "Brand im Stadtteil Doctores", 1951 von Amador Lugo gemalt.Das Ursprüngliche der einfachen Sujets hat sich in den vierziger Jahren verbraucht.Die Rückkehr zum Neoklassizismus, an der auch Rivera und Siqueiros teilnehmen, wirkt müde. Beeindruckend sind dagegen jene Bilder, die sich der direkten Artikulation einer Krise zuwenden.Alfonso Michel malte 1949 ein Pferd, das sich vor wüster Landschaft auf einem Zirkuspodest in Todesqualen windet.Sene Beine sind abgesägt: Doch die Stümpfe wirken wie aus Pappmaché, als ob mit dem Pferd zugleich die nachahmende Kunstform zerstört würde.Von Josef Clemente Orozco, dem dritten Helden der Großwandbilder, stammt eine "Metaphysische Landschaft" nur aus Himmel und Erde, in die sich von oben eine schwarz glänzende, rechteckige Form senkt.Sie droht den Blick abzuriegeln. Diese Wiederentdeckungen verdankt sich nicht zuletzt dem Interesse von privaten Sammlern, die auf Auktionen in New York und Europa nach mexikanischer Malerei fahnden.Auch die 98 Werke im Marstall kommen größtenteils aus der privaten Sammlung von André Blaisten.Marstall-Galerie, Schloßplatz 7, bis 30.November.

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