Zeitung Heute : Mezz im Mövenpick

Schonkost aus der Schweiz

Bernd Matthies

Brasserie Mezz im Mövenpick-Restaurant, Europa-Center, Charlottenburg, Tel. 264 76 30. Täglich ab 17 Uhr. Foto: Doris Klaas

Schweizer Gastronomie – das war der kulinarische Hit der 60er Jahre. Geschnetzeltes und Rösti, dazu allerhand andere nahrhafte Dinge in rahmiger Sauce, Fondue und Raclette luden den hungrigen Deutschen seinerzeit Speck auf die Hüften. Erst die neue französische Küche und ihre Weiterentwicklungen ließen diese Art der Ernährung antik aussehen. Dennoch gelang es der Schweizer Mövenpick-Gruppe Anfang der achtziger Jahre in Deutschland, mit einem munteren, modernen Konzept irgendwo zwischen Kuchen- und Salatbuffet, Geschnetzeltem und Nudelgerichten zu einer Institution für anständige Küche zu werden und zur guten Adresse vor allem für Touristen, die jegliche Überraschung vermeiden wollten. Doch dieses Konzept ist in die Jahre gekommen, und auch die typische Mövenpick-Einrichtung, die mich immer an die Almhütte eines blinden Milliardärs erinnerte, war wohl langsam reif zur Überarbeitung.

Das neue Konzept des Konzerns fürs 21. Jahrhundert hat nach Hannover nun auch Berlin erfasst und heißt „Mezz“. Die Farben haben sich beruhigt, werden flächiger, moderner eingesetzt, die Bauerngardinen sind verschwunden, viel Glas und Stahl hinterlassen einen weltläufigen Eindruck. Was früher nur getestet wurde, ist jetzt Dauerzustand: Es gibt zwei verschiedene Restaurants unter einem Dach. Die „Kitchen Gallery“ ist die Basis – hier gibt es Salat vom Buffet und allerhand Klassiker, die Köche arbeiten hinter Glas, und es geht alles recht flink von mittags bis in die Nacht. Nach zwei Kostproben, einem Doppelmatjesfilet mit einem weitgehend erkalteten Rösti und Lachs unter einer matschigen so genannten Apfel-Meerrettich-Kruste mit einer weißen 70er-Jahre-Sauce und brachial gebratenen Gemüsen fand ich: gehen wir doch lieber in die Brasserie Mezz.

Das ist die bessere Abteilung des Hauses, die exakt dort liegt, wo sich einst das „Romanische Café“ befand. Hier gibt es nur Abendessen, und die Speisekarte dort liest sich ein wenig individueller, so, als könne der Küchenchef hier kochen, was er eigentlich wolle, ausgenommen das Kalbsgeschnetzelte, das in beiden Restaurants angeboten wird. Eine Pastete vom Saalower Kräuterschwein machte uns neugierig auf das neue Mövenpick. Doch die in der Speisekarte angekündigte Senffrüchtevinaigrette sah seltsam nach Preisselbeermarmelade aus und schmeckte auch so; der praktisch ungewürzten Pastete war es egal. Besser gefiel uns die Sülze aus Eisbein und Gemüsen mit Remoulade, die durchaus beispielhaft für gelungene Berliner Regionalküche stand, und auch der Salat mit Ziegenkäse stand für sich – nur ist dafür keine Küchenkunst erforderlich. Die aber wäre, neben einem Salzstreuer, notwendig gewesen, um die folgenden Hauptgänge wenigstens einigermaßen auf Niveau zu bringen. Ob beim anständigen, mit viel Sauce und Gemüse in die Länge gezogenen Lammcurry mit völlig salzfreiem Korianderreis, ob beim bleichen Kabeljaufilet auf Kartoffeln und Gemüsen oder bei den Saiblingsfilets auf Radieschen-Kartoffelsalat: Alles schmeckte ungefähr so, wie man sich in der Gründerzeit von Mövenpick Schonkost für Nierenkranke vorgestellt hat. Wie so etwas kommt? Offenbar gibt es in dieser Küche noch keine festgelegten Abschmeck- und Würzstandards, und niemand fühlt sich bemüßigt, einfach mal zu probieren, was da rausgeht. Die Desserts waren besser, allerdings ist das Angebot kläglich: Außer einer passablen, „Berliner Luft“ getauften Zitronencreme mit Himbeersauce und einer Crème brulée gab es nichts, sieht man von diversen Eisbechern ab, die den Umsatz der hauseigenen Fertigsorten ankurbeln sollen.

Unsere Enttäuschung wurde nur durch die sehr nette Kellnerin gemildert, und die Weinkarte verdient sogar ein Sonderlob, denn sie bietet einen guten Querschnitt durch das erstklassige Angebot der Mövenpick-Kellerei, die außer guten Schweizer Weinen fast alles hat. Der Weißburgunder Kabinett von Wehrheim aus der Pfalz ist mit 20 Euro so vorbildlich günstig kalkuliert wie alle anderen Weine; ich hätte glatt noch drei Euro draufgelegt, wenn sie richtige Eiskühler hätten und nicht nur die halbherzigen Tonröhren.

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