Zeitung Heute : Militärisch-industrieller Komplex

RONALD BERG

Der kalifornische Fotograf Allen Sekula zeigt beunruhigende Fotoinstallationen in der daad-GalerieVON RONALD BERGWer wirklich etwas von dieser Ausstellung haben will, sollte Zeit mitbringen.Allen Sekula, Lehrer an der Fotoabteilung des California Institute for the Arts in Los Angeles, hat vorsichtshalber rote Regiestühle nebst Palmen, Feldbett und massivem Lesetisch in die Ausstellung stellen lassen. Auf eine reine Fotoausstellung beschränkt sich Sekula nicht: In der 51teiligen Serie "Aerospace Folktales" gibt es nicht nur Fotos zu sehen, sondern auch Tonbandstimmen zu hören.In drei verschiedenen Räumen hört man Sekulas Familiengeschichte, von Vater, Mutter und vom Sohn, ihm selbst.Die1972 vollendete Arbeit ist eine Abrechnung mit dem Elternhaus.Sekula fotografiert das kleinbürgerliche Milieu einer Familie, dessen Oberhaupt Ingenieur bei den Flugzeugwerken von Lockheed war. Es ist die private Kehrseite des militärisch-industriellen Komplexes aus der Sicht eines scheinbar Unbeteiligten.Cool und im sauberem Schwarzweiß fotografiert Sekula die Welt seiner Kindheit Ende der sechziger Jahre.Es gibt das Doppelporträt von Vater und Mutter: Die Mutter lächelt, der Vater zeigt einen undefinierbaren Ausdruck im Gesicht.Denn Sekula hat einen Verfremdungseffekt eingebaut, der den Fotos einen surrealistischen Anstrich gibt.Der Vater, der in den Bildtexten stets distanzierend "der Ingenieur" genannt wird, und sein Freund fühlen sich unwohl, denn sie wissen nicht, warum ist fotografiert werden, heißt es in einem der Texte. Auch das Elternhaus - verschroben und doch gesichtslos - ist zu sehen, der Mietvertrag, der penible Ordnung vorschreibt (Rasensprengen Pflicht, Haustiere nicht erlaubt), die aufgeräumten Innenräume mit Kruzifix an der Wand und Flugzeugmodellen unter der Decke, bis hin zu den Büchern im Regal.All das ist mit objektivierender Schärfe abgelichtet, als hätte Sekula einen Tatort zu dokumentieren gehabt.Der Vater bot den Kindern einen Dollar für jedes gelesene Buch.Jede Woche kam Literaturnachschub ins Haus, kann man auf den Texttafeln lesen.Der häusliche Schreibtisch sieht trotzdem unbenutzt aus: Nur abends schrieb der Vater Briefe, und die Mutter bereitete das Essen.Eine sterile Idylle.Vor allem ein Texthinweis irritiert: Eine Zeit lang interessierte sich der Vater für die Folgen der Atombombenexplosion.Es las ein Buch zum Thema.Sekula zeigt dessen Bilder: Man sieht die verbrannten Rücken der Japaner.Leben so Schreibtischtäter oder mörderische Technokraten? Auch in "War without Bodies" trifft man Sekula von der dezent agitatorschen Seite in aufklärerischer Absicht.Wieder fragt er nach den Opfern der Waffen und des Krieges, diesmal am Beispiel des Golfkriegs.Das eigentliches Werk scheint eine zwölfseitige, mit theoretischen Überlegungen von Michel Foucault bis Sergej M.Eisenstein vollgestopfte Broschüre zu sein, die Sekula verfaßt hat.Die daraus entnommenen Zitate neben den Bildern geben dem Tableau aus neuen Farbphotographien erst Funktion.Auf allen diesen Aufnahmen greifen männliche Waffennarren vom Kleinkind bis zum Greis in den Lauf eines mehrläufigen Maschinengewehrs.Sekulas Texte aber fragen nach den Körpern der Opfer solcher Militärtechnik, die - wie letztlich im Golfkrieg - unsichtbar geblieben waren. Eine detaillierte Beschäftigung mit einem anderen fotografischen Triptychon nennt Sekula "Meditation".Auf zwölf Seiten Text bietet Sekula eine Anleitung, Fotografien zu lesen.Seine Beispiele sind scheinbar ganz normale familiäre Knipserbilder: der Mann in Uniform, die Frau in rotem Kleid mit Hut und zwei kleinen Mädchen an der Seite.Folgt man dem Text, der sich nicht schlauer macht als irgendein Besucher der Ausstellung, stellt man fest, welche Fülle von Information in einem Foto enthalten sein kann.Das Lesen von Fotos ähnelt bei Sekula der Arbeit eines Detektivs: Es gilt genau zu beobachten und zu kombinieren.Was sagt die Kleidung, wo ereignete sich die Szene, was sagt der Sonnenstand über Himmelsrichtung und Uhrzeit? Impliziert die dreiteilige Form nicht die Vorstellung eines Flügelaltars? So geschult wird man auch die anderen Fotos der Ausstellung examinieren wie Sherlock Holmes einen gefüllten Aschenbecher. DAAD Galerie, Kurfürstenstr.58; bis
7.September, täglich 12.30-19 Uhr.

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