Zeitung Heute : Milch macht müde Mädchen munter!

Von Esther Kogelboom

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In Kapstadt gehen die Uhren anders. Leute aus Johannesburg, Durban oder von mir aus auch Bloemfontein nennen Kapstadt leicht verächtlich „Slaapstadt“. Warum? Weiß nicht. Gähn, streck, seufz.

Ich habe mich bereits bestens dem Rhythmus dieser Stadt angepasst. Zum Beispiel habe ich es immer noch nicht geschafft, auf den Tafelberg zu klettern. Am vergangenen Mittwoch (Vollmond in meinem Sternzeichen Krebs!) dachte ich, okay, es gibt ja die Seilbahn. Man könnte eine Flasche Wein einpacken, mit dem Auto zur Talstation fahren, dann mit der Seilbahn rauf, einmal gucken und nach Sonnenuntergang wieder runter. Ich versuchte, meinen Mitbewohner, der normalerweise für touristische Unterfangen nicht viel übrig hat, von meinem faulen Plan zu überzeugen.

„Du würdest mit mir auch nicht aufs Brandenburger Tor fahren“, sagte er. „Nee“, sagte ich. „Das ist viel zu unsicher, gerade nach Sonnenuntergang. In letzter Zeit häufen sich die Vorfälle. Banden aus den Vorstädten.“ Mein Mitbewohner nickte verständnisvoll, und wir fuhren los.

Nach wenigen Minuten zogen dünne Schleierwölkchen am Himmel auf, begleitet von einer leichten Brise. Eine Sekunde später waren nicht unwesentliche Teile des Himmels schwarz, und ein ernsthafter Sturm rüttelte am Auto. Die Seilbahn verschwand in ihrem Haus. Auf dem Rückweg bildeten wir zusammen mit den anderen Touristen einen Stau. Zum Glück hatten wir die kühle Flasche Weißwein dabei, die wir mit Volker und Bea aus München, unseren Staunachbarn, teilten. „Mei“, sagte Volker, „die Südafrikaner kriegen nichts, aber auch gar nichts auf die Reihe. Wie soll das erst 2010 werden? Ich sage nur: Parkleitsystem!“

Mich stürzte das Wort „Parkleitsystem“ in eine Deutschlanddepression, und zwar ohne Umleitung. Ich dachte an Matsch, Halskratzen und Bezirksämter. An Kampfhunde und den Einnässer aus der U-Bahnlinie U 2. Puh.

Mein Mitbewohner legte den Arm um mich. „Ach komm“, sagte er. „Das sind doch nur irgendwelche doofen Deutschen.“

– „Das ist es ja. Ich bin selber eine doofe Deutsche“, gnatzte ich zurück. Der Vollmond im Krebs macht mich jedes Mal äußerst ungenießbar.

Der Krebs, also ich, heilt jede Stimmungsschwankung mit Kochen und Essen. In meinem absoluten Lieblingsgeschäft Woolworths (coole Einkaufswagen, funky Musik, auf den Punkt reife Avocados) kaufte ich Gnocci und Rote Bete sowie ein paar Liter Milch und Sahne für eine ordentliche Schokoladencreme. Zum ersten Mal studierte ich den Text auf einer der Milchtüten. Er lautet: „In 1990, Kevin Lang introduced a herd of Ayrshire cows onto his farm in the Natal Midlands to supply milk exclusively to Woolworths. Kevin’s herd has won several awards throughout South Africa. His passion for his cows is clear – they are fed a wholesome diet and sleep on soft mattrasses. All this pampering ensures that they produce the best quality milk for Woolworths.“

Im Klartext: Kevin Langs mehrfach preisgekrönte Viecher vegetieren, durch eine bekömmliche Diätfütterung schlapp geworden, auf weichen Matratzen vor sich hin, um den Kunden in Slaapstadt eine vollkommen entspannte Milch liefern zu können. Das ist vermutlich der Grund, weswegen hier sogar ein doppelter Caffè Latte müde macht.

Ich mache jetzt lieber Schluss. Morgen ist schließlich auch noch ein Tag.

Unsere Kolumnistin, 31, bekommt laufend gute Ratschläge – und verteilt gern auch welche. Hier überprüft sie jede Woche einen guten Rat auf seinen Wahrheitsgehalt. In den nächsten Wochen arbeitet sie in Südafrika.

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