Missbrauch : Kirche spricht über Entschädigungen

Erzbischof Robert Zollitsch wird am Freitag von Papst Benedikt XVI. empfangen. Dessen Bruder Georg Ratzinger, früherer Leiter der Regensburger Domspatzen, bittet die "Opfer um Verzeihung".

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Berlin - Der Vatikan und die katholische Deutsche Bischofskonferenz stehen in engem Kontakt wegen der fortwährenden Missbrauchsvorwürfe. An diesem Freitag wird der Vorsitzende der Bischofskonferenz, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, von Papst Benedikt XVI. empfangen. Das Gespräch, als turnusmäßig nach der Vollversammlung der Bischöfe beschrieben, dient auch der Information des Papstes, wie seine deutschen Landsleute der Affäre Herr zu werden glauben.

Der einflussreiche Kurienkardinal Walter Kasper aus Deutschland hat bereits eine wachsende Ungeduld des Vatikan in dieser Frage deutlich gemacht, wenngleich in gewählter Form. Darüber hinaus machte Kasper als Erster die Überlegung von Entschädigungen öffentlich. Auch um diesen Punkt dürfte es im bevorstehenden Treffen des Papstes mit Zollitsch gehen, außerdem um den Runden Tisch in Deutschland gegen Kindesmissbrauch. Papstsprecher Federico Lombardi nannte das den „richtigen Weg“ und betonte, natürlich sei die Kirche bereit, daran teilzunehmen. Er legte aber Wert auf die Feststellung, dass das Problem „entschieden und prompt“ angegangen worden sei, und dass nicht alle Anschuldigungen allein die Kirche treffen dürften. Das würde das Bild verfälschen.

Das Thema Wiedergutmachung und Entschädigung ist von Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) inzwischen wiederholt angesprochen worden, zuletzt im Hinblick auf die Verjährung von Taten: Dann solle die Kirche freiwillig entschädigen. Die Bischofskonferenz wiederum ist zum Gespräch über alle genannten Punkte bereit, wartet aber nach eigenen Angaben seit zwei Wochen auf einen Termin mit Leutheusser-Schnarrenberger. Aus dem Klerus erhielt sie derweil offen Unterstützung vom Erzbischof von München und Freising, Reinhard Marx. Er gab einen Mangel an Aufklärungswillen „in der Vergangenheit“ zu und sagte, dass er darüber Scham empfinde. Auch Marx ist der Ansicht, dass die Kirche nicht in Verjährungsfristen denken darf, sondern „in der moralischen Verantwortung, die auch über Generationen geht“. Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick wiederum unterstützte den Vorschlag der bayerischen Justizministerin Beate Merk (CSU), die Verjährungsfristen bei sexuellem Missbrauch auf 30 Jahre zu verlängern. Bisher gibt es Fristen von fünf bis 20 Jahren. Die Bischofskonferenz insgesamt sagte den staatlichen Stellen bei der Aufklärung volle Unterstützung und direktere Information zu. Außerdem forderte sie jetzt Geistliche zu Selbstanzeigen auf.

Benedikt XVI. ist der Bischofskonferenz immer noch sehr verbunden. Zollitsch pflegt diese Verbindung durch mehrmalige Informationsgespräche im Jahr. Der Papst, früher Kardinal Joseph Ratzinger, war Münchner Erzbischof von 1977 bis 1981. Das Kloster Ettal, wegen Missbrauchsfällen in zurückliegenden Jahren ins Gerede gekommen, liegt in diesem Bistum, untersteht allerdings nicht dem Bischof. Es begründet aber mit das Interesse des Papstes, ebenso der Umstand, dass sein Bruder, Georg Ratzinger, von 1964 bis 1994 die Regensburger Domspatzen leitete, bei denen es auch zu Missbrauch gekommen ist. Prälat Ratzinger (86) gab zu, Chormitglieder geohrfeigt zu haben. In der Internatsvorschule wurden Kinder auch durch den Direktor verprügelt. Ratzinger wusste davon, meinte aber nicht, einschreiten zu müssen. Heute verurteile er das umso mehr und bitte „die Opfer um Verzeihung“.

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