Milliardenverlust : Abgezockt

Ein Aktienhändler, fünf Milliarden Verlust und ein Börsencrash. Was ist da passiert bei der Großbank Société Générale?

Henrik Mortsiefer,Rolf Obertreis

Der 31-jährige Wertpapierhändler Jérôme Kerviel hat die französische Großbank Société Générale mit milliardenschweren Fehlspekulationen in eine Krise gestürzt. Wie konnte das passieren?



Der spektakuläre Betrugsfall gibt selbst Experten Rätsel auf. Dass ein einziger Wertpapierhändler, der nicht einmal zu den Stars der Branche zählt, gewaltige Handelspositionen von insgesamt etwa 50 Milliarden Euro unbemerkt anhäufen konnte, versteht niemand. Klar ist: Kerviel handelte mit krimineller Energie, und es ging ihm offensichtlich nicht in erster Linie um persönliche Bereicherung.

Der Franzose profitierte von seinem speziellen Wissen. Bevor er Wertpapierhändler wurde, war er bei der Société Générale in einer Abteilung beschäftigt, die die Risiken von Wertpapiertransaktionen und sonstigen Bankprojekten prüft (Back Office). Normalerweise sind Handelsabteilung und Risikomanagement strikt durch „Chinesische Mauern“ voneinander getrennt, genauso wie Analysten und Investmentbanker, die das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen betreuen.

Bei der Société Générale wusste Jérôme Kerviel offenkundig, wie man sie überwindet, diese Mauern. Eigentlich hatte er die nicht besonders komplizierte Aufgabe, mit sogenannten Indexfutures, speziellen Wertpapieren (Derivaten), auf steigende Aktienindizes wie den Dax oder Euro-Stoxx zu wetten. Das ging bis Ende 2007 gut, weil Aktien bis dahin sehr gefragt waren und die Kurse kräftig stiegen. Der Händler investierte aber weit mehr als seine zulässigen Volumina und soll dabei unerlaubte Risiken eingegangen sein, die er vor dem Risikomanagement der Bank geschickt geheim hielt.

Dafür habe er unter anderem Scheingeschäfte inszeniert und im Computersystem auch Login-Passwörter von Kollegen benutzt, schreibt das „Wall Street Journal“. So konnte er das Handels- vom Kontrollsystem entkoppeln – und hatte damit keine Einschränkungen bei seinen Investitionen. „Er muss dem Risiko-Controlling vorgegaukelt haben, dass es gar kein Risiko gab“, sagte der Leiter der TreasuryAbteilung (Banksteuerung) einer Frankfurter Bank.

Wie reagieren deutsche Banken und Wirtschaftsprüfer auf den Vorfall?

Bei den Geldinstituten und Wirtschaftsprüfungsfirmen gibt man sich am Freitag, dem Tag danach, äußerst zurückhaltend. Die Experten seien vollends mit der Finanzkrise und ihren Folgen beschäftigt, heißt es. Spekulieren wolle man nicht, sagt eine Sprecherin einer großen Wirtschaftsprüfungsfirma. Es gebe zu wenig Informationen. „Wir halten uns vornehm zurück.“ Bei der Landesbank Berlin (LBB) versichert man: „Wir kontrollieren permanent das gesamte Spektrum aller Handelsaktivitäten an sämtlichen Standorten der Bank.“ Die Risikoüberwachung bei der LBB erfolge kontinuierlich auch während des Arbeitstages. Jeden Abend gebe es „Tagesberichte mit Analysen über die Risiko- sowie Gewinn- und Verlustsituation“. Ein detailliertes Limitsystem verhindere, dass die Händler Risiken in „nicht vertretbaren Größenordnungen und nicht genehmigten Produkten“ eingingen.

Sind ähnliche Betrugsfälle auch bei deutschen Banken möglich?

„Unsere Aufsicht ist so gut, dass so etwas in Deutschland im Grundsatz nicht passieren kann“, sagt Otto Bernhardt, finanzpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Zweifelhaft ist für den Unionspolitiker aber, dass der französische Händler allein gehandelt haben soll. „Man braucht für kriminelle Handlungen mindestens einen Zweiten“, sagt Bernhardt. Deshalb seien zwei Grundsätze im deutschen Bankwesen zentral: das Vier-Augen-Prinzip (Verträge müssen immer von zwei Verantwortlichen unterschrieben werden) und die im Kreditwesengesetz verankerte Trennung von sensiblen Abteilungen – zum Beispiel der Kreditvergabe und der Kreditabwicklung. Deutsche Banken sind zudem gefordert, eine Compliance-Abteilung einzurichten, die darüber wacht, dass gesetzliche Vorgaben erfüllt werden. Unabhängig davon schaut sich die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) laufend an, ob Organisation und Systeme den Auflagen entsprechen.

„Ich habe Vertrauen in die Systeme“, sagt Christoph Schalast, Professor an der Frankfurt School of Finance. Die Betrügereien bei der Société Générale würden aber sicher dazu führen, dass sich die Banken ihr Risikomanagement noch einmal genauer anschauen. Betrugsfälle wie bei der Société Générale seien „extrem unwahrscheinlich“.

Gestützt wird seine Aussage durch die Tatsache, dass bei einer deutschen Bank bislang bei internen Handelsgeschäften keine größeren Betrügereien bekannt geworden sind. Die 2007 bei der WestLB aufgelaufenen Verluste im Handel von rund 600 Millionen Euro hatten ihre Ursache in einer riesigen Fehlspekulation mit VW-Aktien, nicht aber in Betrügereien.

War der 31-jährige Franzose schuld am weltweiten Börsencrash Anfang dieser Woche?

Genüsslich wurde diese Frage am Freitag an den Börsen und in den Banken gestellt, weil sie eine willkommene Antwort nahelegt: Nicht die hoch bezahlten Investmentbanker und Wertpapierhändler haben sich verspekuliert, nicht das System ist schuld – sondern ein kleiner Betrüger, irgendwo in einer französischen Bank. Tatsächlich wissen alle, dass Jérôme Kerviels Hinterlassenschaft den Kurseinbruch schlimmstenfalls nur vergrößert hat. Ausgelöst wurde der Crash von einem gefährlichen Gemisch verschiedener anderer Faktoren: der wachsenden Rezessionsangst, den anhaltenden Schockwellen der US-Immobilienkrise, dem Vertrauensverlust an den Märkten. Hinzu kam, dass die New Yorker Wall Street am Montag geschlossen war – und somit als wichtiges Korrektiv ausfiel. „Jeder Markt, der bereits nervös ist, aus welchen Gründen auch immer, reagiert empfindlich“, sagte Anthony Scott vom britischen Investor Charles Stanley.

In diesem Marktklima musste Jérôme Kerviels Arbeitgeber Anfang der Woche Wertpapiere verkaufen, um die von dem Händler verursachten Verluste zu minimieren. In kleinen Portionen seien die gewaltigen Handelspositionen abgewickelt worden, um am Markt kein Aufsehen zu erregen, berichtet das „Wall Street Journal“. Der Versuch schlug fehl. Société Générale wurde zum Symbol für den größten Betrugsfall der Bankengeschichte.

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