Zeitung Heute : Minimalismus und Mystik

MICHAEL NUNGESSER

Ausstellung des mexikanischen Baumeisters Luis Barragán im Deutschen Architektur ZentrumVON MICHAEL NUNGESSERLange Zeit war der mexikanische Architekt Luis Barragán (1902-1988) selbst im eigenen Land nur Kennern ein Begriff.Doch seine erste Einzelausstellung, 1976 im New Yorker Museum of Modern Art, und die Auszeichnung mit dem renommierten Pritzker-Preis für Architektur vier Jahre später brachten ihn weltweit ins Gespräch.Inzwischen üben seine Bauten nicht nur großen Einfluß aus, sie ziehen auch viele Epigonen an, da sie leicht nachzuahmen sind.Was sie aber als Besonderes heraushebt, ja ihre Schönheit kennzeichnet - Einfachheit und Poesie, Strenge und Heiterkeit, eine Symbiose aus Altem und Neuem, Regionalem und Modernem -, läßt sich in keine Formel gießen. Von heute an ist im Scharoun-Saal des Deutschen Architektur Zentrums (DAZ) Berlin eine Wanderausstellung von Barragán zu sehen.Eine Auswahl aus dem kaum mehr als hundert Bauten umfassenden Gesamtwerk von Barragán kommt in Fotos von Skizzen, Plänen und ausgeführten Gebäuden zur Ansicht.Vier von ihnen werden auch als Modelle vorgeführt: Haus und Atelier Barragán, Kloster der Kapuzinernonnen, Pferdestallungen San Cristóbal sowie Haus Gilardi (alle Mexiko-Stadt).Verstehen wird man Barragán am besten vor Ort, doch die meisten Häuser sind Privatbesitz und nur schwer zugänglich. Geboren in Guadalajara, der zweitgrößten Stadt des Landes, wuchs Barragán auf dem Familiengut in ländlicher Umgebung auf.Nach einem Ingenieurstudium unternahm er Studienreisen nach Spanien und Frankreich, die ihn entscheidend beeinflußten.Verschiedene Elemente andalusisch-maurischer Architektur und die 1925 veröffentlichten Gartenbücher des französischen Schriftstellers Ferdinand Bac bestimmten deshalb neben der ländlichen Architektur seiner Heimat die ersten eigenen Bauwerke in Guadalajara.Dieses Frühwerk vom Ende der zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre ist jüngst teilweise restauriert worden.Eines der Häuser ist inzwischen Sitz des Architektenverbandes. Es folgt eine rationalistische Periode, die Barragán selbst als "kommerzielle" bezeichnete.In Mexiko-Stadt, wo er seit 1936 ein eigenes Büro unterhielt, errichtete er mehrstöckige Appartementhäuser und bediente sich üblicher moderner Baustoffe wie Glas, Beton und Stahl.Die fünfziger Jahre markieren einen tiefen Einschnitt.Barragán verstand sich von nun an weniger als Architekt denn als Stadtplaner und Landschaftsgestalter.Vor allem für die Außenbezirke der Hauptstadt entwarf er weitläufige Wohnsiedlungen der Oberschicht mit Plätzen, Gärten, Brunnen und Teichen, wobei Natur und Architektur in Einklang stehen. Seine Architektursprache, die Minimalismus und Mystik, Konkretes und Transzendentes miteinander verbindet, bedient sich einfacher geometrischer Formen, die zu höchster Wirkung gesteigert werden.Hohe kahle Mauern schließen nach außen ab und lenken nach innen, schneiden den Himmel aus und lassen nach oben schauen.Weiß oder monochrom getüncht, in den hervorstechenden feierlichen Farben mexikanischer Volkskunst (Rosa, Blau, Orange), tragend oder freistehend, verwandeln seine soliden Mauern Zimmer und Höfe in Meditationsräume.Orte der Stille, die nur vom Murmeln fließenden Wassers oder Blätterrauschen sanft durchgezogen werden. Aus dem Spiel von Wandflächen und Wandöffnungen, von Innenraum und Außenraum, von Licht und Schatten, von klarer Bauform und wuchernder Naturgestalt ergeben sich immer neue Ansichten und Stimmungen.Alles ist genauestens zueinander komponiert, großzügig und karg, elementar und raffiniert zugleich.Eine Architektur hoher spiritueller und ästhetischer Ansprüche, dem der Kleingeist späterer Nutzer nicht immer gewachsen ist. Barragán stand in engem Kontakt mit dem deutsch-mexikanischen Künstler Mathias Goeritz und der von ihm entwickelten "emotionalen Architektur" (1992 zeigte die Berliner Akademie der Künste, deren Mitglied Goeritz war, eine Retrospektive).Beide entwarfen 1957 fünf farbige Türme auf prismatischem Grundriß, die als reine Architekturplastiken auf einer Straßeninsel den Eingang zu einer neuen Satellitenstadt markierten (heute vom Häusermeer der mexikanischen Metropole umspült).Über viele Jahre wurden die Türme wechselseitig entweder Barragán oder Goeritz zugesprochen, bevor beide 1987 ihre gemeinsame Autorenschaft schriftlich beglaubigten.Das Dokument befindet sich im Nachlaß von Barragán, den 1995 das Vitra Design Museum in Weil am Rhein erwarb. Deutsches Architektur Zentrum, Köpenicker Straße 48/49, bis 10.Januar 1998.Katalogbuch in Spanisch und Englisch, 58 Mark.

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