Zeitung Heute : Minitel mit Internet auf Knopfdruck

SUSANNE GABRIEL (AP)

Der einfache Internet-Zugang auf Knopfdruck - diesen Traum will die France Telecom wahrmachen.Um ihr erfolgreiches Bildschirmtextsystem Minitel entsprechend zu erweitern, schloß sich die Telefongesellschaft mit IBM zusammen.Die beiden Konzerne wollen zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Zum einen sollen die Minitel-begeisterten Franzosen zum Surfen im weltweiten Computernetz verführt werden, zum anderen will man das neue, leicht zu bedienende und billige Gerät in Ländern anbieten, in denen ein PC für die Bevölkerung noch zu teuer ist.

"Das ist für uns eine der wichtigsten Initiativen im Internet-Bereich 1998", erklärte Telecom-Chef Michel Bon.Das benutzerfreundliche Minitel wird dafür verantwortlich gemacht, daß die Franzosen nur zögerliches Interesse am Internet zeigen.Immerhin zeigten ein Cyberspace-Aktionsplan der französischen Regierung sowie Preissenkungen der Provider Wirkung: Bis Ende des Jahres werden rund zwei Millionen Franzosen einen Zugang zum Computernetz haben - etwa doppelt so viele wie vor einem Jahr.Das ist allerdings nur ein Bruchteil der 15 Millionen Minitel-Benutzer.1983 hat das System seinen Siegeszug in Frankreich begonnen; seitdem werden per Bildschirmtext Theaterkarten und Flugtickets reserviert, Telefonnummern erfragt oder Wohnungen gesucht.Seit Anfang 1996 können auch E-Mails als einzige Internet-Fähigkeit empfangen werden.Dies wollen France Telecom und IBM jetzt ändern: Mit den neuen Terminals soll es künftig möglich sein, durchs Internet zu surfen, E-Mails zu empfangen und zu senden sowie Bilder und Texte herunterzuladen.

Die Übertragungsgeschwindigkeit soll bei 56 000 Bits pro Sekunde liegen, im Vergleich zu 9 600 Bits bei den bisher schnellsten Minitel-Geräten.Bei der Zusammenarbeit der beiden Unternehmen geht es um die Entwicklung der dazu notwendigen Software; Hardware-Entwürfe von Firmen wie Alcatel oder Matra Nortel liegen bereits vor.

Wieviel das neue "Internet-Terminal" kosten soll, darüber wurden noch keine Angaben gemacht.Doch ein Sprecher von France Telecom deutete an, daß der Preis höchstens halb so hoch sein dürfe wie der eines PC, damit das Gerät auf dem Markt eine Chance habe.Bisher stellte die Telefongesellschaft das Minitel mehr oder weniger kostenlos - gegen eine Gebühr von 22 Franc (sieben Mark) im Monat - zur Verfügung: Weil zur Benutzung ein Telefonanschluß notwendig ist, war das Geschäft für France Telecom mehr als lukrativ.

Zielgruppe des ausgebauten Minitels sollen diejenigen sein, denen der Umgang mit einem PC zu kompliziert ist.Außerdem richtet sich das Angebot an Leute, die für einen Computer nicht soviel Geld ausgeben können oder wollen."Ein teures Gerät zu kaufen, ist für viele Menschen ein ernsthaftes Hindernis", sagte der Marktanalytiker Bram Moerman."Wäre es billiger, würden sie sich vielleicht eher fürs Internet interessieren."

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