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Minderheiten : Verloren zwischen den Fronten

14.07.2009 00:00 UhrVon Martin Gehlen
JudenBild vergrößern
Zur falschen Zeit am falschen Ort. Angehörige der jüdischen Minderheit in Raydah. - Foto: Katharina Eglau

"Ständig Angst haben, das ist kein Leben", sagt ein Mann in Raydah. Er ist Jude, einer von rund 300, die im Jemen leben. Seit dem Gazakrieg bewirft man sie mit Steinen und Granaten – schlechte Nachrichten für ein Land, das nicht erst seit den Geiselmorden im Juni um seinen Ruf im Ausland bangt.

Noch ein kurzer Wink, dann wendet Said Annahrdi sein Motorrad und knattert davon, seine schwarzen Schläfenlocken flattern im Wind. Annahrdi muss zurück in seine Schneiderwerkstatt. Mit seiner Frau und zehn Kindern lebt der 42-Jährige in Raydah, einem Provinzstädtchen 50 Kilometer nördlich von Sanaa, der Hauptstadt des Jemen. Said Annahrdi ist Jude. Seine Kunden schätzen ihn, sein Haus steht mitten im Ort, seine Vorfahren lebten seit Jahrhunderten hier. Nie habe er sich träumen lassen, einmal aus Raydah wegzugehen, sagt er. „Aber ständig Angst zu haben, das ist kein Leben mehr.“

Noch 20 jüdische Familien leben in Raydah, insgesamt 266 Menschen.

Ein Teil lebt im Stadtkern, die anderen einige Kilometer östlich in der Siedlung Beth Harash. Es sind die beiden letzten angestammten Wohnorte von Juden im Jemen.

Den Wein für den Sabbat keltern sie noch selbst. Hinter einem grünen Eisentor mit der hebräischen Aufschrift „Das Tor zum Segen“ liegt die Synagoge, ein bescheidener Flachbau aus groben Steinen. Das Innere ist mit einfachen Teppichen ausgelegt, die Thorarollen werden in einem kleinen, mit bunten Tüchern verhangenen Regal aufbewahrt. In der benachbarten Schule mit ihren zwei Klassenräumen lernen die Kinder Hebräisch – getrennt nach Jungen und Mädchen. Eine Gaslampe hängt von der Decke, zwei in festes, braunes Leder gebundene Heilige Schriften liegen auf den Schulbänken. An der Wand hat ein orthodoxer jüdischer Lehrer, der für einige Wochen aus Großbritannien zu Besuch ist, mit Heftzwecken leere Verpackungen von Süßigkeiten geheftet: die nicht koscheren rechts, die koscheren links, in der Mitte die uneindeutigen.

Die dritte noch existierende jüdische Gemeinde des Jemen musste vor zwei Jahren aus der Saada-Provinz ganz im Norden in die Hauptstadt evakuiert werden, nachdem ihre Bewohner Todesdrohungen von schiitischen Houthi-Rebellen erhalten hatten. In dem Gebiet herrscht seit Jahren Bürgerkrieg, erst kürzlich wurden neun Ausländer entführt, zwei deutsche Frauen und eine Koreanerin kurze Zeit später ermordet aufgefunden. Für die übrigen sechs Geiseln – darunter drei Kinder – gibt es immer weniger Hoffnung.

Die 65 aus der Region evakuierten Juden leben seit 2007 in der sogenannten Tourist City, einem mit hohen Mauern gesicherten Apartmentkomplex für Ausländer direkt neben der amerikanischen Botschaft in Sanaa. Die meisten Männer sind Silberschmiede – sie galten als die besten im Land. So mancher ältere muslimische Handwerker in der historischen Altstadt von Sanaa hat noch bei Juden gelernt. Jetzt will die deutsche Botschaft den hier gestrandeten Meistern helfen, im Silbersouk einen Laden anzumieten.

Seit mehr als 2500 Jahren existiert jüdisches Leben im Jemen – vielleicht reichen die Wurzeln sogar zurück bis in die Zeit von König Salomon, als jüdische Händler sich im Süden der arabischen Halbinsel niederließen. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es jüdische Gemeinden in allen wichtigen Städten des Landes. Der erste große Exodus erfolgte 1949, als unter dem Decknamen „Operation fliegender Teppich“ etwa 50 000 Menschen nach Israel ausgeflogen wurden. Heute leben nach offiziellen Angaben 15 000 jemenitische Juden in Großbritannien und Kanada, 12 000 in den USA und 54 000 in Israel – und die Auswanderungsbewegung ist nie mehr ganz abgerissen. „Wenn jetzt noch die letzten Juden weggehen, dann wird das der Welt sagen, dass es im Jemen keinen Raum für Toleranz gibt und dass wir nicht mehr mit Menschen anderen Glaubens zusammenleben können“, fürchtet Mahmoud Taha, ein muslimischer Menschenrechtsaktivist, dem das Los seiner jüdischen Mitbewohner am Herzen liegt.

An der Hauptstraße von Raydah reihen sich die grauen, gesichtslosen Wohnkästen aus Zementziegeln. In den Teehäusern hocken einige verfilzte Halbwüchsige mit Kalaschnikows zwischen den Beinen. Aus einem alten orange-gelben Chevrolet-Schulbus, der sich offenbar aus den Vereinigten Staaten hierher verirrt hat, quellen lärmende Kinder. Den Horizont bilden wuchtige Gebirgsketten, auch wenn das Tal an dieser Stelle ungewöhnlich breit, grün und fruchtbar ist. Manche Bauern pflügen noch mit Ochsengespannen, andere tuckern mit betagten Traktoren über die Feldwege zu ihren Kartoffeläckern.

Letztes Jahr um diese Zeit war ihre Welt noch in Ordnung. Die Angst sei „erst nach dem Mord“ gekommen, berichten die jüdischen Bewohner. Kurz vor Weihnachten kaufte Mousa Yaish al-Nahari gerade auf dem Gemüsemarkt ein, als sich plötzlich ein Mann mit Maschinenpistole vor ihm aufbaute. „Jude, hier die Botschaft des Islam für dich“, rief er und jagte al-Nahari mehrere Kugeln in den Leib. Der 39-Jährige, den alle hier Mascha nannten, war sofort tot – Vater von vier Söhnen und fünf Töchtern im Alter von ein bis 14 Jahren. Die Familie besitzt ein zweistöckiges Haus mit auffällig blau getönten Bogenfenstern am Ortseingang. Der kleine Laden im Erdgeschoss ist an einen Lebensmittelhändler verpachtet, die Wände sind mit arabischen Graffiti beschmiert. Im Hof spielen Kinder, die drei ältesten Mädchen leben inzwischen bei Verwandten in Israel. „Es geht uns sehr schlecht“, sagt der älteste Sohn, der zwölfjährige Sassa.

Nach dem Mord kam im Januar der Gazakrieg. Alle im Städtchen saßen vor den Fernsehern, sie schauten Al Dschasira und begannen, ihre jüdischen Nachbarn zu beschimpfen. „Schaut nur, was eure Brüder aus Israel machen“, riefen sie. Steine flogen, Fensterscheiben gingen zu Bruch, auf einem Hof explodierte nachts eine Handgranate.

„Wir tun, was wir können, um die Täter zu finden“, sagt Bürgermeister Abdullah Shleif. Beim Gespräch im Haus von Rabbi Suleiman Jacob merkt man dem Stadtoberhaupt an, dass er die jüdischen Bürger nicht verlieren möchte. Mal hält er die Hand des 41-jährigen bärtigen Rabbis, der neben ihm auf dem Boden sitzt, mal tauscht er freundliche Blicke mit den Kindern, die mit großen Augen und spitzen Ohren dem Gespräch der Erwachsenen lauschen. Der Boden ist mit PVC ausgelegt, entlang der Wände wechseln Sitzdecken mit Stützkissen für die Arme ab. „Natürlich mache ich mir Sorgen“, sagt der Bürgermeister. Die Mehrheit der Bevölkerung akzeptiere die jüdische Gemeinde. Doch wie überall auf der Welt, gebe es unter den Leuten „solche und solche“. Nur Verrückte unterschieden zwischen einem Muslim und einem Juden – „eine kleine Minderheit, und um die kümmern wir uns“, versichert er.

Das sieht die Organisation Yemen Human Rights Observatory anders. Viel zu spät habe die Polizei gegen die Untaten durchgegriffen, kritisieren die Menschenrechtler. Zwar seien einige der meist jugendlichen Täter festgenommen worden, aber dann habe man nie wieder etwas gehört. In ihrer Dokumentation der Übergriffe heißt es: „Der Jude Zaher Gafri erlitt schwere Verletzungen im Gesicht, sein Körper war blutüberströmt. Andere Juden wurden ebenfalls verletzt. Sie schleuderten Steine auf die Häuser der Juden Haim Yaeesh, Shakr Sulaiman, Salem Shaghdari und Yahya Jaradi – und bedrohten deren Familien.“

„Inzwischen hat sich die Situation etwas entspannt“, sagt Said Annahrdi, der Schneider mit dem Motorrad. „Heute kann ich mich wieder normal in der Stadt bewegen.“ Auch die jüdische Gemeinde tue seinen Worten zufolge alles, damit sich die Probleme nicht wieder hochschaukeln. „Wir nehmen die Angriffe hin und wehren uns nicht, damit es ruhig bleibt“, sagt er.

Doch bei anderen will das mulmige Gefühl nicht weichen. „Ist nicht mehr so toll hier“, murmelt der Tischler Suleiman Yahia Daoud Hamdi, während er Kathblätter kaut, die Volksdroge Nummer eins im Jemen. Jeden Zweig schlägt er zwei oder drei Mal auf die linke Hand, dann beginnt er die Blättchen einzeln abzuzupfen und in die Backe zu stopfen. So machen es viele hier nach der Mittagszeit, vor allem die Männer. Vier, fünf Stunden sitzen sie beieinander, kauen vor sich hin und lösen die Probleme der Welt und der Nachbarschaft.

Das einfache Haus des Tischlers Hamdi steht direkt unterhalb der alten, verfallenen Bergfestung. „Die Salafiten werden immer stärker“, sagt er. Islamische Fanatiker hetzten die Bevölkerung auf – „und wir baden das aus“. Wer die Hintermänner seien, wisse er nicht. „Wenn wir zur Polizei gehen und uns beschweren, zucken die nur mit den Schultern. Sie sagen, sie würden sich kümmern – aber das ist alles nur Gerede.“

Wenn der 64-jährige Yaish Al-Nahari von dem Mord an seinem Sohn erzählt, laufen immer wieder Tränen über sein wettergegerbtes Gesicht. Fünf Jahre Haft für den Täter und 27 500 Dollar Entschädigung für die Familie des Getöteten, urteilte der Richter zunächst. Für Vater und Ehefrau, ihren muslimischen Anwalt und die jüdische Gemeinde war das Urteil ein Skandal, sie legten Berufung ein. Der Angeklagte, ein offenbar geistesgestörter ehemaliger jemenitischer Kampfpilot, hatte bereits vor fünf Jahren seine eigene Frau umgebracht. Er blieb jedoch auf freiem Fuß – und suchte sich sein nächstes Opfer.

„Wenn das Urteil nicht vollstreckt wird, verlasse ich das Land“, sagt Yaish Al-Nahari. Ende Juni verurteilte das Berufungsgericht in der Provinzhauptstadt Amran den Mörder zum Tode.

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