Zeitung Heute : Militär-Airbus: Fertig zum Abflug

Armin Lehmann

Es riecht nach Öl und anderem Geschmiere. Und mittendrin steht der ganze Stolz der europäischen Rüstungsindustrie. Ein grauer Vogel mit scharfer Spitze. Er heißt Eurofighter, und sein Cockpit ist noch unbesetzt. Auf der Tragfläche und unter den Flügeln der Prototypen stehen in einer Halle, so groß wie ein Fußballfeld, Arbeiter mit Ohrenschützern und Blaumann. Sie prüfen, sie basteln, sie testen. Der Eurofighter, sagt der Militärexperte Peter Becher, sei das modernste Militärflugzeug der Welt.

Irgendwann im Herbst sollen hier im bayerischen Manching, im Landkreis Pfaffenhofen, die ersten Flieger für die Bundeswehr abheben - nach über 20 Jahren Entwicklung. Aber es ist nicht dieser Kampfjet, der zurzeit für Gesprächsstoff sogt, sondern der Militär-Airbus A400M. Heute wollen die Verfassungsrichter von Karlsruhe entscheiden, ob er so finanziert werden darf, wie sich das die Bundesregierung vorstellt. Der Airbus und der Eurofighter, die beiden sind die europäische Kampfansage an Amerika. Es sind die Waffen, mit denen die European Aeronautic Defence and Space Company (EADS), Europas größtes Rüstungsunternehmen, das "US-Rüstungsmonopol" brechen will.

Zum Thema Umfrage: Nach dem Airbus-Deal - Soll Scharping zurücktreten? Peter Becher, der Technologie-Manager der Sektion Militärflugzeuge der EADS und sein Kollege Thomas Schmitt machen lieber nicht allzu viel Aufhebens um den A400M. Sie kennen das schon, wenn die Politik wieder alles in Frage stellt, wenn die Opposition an den Kosten herummäkelt und die Öffentlichkeit plötzlich fragt: Was soll das Ganze, wozu brauchen wir das? Becher winkt ab. Das ist Politik, das kommentiert er jetzt nicht. Er, der habilitierte Physiker, und Schmitt, der diplomierte Luft- und Raumfahrttechnologe, reden dann lieber als "Staatsbürger", da lässt sich sicherer kritisieren: Bei Becher, dem kleinen Mann mit dem seriösen grauen Hemd und dem dafür umo bunteren Jacket, hört sich das so an: "Als Staatsbürger finde ich, dass die Bundeswehr, wenn sie schon in so viele neue Einsätze geschickt wird, auch die beste Ausrüstung braucht." Seine Chefs werden da schon deutlicher:Die Wettbewerbsfähigkeit der Europäer sei wegen der niedrigen Verteidigungsbudgets gefährdet, hieß es bei den Rüstungsexperten. Deutschland verliere sein "sicherheitspolitisches Gesicht".

Moral und Rüstung

Hinter dieser Drohung steht eine Rechnung. Schließlich muss die EADS Gewinne machen: Und jetzt, da deutsche Soldaten nicht nur im Kosovo, in Mazedonien, sondern in Afghanistan Dienst tun, da immer mehr Out-of-area-Einsätze auf sie zukommen - schlägt da nicht die Stunde der Rüstungsindustrie? Jetzt guckt Becher doch sehr ernst. Das mit dem Krieg geht ihm nun wirklich zu weit. Einen Krieg wollen er und alle anderen hier genauso wenig wie jeder normale Bürger. Und überhaupt, diese Fragen zur Rüstung und zur Moral, ob das denn zusammengehe, die kennt er doch. Er ist lange genug dabei, er hat seine Antwort, und sie klingt ehrlich: "Ich muss mir ganz bewusst sein, dass es hier ums Militär geht, sonst werde ich ja blöde." Er meint: Ich muss hier "Tötungsfaktoren" berechnen, wenn ich damit ein Problem hätte, dann ginge das nicht. Das sagt Becher auch jedem, der hier anfangen will. Einmal hat sich ein Bekannter beworben, Becher hat ihn gemahnt: Wenn du dich bewirbst, sei dir im Klaren, worum es geht. Der Mann hat nie angefangen, und als Becher wissen wollte, warum, erklärte der: "Du hast mir gesagt, es geht ums Militär, aber dass es so weit geht..."

In der zweiten Halle verfliegt der Ölgeruch, vielleicht, weil sie noch größer ist und bestimmt zwei Fußballplätze hineinpassen. Hier ist das Herz von Manching, hier werden viele europäische Militärflugzeuge gewartet: die Tornados, die Transall- und Awac- Maschinen der Nato-Partner. Sogar eine russische MIG 29 aus alten DDR-Beständen steht noch in der Ecke. Darüber, im zweiten Stock wird gewarnt: Unbefugten ist der Zutritt verboten. Dahinter blinken über 20 Monitore. Wenn ein Tornado in die Luft geht, dann sitzen hier die Flugingenieure und überwachen jedes Detail.

Um die Strategie, die Technik, das Kaufmännische kümmert sich die deutsche EADS-Zentrale in Ottobrunn, 20 Minuten mit dem Schnellbus vom Münchner Ostbahnhof entfernt. Becher und Schmitt sind nur zwei Mitarbeiter von 110000 in Europa und anderswo. Die EADS ist im Sommer 2000 hervorgegangen aus dem Zusammenschluss von verschiedenen Großkonzernen wie der französischen Aerospatiale Matra, der deutschen DaimlerChrysler Aerospace (Dasa) und der spanischen Casa. In enger Absprache mit den Verteidigungsministerien der europäischen Nato-Länder bekommt die EADS einen Großteil ihre Aufträge. Der Beschluss von neun europäischen Ländern, mit dem Airbus A400M den USA Konkurrenz zu machen, galt als das Symbol schlechthin dafür, dass es Europa jetzt wirklich ernst meint mit der gemeinsamen Sicherheitspolitik.

Kühlen Kopf bewahren: Darin ist Becher geübt mit seinen 56 Jahren. Erst war er zwei Jahre Soldat. Dann hat er studiert und spät, mit 38 Jahren, ist er von der Forschung zum Rüstungskonzern MBB gewechselt. Er ist deshalb beschimpft und verspottet worden. Becher sagt: "Sie müssen sich entscheiden, damit Sie das aushalten." Er hat sich mit elektronischer Kampfführung beschäftigt, er hat im Kalten Krieg experimentiert und geforscht, um die Waffensysteme zu verbessern. Das macht er bis heute. Er lebt mit einem Widerspruch: dass Waffen, Waffensysteme, die schützen, auch töten.

Becher und Schmitt wissen, dass da draußen, außerhalb ihrer Militärwelt, die meisten Menschen skeptisch sind. Schmitt sagt dann Sätze wie: "Die Öffentlichkeit erwartet mit Recht, dass unsere Technologie funktioniert." Es klingt, als müssten sie sich andauernd entschuldigen, sich vorbereiten auf Angriffe, die wie aus dem Nichts kommen könnten. Deshalb sagen sie nicht ganz einfach: "Präzise Treffer sind heute möglich." Sondern sie sagen: "Es klingt zwar makabar und zynisch, aber präzise Treffer sind möglich." Und wieder hört es sich an wie eine Entschuldigung.

Ein bisschen ist die deutsche Rüstungsindustrie wie ein Bestattungsunternehmen: Die besten Produkte, das feinste Material, preisgünstig und exklusiv - aber die Ware kann nicht aggressiv beworben werden, das verbietet die Pietät, im Gegensatz zu Amerika. Das liege daran, sagen die Ottobrunner, dass die deutsche Öffentlichkeit beim Thema Rüstung sogleich Kollateralschäden und Krieg wittert.

Der Teufelskreis

Die Rüstungs- und Verteidigungsindustrie denkt naturgemäß anders: Wenn im Kosovo-Krieg eine Bombe ihr Ziel verfehlte oder in Afghanistan, dann muss eben noch weiter am System gefeilt werden. Neue Waffen müssen so intelligent sein, dass sie eine Brücke von einem fahrenden Konvoi unterscheiden können Das ist der Job. So versteht man ihn hier in Ottobrunn. "Ganz auf dem Boden der Verfassung", wie Thomas Schmitt einfügt. So soll ihn die Öffentlichkeit sehen: als normalen Beruf. Ja, auch als Dienst am Vaterland.

In Ottobrunn und Manching sind alle überzeugt: Wir arbeiten ordentlich, wir leisten viel, das muss doch gesehen und honoriert werden. Auch von denen da draußen, der Gesellschaft. Allein im Bereich Militärflugzeuge arbeiten in Deutschland über 5000 Mitarbeiter. Das sind keine "Rüstungsfreaks", ist zu hören, das sind Facharbeiter, Lehrlinge, Ingenieure, Informatiker, Physiker, Piloten. Sie sollen, so will es das Unternehmen, die EADS zum "Weltmarktführer im Luft-, Raumfahrt-, und Verteidigungssektor" machen.

Schmitt beklagt einen "Teufelskreis". In Europa würden die Budgets für Verteidigung und Rüstung sinken, die Aufträge zurückgehen und dadurch die Stückpreise und die Programmkosten steigen. Dabei könnte alles anders sein: "Wir sind sicher, dass die Sicherheits- und Verteidigungspolitik im Licht des 11.September neu definiert wird", hat die EADS-Führung verkündet. Davon würde das Unternehmen profitieren. Es könnte ein neues Nato-Aufklärungssystem entwickeln, weil doch die Europäer so gern ihre Gemeinsamkeiten betonen, aber weder über eine integrierte strategische Aufklärung noch über gemeinsame Standards verfügen. Aber es fehlt eben an Geld und wohl auch am politischen Willen.

Bei diesem Thema wird im Unternehmen gerne eine Geschichten erzählt: Die EADS versucht, in einem europäischen Land ihren Kampfjet zu verkaufen. Die beste Technik, die besten Konditionen, die beste Betreuung - heißt es. Alles scheint für die EADS zu sprechen. Dann ruft der US-Präsident beim dortigen Ministerpräsidenten an, schickt seinen Verteidigungsminister, lässt diesen weit reichende Versprechen machen - und die EADS ist raus.

Peter Becher und Thomas Schmitt müssen sich etwas einfallen lassen. Gerade jetzt, da der Militär-Airbus A400M wieder auf der Kippe steht und Arbeitsplätze bedroht sind. Da passt es gut, dass der zivile Sektor ohnehin ausgebaut werden soll. Von den 1,4 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2000 für den Bereich Militärflugzeuge kamen immerhin 19,8 Prozent über zivile Programme herein.

Ein Projekt, unterstützt von der bayerischen Polizei, testet zum Beispiel unbemannte Flugzeuge, deren Computer beim Überfliegen von Objekten in Echtzeit Bilder schießen und interpretieren kann. Als in Brandenburg die kleine Ulrike gesucht wurde, die grausam vergewaltigt und ermordet worden war, flogen Bundeswehr-Tornados über die Wälder, um Fahndungsfotos zu machen. Das dauerte lange und musste danach noch mühsam ausgewertet werden. Das neue System kann im Wald den Mörder vom Polizisten mit Suchhund unterscheiden. Und dann sofort Meldung machen. Vielleicht, irgendwann, wenn genügend Geld da ist und ein Auftrag, dann könnte sogar der Eurofighter mit einem solchen System ausgestattet sein, sagt Becher und nennt das eine "Herausforderung". Davon gibt es hier viele. Was Peter Becher dabei glücklich macht? "Wenn wir was erfolgreich in die Luft bringen."

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben