Zeitung Heute : Mismatch

Regina-C. Henkel

Die Lage ist ernst. Vier Millionen Arbeitslose - und für Januar hat die Bundesanstalt für Arbeit bereits 300 000 weitere Zugänge in der Statistik angekündigt. Das macht Angst. Wer seinen Job verloren hat, sieht damit seine Chancen für einen Wiedereinstieg in die Arbeitswelt noch mehr gefährdet; die Konkurrenz scheint einfach übermächtig zu werden. Und wer Arbeit hat, fühlt sich auch nicht mehr so richtig wohl. Keiner weiß, ob seine Abteilung morgen noch existiert, möglicherweise wird ja der ganze Betrieb dicht gemacht. Sicher ist überhaupt kein Job mehr - auch nicht der von Politikern und Gewerkschaftern. Täglich neu beliefern sie deshalb Zeitungen und Sendeanstalten mit Schlagzeilen über neue Jobprogramme. Dieser Tage heißt das vermeintliche Zauberwort "Kombilohn", zur Jahreswende war es das Job-Aqtiv-Gesetz, zuvor die Greencard.

Die Kommentare aus der Wirtschaft sind jedoch ernüchternd. Sie kritisieren die Maßnahmen als "vernachlässigbares Schräubchen im arbeitsmarktpolitischen Instrumentenkasten" oder sagen, wie beispielsweise Manfred Brücks vom Personaldienstleistungsunternehmen adecco über das seit Jahresbeginn geltende Job-Aqtiv-Gesetz: "Es fehlt eine klare Regelung zur Durchführung." In jedem Fall habe der Arbeitgeber einen "höheren Verwaltungsaufwand und höhere Kosten". Kritisch ist auch der Vizepräsident des Instituts Arbeit und Technik (IAT) in Gelsenkirchen, Professor Gerhard Bosch. Staatszuschüsse für Billig-Jobs würden kaum die ersehnte Wende bringen. Der derzeit diskutierte Kombilohn koste "sehr viel Geld, riskiert hohe Mitnahmeeffekte und bringt nur wenig für die Beschäftigung." Bosch: "Die Probleme des Arbeitsmarktes lassen sich im Niedriglohnsektor nicht lösen".

So weit, so schlecht. Doch an der Geld-Hürde allein, davon ist Personalfachmann Brücks überzeugt, liegt es gewiss nicht, dass Arbeitslose und Arbeitgeber nicht zusammenfinden. Er kennt die Nöte von immerhin 11 000 Kundenunternehmen: "Der Personalbedarf der Wirtschaft ist immer noch hoch, die Unternehmen suchen händeringend höher qualifizierte Fachkräfte."

Wohl wahr: Nach einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (iw) in Köln können die Unternehmen 60 Prozent der offenen Arbeitsplätze nicht kurzfristig besetzen, weil kompetente Bewerber fehlen.

Problem Anforderungsprofil

Die Gründe für das "Mismatch", wie Arbeitspolitiker das Phänomen von Arbeitslosigkeit auf der einen Seite und unbesetzten Stellen auf der anderen Seite nennen, müssen woanders liegen. Nachdem sich der Bundeskanzler höchstselbst mit dem bösen Wort "Faulheit" in die Nesseln gesetzt hat, sprechen Personalexperten als Hauptursache dieses Mismatch lieber wieder höflich umschreibend von "fehlender Motivation".

Klaus Pohl vom Landesarbeitsamt Berlin-Brandenburg weist auf andere, gewichtige Gründe für das Mismatch hin: "Angebotene und nachgefragte qualifikationsspezifische Anforderungsprofile stimmen oft nicht überein. Zunehmend wird Spezialwissen nachgefragt. Schwierigkeiten gibt es auch bei Berufen mit ungünstigen Arbeitsbedingungen."

Jeder, der sich schon einmal um einen Job beworben hat, wird diese Aussage bestätigen. Personalchefs, die Mitarbeiter der Sorte "eierlegende Wollmilchsau" erwarten, gibt es tausendfach. Ihr Wunsch: nicht älter als Mitte 30 und mobil, topaktuelles Fachwissen, hoch entwickeltes Selbstbewusstein und dem Chef gegenüber stets voller Respekt. Über Lärm am Arbeitsplatz und den uralten Computer murren? Nicht doch!

Dabei haben die Personalchefs allen Grund, sich von ihren Vorstellungen aus dem vergangenen Jahrhundert zu verabschieden. Schon die aktuellen Rekrutierungsengpässe ziehen einen Rattenschwanz an negativen Folgen nach sich (siehe Grafik).

Mehr als zwei Drittel der Unternehmen mit Leerstellen sehen dadurch ihr Wachstum und ihre Konkurrenzfähigkeit gefährdet. Die iw-Umfrage hat schon im vergangenen Jahr offengelegt, dass reichlich die Hälfte der Betriebe wegen personalbedingter Produktionsengpässe Aufträge ablehnen muss und sich knapp 50 Prozent der Firmen gezwungen sehen, für viel Geld externe Leistungen dazu zu kaufen, um Aufträge fristgerecht erfüllen zu können. Tun sie das nicht, schnappen ausländische Anbieter die Kunden weg. Darüber hinaus befürchtet fast jedes zweite Unternehmen einen Innovationsstau. Und: Der Fachkräftemangel kostet schon jetzt künftige Jobs. Weit über ein Drittel der Betriebe mit Vakanzen will verstärkt rationalisieren. Prozessinnovationen oder eine neue Arbeitsorganisation lassen dann vorhandene Arbeitsplätze schnell unrentabel werden - und machen neue überflüssig.

Andererseit schrumpft die aktive Bevölkerung. Derzeit werden jährlich rund 100 000 Kinder weniger geboren als noch 1990. In den kommenden Jahren wird es deshalb notwendig sein, die Zahl der Arbeitskräfte zu erhöhen - etwa indem Hausfrauen und Arbeitslose wieder fit für den Beruf gemacht werden. Die Unternehmen haben konkrete Vorstellungen, wie das geschehen soll:

Mehr Zusatzqualifikationen in der Berufsausbildung (78 Prozent Nennungen), damit der eine oder andere Seiteneinsteiger eingesetzt werden kann, wo er gebraucht wird.

Mehr betriebsnahe Bildungsangebote für geringer Qualifizierte (74 Prozent).

Flexible Teilzeit für Ältere (71 Prozent).

Für ungeeignet gehalten wird die Einführung oder der Ausbau von Telearbeit. Gleichwohl sind das bereits eine ganze Reihe von Zugeständnissen an die Adresse der Jobkandidaten. Und die Unternehmen tun sogar noch mehr. Die Leerstellen-Not hat die Arbeitgeber kreativ werden lassen. Beispiel Personalrekrutierung: Immer mehr Betriebe vertrauen der Eigeninitiative von Jobsuchenden, die sich ungefragt beim Unternehmen ihrer Wahl vorstellen und bewerben. Das Arbeitsamt wird deshalb nur eingeschaltet, um staatliche Unterstützungen wie etwa Lohnkostenzuschüsse in Anspruch zu nehmen. "Warum auch nicht?", sagt Klaus Pohl vom Landesarbeitsamt. "Die Hauptsache ist doch, dass ein Arbeitsloser mehr in Lohn und Brot gekommen ist."

Ganz erfinderische Unternehmer orientieren sich an dem Prinzip der inzwischen etablierten Jobmessen und verkehren das traditionelle Prinzip "Kandidat bewirbt sich bei Unternehmen" ins Gegenteil. Sie gehen persönlich auf Arbeitnehmersuche - beispielsweise in Kaufhäusern.

Wundern Sie sich also nicht, wenn Ihnen beim nächsten Einkaufsbummel folgendes passiert: "Entschuldigung, dass ich Sie anspreche, aber Sie machen so einen patenten Eindruck. Ich suche Mitarbeiter. Können Sie sich vorstellen, in unserem Unternehmen zu arbeiten?"

Viel Bewegung auf dem Arbeitsmarkt

Auch für diesen Fall, der laut Arbeitsamt immer häufiger vorkommt, sagt Klaus Pohl "die volle Unterstützung" der Arbeitsverwaltung zu. Pohl: "Wie viel Bewegung es auf dem Arbeitsmarkt gibt, wird in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Gesehen wird immer nur die absolute Zahl der Arbeitslosen am Monatsende und nicht, dass monatlich viele tausend Arbeitslose wieder eine Arbeit aufnehmen. Die Lage ist ernst, aber hoffnungslos ganz bestimmt nicht."

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