Zeitung Heute : „Mir gehen Hexen und Zauberer auf den Geist“ Er ist der erfolgreichste deutsche Kinderbuchautor. Millionen kennen seine Figur „Sams“.

Dabei war Paul Maar schüchtern. Bis seine Frau ihm beibrachte, dass es nicht reicht, unauffällig zu sein. Interview: Helmut Ziegler; Foto: Johannes Simon/ddp

Am nächsten Samstag feiert der Schriftsteller Paul Maar seinen 66. Geburtstag. Er gilt als einer der erfolgreichsten Kinderbuchautoren, seine Bücher und Theaterstücke wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Maars bekannteste Figur ist das „Sams“, eine Art Kobold, der Erwachsene immer wieder provoziert. In wenigen Tagen läuft der Film „Sams in Gefahr“ in den Kinos an.

Herr Maar, wir müssen davon ausgehen, dass manche TagesspiegelLeser Sie nicht kennen. Jene, deren Kindheit 30 Jahre her ist, jene, die keine Kinder haben. Wie würden Sie sich denen vorstellen?

Guten Tag, ich heiße Paul Maar.

Mehr nicht?

Na, gut. In der Schule, ich fange jetzt ganz früh an, war ich mittelmäßig, hatte aber zwei Lieblingsfächer…

Entschuldigung, gemeint war Ihr Status. Sie sind der meistgespielte Autor auf deutschen Bühnen. Der erfolgreichste deutsche Verfasser von Kinderbüchern. Von Ihren rund 40 Romanen hat sich allein das „Sams“-Werk vier Millionen Mal verkauft…

Nicht ganz so viel. Dreieinhalb Millionen vielleicht. Aber damit renommiere ich ungern.

Sie sind nicht stolz auf diese Leistung?

Doch, natürlich. Aber ich weiß auch meine Stellung in der Literaturlandschaft einzuschätzen. Sagt jemand zu mir, „ach, Sie schreiben Kinderbücher?“, klingt für mich automatisch immer das Wörtchen „nur“ mit.

Warum so bescheiden? 1968 erschien Ihr erstes Buch, das einen tätowierten Hund zur Hauptfigur hat. Damals waren nur Seeleute und Kriminelle tätowiert, heute ist es jeder zehnte Deutsche.

Ich war da aber sicher nicht der Wegweiser.

1973 erschien das erste Sams-Buch, die Geschichte eines Fabelwesens, das einen Taucheranzug trägt. Heute ist der Taucheranzug ein beliebter Fetisch in der SM-Szene.

Ist das so? Tut mir Leid, aber ich glaube nicht, dass man das vom Sams herleiten kann.

Immerhin sprachen selbst die Container-Bewohner bei „Big Brother“ über das Sams. Glauben Sie nicht, dass sich die frühe Lektüre besonders einprägt?

Es wäre verwegen zu glauben, dass Kinderliteratur etwas Grundlegendes bewirkt. Alle Literatur kann nur bereits vorhandene Tendenzen verstärken oder abschwächen. Und die Hauptfunktion der Sams-Bücher besteht für mich darin, Trost zu spenden und dazu anzuregen, sich nicht unterkriegen zu lassen.

Trost? Als ich es meinem Sohn vorgelesen habe, ist er vor Lachen vom Stuhl gefallen.

Wirklich?

Ja. Hätte er sich etwas gebrochen, hätte ich Sie verklagt.

(lacht) An welcher Stelle ist das passiert?

Als eine Fensterscheibe zu Bruch ging, und das Sams, wie so oft, gereimt hat: „Dieser Wunsch ist gut gelungen / denn die Scheibe ist zersprungen. / Dieser Wunsch war wirklich fein: / Jetzt kommt frische Luft herein.“

Sie haben offenbar einen humorvollen, stabilen Sohn. Aber es gibt ja nicht nur das Sams, sondern auch eine erwachsene Hauptfigur, den Herrn Taschenbier. Ein Mensch, der sehr gegängelt wird, sein Leben nicht lebt und eine große Sehnsucht nach Freiheit hat. Und der mit Hilfe der Wunschpunkte, die das Sams im Gesicht hat, langsam beginnt, seine Wünsche in die Tat umzusetzen. Ich glaube, dass sich viele Kinder nicht mit dem Sams identifizieren, sondern mit ihm.

Haben Sie Gründe für diese Annahme?

Bei Lesungen male ich immer das Sams in die Bücher. Viele Kinder wollen dann, dass ich auch Herrn Taschenbier zeichne. Und ich bekomme Leserpost, pro Woche zwischen drei und zehn Briefe von Kindern.

Was schreiben die?

Typisch ist beispielsweise, dass sie ein Sams haben wollen, um den Vater in die Familie zurückzuwünschen. Neulich kam ein besonders rührender Brief: Ein Mädchen mit einem sehr norddeutschen Namen schrieb aus Oberbayern, dass es sich abends im Bett vorstellt, das Sams käme auch zu ihm. Es würde sich dann wünschen, katholisch zu sein. Da sieht man die Not eines Kindes, das einfach nur dazu gehören will.

Beantworten Sie die Briefe?

Ich habe es bisher geschafft, jedem Kind handschriftlich zu antworten. Ich halte es schon für eine große Leistung eines Kindes, etwas zu schreiben und dann beim Buchhändler die Adresse des Verlages oder des Autors zu erfragen. Das möchte ich würdigen.

Trotzdem, das Sams ist eine eher anarchistische Figur, vergleichbar mit Pippi Langstrumpf.

Als ich anfing zu schreiben, hielt man mich allerdings für altmodisch und elitär. Damals wurde ich erstmals zu einer Tagung eingeladen. Ich dachte, ich würde da auf Grund meiner Arbeit gelobt. Aber die Kinderbuch-Theoretiker und Professoren haben mir nur gesagt, was ich falsch mache, zu märchenhaft, zu wenig sozialkritisch – nicht auf der Höhe der Zeit.

Hat Sie das verstört?

Ich habe wirklich überlegt, ob ich falsch schreibe. Eine echte Schaffenskrise. Jahre später habe ich mein erstes realistisches Jugendbuch geschrieben. Danach dachte ich, jetzt kann ich mich ja mal wieder auf so einer Tagung sehen lassen. Man hat mich erneut heftig gerügt. Ob ich nicht Bettelheims Buch „Kinder brauchen Märchen“ gelesen hätte, man müsse heute mythologische Stoffe für Kinder umsetzen. Ich lag also wieder falsch.

Wie haben Sie darauf reagiert?

Ich habe derartige Tagungen nicht mehr besucht.

Brauchen Kinder denn noch Märchen?

Kinder brauchen Geschichten. Man weiß, dass Lesen enorm wichtig ist für die Entwicklung der emotionalen Intelligenz. Durch Lesen lernt man, sich in andere Charaktere und Seelen hineinzuversetzen. Empathie also.

Sind PC-Spiele die Märchen von heute?

Nein. Lesen schult die Fantasie viel mehr als das platte Sehen. Wenn man liest, dass der Prinz in einem Wald gefangen ist, stellt sich jedes Kind einen anderen, seinen eigenen Wald vor. Sieht man diese Situation auf dem Monitor, können sich Millionen von Kindern den Wald nicht mehr anders vorstellen als so.

Man könnte sagen, dass Lesen isoliert, während PC-Spiele häufig die Kommunikation anregen.

Diese These habe ich mal vertreten, stieß damit aber auf großen Widerstand: „Wie können ausgerechnet Sie Computerspiele gut finden?“ Wenn ich im Kaufhaus durch die Computerabteilung gehe, sehe ich aber Trauben von Kindern vor den Monitoren. Einer spielt, die anderen geben Ratschläge. Das ist ein tatsächliches Gemeinschaftserlebnis. Beim Lesen dagegen sitzt man allein in der Ecke und will nicht gestört werden. Tja, es gibt halt keine Eindeutigkeiten.

Haben Sie schon die Weihnachtsgeschenke für Ihre Kinder und Enkelkinder zusammen?

Nein. Sollte ich? Ich bin ein ziemlicher Chaot. Die Weihnachtsgeschenke besorgt meistens meine Frau.

Die klassische Rollenverteilung?

Hierbei vielleicht. Ansonsten ist meine Frau als Psychologin und Familientherapeutin berufstätig.

Sie haben einmal gesagt, dass die Figur des Herrn Taschenbier persönliche Züge trägt.

Ganz so schüchtern und lebensfremd war ich nicht.

Sie haben selbst Ihre Frau angesprochen, ohne Hilfe von außen, wie sie Herr Taschenbier durch das Sams erfuhr?

Naja, ich war damals auf einer Jungenschule. Erst in meiner Abiturklasse wurde dieses Prinzip gelockert. Meine Frau ging auf ein Internat, in der die Lehrer wohl nicht besonders gut waren: Das Abitur musste auf einer staatlichen Schule abgelegt werden, die Hälfte der Internatsschüler fiel regelmäßig durch. Deshalb ist sie im letzten Jahr klugerweise auf eine staatliche Schule gewechselt und kam als einziges Mädchen in meine Klasse. Irgendwann haben wir eine Party gefeiert und uns gefragt, wer darf Nele einladen, wer mit ihr tanzen? Jeder hat seinen Namen auf einen Zettel geschrieben und ihn in eine Mütze geworfen. Der Klassensprecher hat einen gezogen. Auf dem Zettel stand Paul Maar. Der Beginn unserer Liebe.

Sie hatten damit die Legitimation, sie anzusprechen?

Von mir aus hätte ich mich wahrscheinlich nie getraut.

Haben Sie damals schon geschrieben?

Gedichte, wie die meisten jungen Autoren. Jetzt schließe ich da an, wo ich vorhin unterbrochen wurde. Die zwei Fächer, in denen ich brillierte, waren Deutsch und bildende Kunst. Mein Traum war es, ein weltberühmter Maler zu werden, ich ging an die Kunstakademie. Ich saß aber bald mehr an der Schreibmaschine als vor der Staffelei zu stehen. Und dann habe ich gesehen, wie schlecht es den älteren Semestern ging. Die haben fast nie ein Bild verkauft. Ich hatte Familie. Da habe ich mir meinen Traum schnell abgeschminkt.

Sie haben sehr früh geheiratet.

Ja. Erfreulicherweise haben wir es geschafft, uns gemeinsam zu entwickeln.

In einer Künstlerehe mit Diskussionen und Demonstrationen, Rotwein und Freizügigkeiten?

(lacht) In erster Linie waren wir arm. Unser erstes Kind kam, da war ich 22 Jahre alt.

Ihre Ehe hält jetzt mehr als 40 Jahre, nach heutigen Maßstäben eine fulminante Leistung.

Eckhart Henscheid hat sich mal darüber lustig gemacht, dass im sozialpädagogischen Jargon alles mit Arbeit verbunden ist: Beziehungsarbeit, Erziehungsarbeit bis hin zur Trauerarbeit. Trotzdem: Man muss an einer Beziehung arbeiten, muss sich immer bewusst werden, was läuft und was nicht. Und darüber sprechen. Das habe ich erst durch meine Frau gelernt. Ich war anfangs wirklich ein schüchterner, maulfauler Taschenbier. Ich kam aus einem sehr autoritären Elternhaus. Sie hat mir klar gemacht, dass ein Lebensplan nicht darin bestehen sollte, möglichst unauffällig zu sein, damit man keine Ohrfeigen bekommt.

Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau?

Sie stammt aus einer Theaterfamilie. Sie war offener und freier. Sie hat aber gemerkt, wie schnell Beziehungen zerbrechen. Sie hat deshalb bewusst gesagt: „Ich will Kinder haben. Und Zeit für sie.“ Bis unsere jüngste Tochter sechs Jahre alt war, hat sie sich um die Kinder gekümmert. Dann hat sie etwas geschafft, was angeblich nur drei Prozent der Frauen schaffen: nach der Kinderphase zu studieren und das Studium tatsächlich abzuschließen.

Und wie wurden Sie Kinderbuchautor?

Ich hatte als Autor für ein erwachsenes Publikum begonnen. Aber ich merkte nach dem ersten Kinderbuch, wie gut meine Geschichten bei Lesungen vor Kindern ankamen: Dieses Talent wollte ich nutzen.

Es gibt eine andere Version der Geschichte. Demnach wurden Sie geradezu erpresst, Kinderbücher zu schreiben.

Das stimmt. Friedrich Oetinger, mein Verleger, hat kräftig mitgeholfen. Ich bin damals nach Hamburg gefahren. Im Zug habe ich mir zurechtgelegt, dass ich ihm als erstes erzähle, dass Oetinger froh sein könne, dass sich jemand wie ich überhaupt auf das Gebiet der Kinderliteratur begibt. Damit bin ich bei ihm an den Falschen geraten: „Entweder schreiben Sie mit ganzem Herzen für Kinder“, machte er mir klar, „oder Sie können Ihr Manuskript gleich wieder mitnehmen.“ Er hatte keine Lust, einen Autor aufzubauen, der nach zwei Büchern sagt: „So, das war’s.“ Er hatte Recht.

Wie schreibt man für Kinder? Harald Schmidt hat mal die Vorgabe „kurze Sätze, kurze Kapitel“ gemacht, damit die Eltern beim Vorlesen nicht zu viel Mühe haben.

Harald Schmidt könnte sich beim Vorlesen ruhig mehr Zeit nehmen. Freies Erzählen ist natürlich schöner als Vorlesen. Im Alltag hören die Kinder Befehle, Dialoge, Informationen. Ein Gespür für Form und Dramaturgie einer Geschichte muss sich langsam ausbilden. Am besten, wenn man sie erzählt bekommt.

Sie haben Ihr autoritäres Elternhaus erwähnt. Dort wurde bestimmt nicht erzählt.

Ich hatte einen Stiefgroßvater, der Wirt in einem Dorfgasthaus war. Am Wochenende war es immer bis zum letzten Tisch besetzt, denn der alte Herr erzählte Geschichten. Ich habe schon als Kind mitbekommen, wie er gemeinsame Erlebnisse im Laufe von drei, vier Wochen immer mehr ausbaute. Aus fünf Minuten wurden 25, versetzt mit 150 erfundenen Einzelheiten. Die Pointen saßen immer richtig, und ich bekam ein Gefühl dafür, wie man eine Geschichte aufbauen muss.

Hat er den Erfolg des Sams noch erlebt?

Leider nicht.

Wie ist das Sams eigentlich entstanden?

In meinem ersten Theaterstück, „Der König in der Kiste“, gab es ein Figurenspiel. Die Hauptfigur erschien am Samstag, nannte sich Sams und war eine gefräßige Klappmaulfigur. Der Regisseur meinte, jaja, ganz schön, aber dass das Figurenspiel nicht in den Kontext des Stückes passe. Also flog die Figur raus und landete in der Schublade. Als ich Herrn Taschenbier erfunden hatte, fiel sie mir wieder ein. Und das Spiel mit den Wochentagen: Am Montag kommt Herr Mon zu Besuch, am Dienstag ist Dienst, am Donnerstag donnert es und so weiter. Und am Samstag kommt das Sams. Es war dann kein Monster mehr, sondern ein Sympathieträger. Eine mutige Gegenfigur zum Herrn Taschenbier, die anders als ihr „Papa“ jeden anquatscht.

Können Sie Eltern verstehen, die dem Sams am liebsten eine scheuern würden? Immerhin ist es extrem selbstgerecht und stiftet permanent Chaos.

Verstehen schon. Aber es macht mir großen Spaß, die Wirklichkeit aus den Angeln zu heben.

Im Vergleich zu Kollegen wie Janosch fällt auf, dass Sie mit Sams-Merchandising eher zurückhaltend sind. Sie könnten Millionen machen.

Ich weiß. Aber das muss ja nicht sein.

Sie haben schon genug?

Ja! (lacht) Mit meinem Rentnerausweis komme ich jetzt sogar verbilligt in Museen. Im Ernst: Man nimmt der Figur das Geheimnis, wenn sie auf jeder Socke, jedem Joghurtbecher zu finden ist.

Der erste Sams-Film war mit 1,8 Millionen Zuschauern tatsächlich ein Riesenerfolg. Nächste Woche kommt der zweite Teil, „Sams in Gefahr“, in die Kinos. Warum heißt der Film so – das Sams ist doch nie in Gefahr?

Ja, äh… Die Frage habe ich befürchtet. Sagen wir so: Es ist in Gefahr, dass es von dem Turnlehrer Herrn Daume, der es entführt hat, um sich seine eigenen selbstsüchtigen Wünsche zu erfüllen, weiterhin „missbraucht“ wird und seinen Lebensabend bei ihm verbringen muss. Daume sagt, als er das Sams im Netz gefangen hat: „Da drinnen wirst du bleiben, bis du mir verraten hast, wie du wieder neue Wunschpunkte bekommst. Und wenn du da drinnen vertrocknest!“ Das empfinde ich schon als gefährlich.

Herr Maar, eine Frage Ihrer Zielgruppe: Wann kommt der sechste Band des Sams?

Hmm… Früher hatte ich immer ein schlechtes Gewissen, weil ich Fortsetzungsgeschichten geschrieben habe. Das ist in der Literaturkritik verpönt. Nach dem Motto: „Ach, er baut an.“

Der Erfolg von Harry Potter hat das geändert.

Seit Harry Potter giert jeder nach einem neuen Band, ja. Plötzlich sind Fortsetzungen in der Literaturkritik akzeptiert. Insofern hätte ich weniger Hemmungen. Ich finde ja, dass die Rowling hervorragend schreibt. Was mir auf den Geist geht, ist die Tatsache, dass der Großteil aller neu erscheinenden Kinderbücher von Hexen und Zauberern handelt.

Warum ist es Ihnen eigentlich so wichtig, von der Literaturkritik akzeptiert zu werden?

Es ist mir letztlich egal. Aber zuweilen kränkt es schon, wenn Kinderliteratur in den Feuilletons behandelt wird, als sei sie Trivialliteratur, vergleichbar mit Heftchenliteratur am Kiosk.

Sie haben kürzlich einen Preis für Ihr Gesamtwerk erhalten, Ihr Roman „Lippels Traum“ wurde gerade als Hörbuch des Jahres ausgezeichnet. Welches Gefühl verspüren Sie bei solchen Ehrungen?

Späte Rechtfertigung? Hmm… Vielleicht einfach nur Freude .

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