Missbrauch am Canisius-Kolleg : Was ist seit der Aufdeckung passiert?

Vor einem Jahr wurde der Missbrauch am Berliner Canisius-Kolleg bekannt. Weitere Enthüllungen folgten – auch an säkularen Schulen. Was ist seitdem passiert?

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An diesem Freitag vor einem Jahr wurde bekannt, dass am Berliner Canisius-Kolleg in den 70er und 80er Jahren Jesuitenpatres sexuelle Gewalt gegen Jugendliche ausgeübt haben. Die Enthüllung löste in ganz Deutschland große Betroffenheit und Empörung aus. In den folgenden Monaten offenbarten sich viele weitere Menschen, die als Jugendliche in kirchlichen Einrichtungen, aber auch zum Beispiel an der säkularen Odenwaldschule missbraucht oder misshandelt worden waren. Aus den Missbrauchsfällen im Canisius-Kolleg wurde einer der größten Skandale für die katholische Kirche, die Reformpädagogik verlor ihren Glanz.

Katholische Kirche

Mittlerweile sind mehr als 200 Opfer namentlich bekannt, die an Jesuitenschulen sexuelle Gewalt und Grenzüberschreitungen erfahren haben. Im bayerischen Benediktinerkloster Ettal wurden über 100 Jugendliche massiv misshandelt, Opfer berichten von Prügel mit Skistöcken, geplatzten Trommelfellen. Auch in allen 27 deutschen Bistümern meldeten sich Menschen und gaben an, von Priestern betatscht, missbraucht oder geprügelt worden zu sein. Die meisten Vergehen haben sich in den 60er bis 80er Jahren zugetragen, im Kloster Ettal wurde noch bis in die 90er Jahre geschlagen, auch in der Jesuitenschule Aloisiuskolleg in Bonn reichen die Vorwürfe bis in die Gegenwart. Die Bischofskonferenz ernannte den Trierer Bischof Stephan Ackermann zu ihrem Missbrauchsbeauftragten und schaltete eine telefonische Hotline. Dort wurden bisher 4375 Gespräche geführt mit Opfern, Angehörigen und anderen, die ihre Meinung äußern wollten.

Das ganze Ausmaß des Skandals ist noch nicht bekannt. Zum einen, weil nirgendwo die Fälle aus den Bistümern zusammengetragen werden. Die Bischofskonferenz will einen Forscher damit beauftragen. Zum anderen weil nur der Münchner Bischof Reinhard Marx die Akten systematisch durchforstet hat.

Debattiert wurde, ob die durch den Zölibat erzwungene sexuelle Enthaltsamkeit der Priester pädophile Neigungen begünstige. Bischöfe, Priester und Psychologen bestreiten das. Kritiker innerhalb und außerhalb der Kirche meinen aber, dass der Zölibat einen reifen Umgang mit Sexualität verhindern kann und dass sich Männer mit einer problematischen Sexualität unter dem Zölibat verstecken können, anstatt zu lernen, mit ihren Sehnsüchten klarzukommen. Gefordert wird deshalb die Abschaffung des Zölibats – aber die Kirche geht nicht darauf ein.

Der Augsburger Bischof Mixa empörte mit der These, der Missbrauch gehe auf eine zunehmende Sexualisierung der Gesellschaft seit 1968 zurück. Er geriet selbst wegen Prügelvorwürfen in die Kritik und musste im Mai sein Amt aufgeben.

Nach einem Jahr steht fest: In der Kirche und in Orden wurden Fälle von sexuellem Missbrauch über Jahrzehnte systematisch vertuscht. Verdächtige oder überführte Priester wurden oft einfach versetzt, ohne dass der neue Arbeitgeber über die Vergehen oder Vorwürfe unterrichtet worden wäre. Das abgeschlossene Milieu innerhalb der Kirche leistete der Vertuschung Vorschub. Eine Richtlinie im Vatikan besagt bis heute, dass bei einem Verdacht auf sexuellen Missbrauch in einer Gemeinde erst einmal kircheninterne Untersuchungen vorgenommen werden müssen, bevor die staatlichen Behörden eingeschaltet werden.

Um mehr Transparenz in die Aufklärung zu bringen und die Zusammenarbeit mit Polizei und Staatsanwaltschaft klar zu regeln, verschärfte die Bischofskonferenz im August ihre aus dem Jahr 2002 stammenden Leitlinien zum Thema. Sie haben allerdings nur Empfehlungscharakter. Hält sich ein Bischof nicht daran, kann er nicht sanktioniert werden. Sieben der 27 Bistümer haben nach wie vor keinen unabhängigen Missbrauchsbeauftragten ernannt.

Auch Papst Benedikt XVI. ist auf eine gewisse Weise verstrickt. Im März bestätigte das Erzbistum München, dass in der Amtszeit von Kardinal Joseph Ratzinger (1977 bis 1982) ein wegen Kindesmissbrauch verurteilter Priester in der Gemeindearbeit des Bistums eingesetzt wurde. Die Verantwortung dafür übernahm der frühere Generalvikar – und entlastete den Papst dadurch. Zum Vorwurf, Ratzinger sei als Chef der Glaubenskongregation nicht allen Hinweisen nachgegangen, schweigt der Vatikan.

Der Missbrauchsskandal ist aber kein singuläres Problem der katholischen Kirche. Auch in evangelischen Einrichtungen sind Fälle bekannt geworden – aber vergleichsweise wenige. Dort, wo etwas passiert ist, hat die evangelische Kirche jedoch genauso versagt wie die katholische. Pfarrer wurden ebenso gedeckt.

Noch ist offen, in welcher Höhe und wie Opfer entschädigt werden sollen. Der Jesuitenorden hat diese Woche in einem Brief an 200 Opfer 5000 Euro pro Person angeboten – verwies dabei aber darauf, dass es noch keine Einigung mit den Bischöfen gibt. Die offenbar geplante Verständigung mit den Bischöfen kann zum Problem für den Runden Tisch bei der Bundesregierung werden: Wenn sich Jesuiten und Bischöfe einigen sollten, ihre jeweils eigenen Opfergruppen zu entschädigen, wer würde dann noch in einen Fonds des Runden Tisches einzahlen?

Odenwaldschule

Im März registrierte die Öffentlichkeit, dass es auch in der Odenwaldschule (OSO) im hessischen Oberhambach sexuellen Missbrauch von Schülern gegeben hatte. Die OSO galt als Vorzeige-Institution der Reformpädagogik, bei der Schüler zur Selbstbestimmung erzogen werden und die klassische Hierarchie zwischen Lehrern und Schülern aufgebrochen ist. Schüler und Lehrer leben in so genannten Familien zusammen.

Zwischen 1965 und 1990 sind mindestens 132 Schüler sexuell missbraucht worden. Als Täter gelten sieben Lehrer. Haupttäter war Gerold Becker, der die Schule von 1972 bis 1985 geleitet hatte und im Juli 2010 starb. In einem Schreiben an die Opfer entschuldigte er sich. Becker galt als exzellenter Lehrer und als Vorbild für viele Reformpädagogen. Das könnte ein Grund sein, warum Verantwortliche in seiner Schule und im hessischen Kultusministerium nicht früher intensiv Vorwürfen nachgegangen sind. Denn schon 1999 war von sexuellem Missbrauch am Internat die Rede.

Obwohl die Schule sich durch Aufklärung und Transparenz um einen Imagewandel bemüht, ist ihre Zukunft ungewiss. Die Schülerzahlen – und damit Einnahmen – gehen zurück. Das Landratsamt im Kreis Bergstraße weigert sich, Jugendliche an die Schule zu überweisen. Auch Sponsoren warten die Entwicklung ab. Die Führung der OSO streitet, wie die Opfer entschädigt werden sollen.

Staat

Die Politik reagierte recht schnell – und wortgewaltig. Über „schockierende Tatsachen“ und „gravierende Missstände“ sprachen die Bundesministerinnen Annette Schavan (Bildung, CDU), Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (Justiz, FDP) und Kristina Schröder (Familie, CDU), als sie den Runden Tisch „Sexueller Kindesmissbrauch“ einberiefen, der im April erstmals tagte. 60 Fachleute gehören dazu, Vertreter der Kirchen, von Kinderschutzverbänden, Internaten und Politik. Ihr Ziel: Aufklärung und Prävention.

Manches hat sich geklärt. Damit Opfer ihre Schmerzensgeldansprüche auch nach Jahren geltend machen können, soll die zivilrechtliche Verjährungsfrist von drei auf 30 Jahre verlängert werden. Es gibt neue Standards zur Vorbeugung und Verhinderung von Missbrauch in Schulen, Kindergärten und Vereinen. Offen geblieben ist die Entschädigungsfrage. Politiker streiten, ob Täter härter bestraft werden müssen, wie es die CSU fordert. Leutheusser-Schnarrenberger nennt das „reine Symbolpolitik“. Der Runde Tisch tagt das nächste Mal am 5. April, Ende 2011 soll der Abschlussbericht vorliegen.

Zeitgleich mit dem Runden Tisch wurde auch die frühere Familienministerin Christine Bergmann (SPD) als „Unabhängige Beauftragte“ zur Aufarbeitung eingesetzt. Mehr als 10 000 Anrufe und Briefe wurden inzwischen gezählt, weit mehr als von ihr erwartet. Der jüngste Anrufer war acht, die älteste 89 – Letztere sprach erstmals über ihr Leid. Fast zwei Drittel aller Fälle wurden nie angezeigt – vor allem, weil sie verjährt waren. Wie es mit der Arbeit der Missbrauchsbeauftragten weitergeht, ist offen. Sie selbst will, dass die Anlaufstelle über den Sommer hinaus erhalten bleibt und die Telefonnummer 0800/2255530 nicht abgeschaltet wird. Tatsächlich gibt es Überlegungen, dauerhaft das Amt eines Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung einzurichten – etwa nach dem Vorbild des Wehrbeauftragten. Bergmann aber will diesen Posten nur noch bis Herbst behalten, sagte sie dem Tagesspiegel.

Dieser Anlaufstelle und auch der Debatte in der Öffentlichkeit ist es zu verdanken, dass viele Betroffene nach Jahrzehnten des Schweigens über ihre Missbrauchserfahrungen gesprochen haben – oft wussten selbst die engsten Angehörigen nichts davon. Viele hat die erlittene Gewalt, die Demütigung und die Scham darüber so aus der Bahn geworfen, dass sie niemals mehr ein normales Leben führen werden. Betroffene kritisieren, dass sie bislang nicht am Runden Tisch vertreten sind. Und sind empört, dass der Jesuitenorden nur 5000 Euro pro Person zahlen will. Die Opferinitiative „Eckiger Tisch“, in der sich Absolventen von Jesuitenschulen zusammengeschlossen haben, erklärt: „5000 Euro sind den Folgen der Taten nicht angemessen und stehen im deutlichen Kontrast zur Macht und Reichtum der katholischen Kirche in Deutschland.“

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