Migrationspolitik : Vielfalt als Lebensart

Nach Jahrzehnten der Einwanderung: Australiens multikulturelle Gesellschaft.

Bettina Biedermann
Vielfalt als Markenzeichen. Am Strand von Sydney.
Vielfalt als Markenzeichen. Am Strand von Sydney.Foto: Reuters

Wer heute Australien besucht, dem präsentiert sich eine offene, bunte, vielfältige Gesellschaft, die von Einwanderern geprägt ist. Aus heutiger Perspektive ist der Grad der Veränderung, die Australien seit 1945 erlebt hat, kaum noch nachvollziehbar. Verglichen mit dem heute pulsierenden Leben auf den Straßen von Melbourne, Perth oder Sydney präsentierte sich das Land für die Einwanderer nach dem Zweiten Weltkrieg als sehr karg und konservativ: Die australische Küche war eintönig , die Pubs schlossen bis 1954 um 18 Uhr und nennenswerte, mit Europa vergleichbare kulturelle Angebote gab es auch in größeren Städten selten. Welch ein Kontrast zu heute: Spätestens seit den Olympischen Spielen in Sydney im Jahr 2000 gilt Australien als heitere, weltoffene und vielfältige Gesellschaft.

Einwanderung und Einwanderungspolitik stehen im Zentrum der sozialen und politischen Geschichte des fünften Kontinents. Geprägt wurde die heutige australische Gesellschaft durch die großen staatlichen Masseneinwanderungsprogramme, die die Regierung nach 1945 startete. Ende des Zweiten Weltkriegs lebten auf dem fünften Kontinent sieben Millionen Menschen. Seitdem sind mehr als 6,5 Millionen Menschen aus fast allen Ländern der Welt nach Australien eingewandert. Mehr als ein Viertel der heute in Australien lebenden Menschen wurde nicht dort geboren. Gerade in den vergangenen zwei Jahrzehnten hat die Einwanderung aus asiatischen Staaten stark zugenommen.

In den 1950er Jahren betrieb die Regierung nicht nur Anwerbebüros in den meisten europäischen Ländern, sondern bereitete auch die eigene Bevölkerung auf die Veränderungen vor. Große Werbekampagnen erklärten, warum Einwanderung notwendig und wichtig für das Land war. Es galt die Devise, dass sich Australien durch Einwanderung vor einer militärischen Invasion schützen müsse. Die asiatischen Nachbarn wurden damals noch als Bedrohung betrachtet, nicht als Chance.

Bis in die 1960er Jahre hinein verfolgte die Einwanderungspolitik der australischen Regierung das Ziel, ausschließlich weiße Europäer ins Land zu holen. Erst in den 1970er Jahren leiteten weitreichende Veränderungen eine Zäsur in der Einwanderungs- und Integrationspolitik des Landes ein. Die „multikulturelle Gesellschaft“ hielt Einzug in Australien. Der Begriff bedeutet in Australien vor allem die Anerkennung der kulturellen und ethnischen Unterschiede. Der Australian Way of Life wurde neu interpretiert: Seitdem soll die multikulturelle Gesellschaft die australische Lebensart symbolisieren.

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