Zeitung Heute : Mission Afghanistan

Helge Boes war Berliner, er starb als CIA-Agent – auf der Jagd nach Osama bin Laden?

Frank Jansen

Ein nacktes Männerkinn ist in Afghanistan verdächtig. Paschtunen, Tadschiken und die anderen Muslime tragen Vollbart, nicht zu knapp. Glattrasierte Männer können nur Fremde sein, vermutlich Amerikaner oder Westeuropäer. Ohne Uniform oder Abzeichen einer Hilfsorganisation geraten die Bartlosen in diesem Land, in dem Verschwörungstheorien blühen, in den Verdacht, sie seien Spione. Deshalb ließ sich Helge Boes, bevor er nach Afghanistan fuhr, das Kinn und die Wangen zuwachsen. Denn der aus Berlin stammende Deutsch-Amerikaner war genau das, was Islamisten jedem Westler unterstellen: ein Spion. Ein Agent der CIA, ausgebildet für „special operations“. Vor einem Monat, am 29. Januar kam er zum zweiten Mal nach Afghanistan. Vermutlich mit dem speziellen Auftrag, den meistgesuchten Mann der Welt zu jagen: Osama bin Laden.

Helge Philipp Boes ist tot. Vergangenen Sonntag erschien im Tagesspiegel eine kleine Todesanzeige. Mit dem schlichten Satz: „Helge ist bei einem Einsatz für die CIA in Afghanistan ums Leben gekommen.“ Es folgen die Namen der Ehefrau, der Eltern und weiterer Verwandter. Als Todesdatum wird der 5. Februar genannt. Ein trauriges, etwas bizarr wirkendes Dokument deutsch-amerikanischer Verbundenheit. Fast schon eine Widerrede zur Entfremdung zwischen Berlin und Washington angesichts des drohenden Militärschlags gegen den Irak.

Der Berliner war 32 Jahre alt, als er in Afghanistan starb. „Ein Kollege hielt bei einer Übung eine Handgranate hoch“, sagt der Vater, Roderich Boes. „Helge stand daneben. Die Granate ist explodiert und riss dem Kollegen den Arm ab.“ Warum dieser CIA-Mann überlebte und Boes nicht, ist eine der Fragen, die sich aufdrängen. Die Geschichte vom Unfalltod bei einer „live-fire exercise“ irgendwo in Ost-Afghanistan stammt von der CIA. Roderich Boes und Ehefrau Monika sagen, sie hätten keine Zweifel daran. Doch dann erzählt die Mutter, „Helge war an der pakistanischen Grenze“. Haben die CIA-Agenten ausgerechnet in einer Region, in der Osana bin Laden vermutet wird, mit Handgranaten geübt? Die Eltern wehren die Frage ab. Sie wollen auch nicht sagen, ob Helge an der Suche nach dem Al-Qaida-Chef beteiligt war. Die CIA habe sie gebeten, keine Details weiterzugeben, sagt der Vater.

Der 71-jährige Deutsch-Amerikaner ist in Berlin weithin bekannt. In den 70er und 80er Jahren moderierte Roderich Boes die SFB-Abendschau, dann gestaltete er die Sendung „Präsent in Berlin“. Boes berichtete vom Alltag der Alliierten im Westteil der Stadt. Der Mann mit der kräftigen Stimme war dafür prädestiniert. Als Kind einer Schlesierin und eines Amerikaners hatte Boes viele Jahre in den USA verbracht, bevor er 1962 die Laufbahn im deutschen Fernsehen begann. 1972 kam Boes nach Berlin, weil er Helge später auf die renommierte deutsch-amerikanische John-F.-Kennedy-Schule in Zehlendorf schicken wollte. „Mein Sohn sollte auch bikulturell aufwachsen“, sagt Roderich Boes. Er schwärmt vom „Lebensgenuss“ der vielen Reisen in die USA und hat Helge und dem jüngeren Bruder Henrik seine deutsch-amerikanische Identität vererbt, samt doppelter Staatsbürgerschaft.

Es gab in West-Berlin keinen besseren Ort als die John-F.-Kennedy-Schule, um in Helge Boes den american spirit reifen zu lassen. Von der Einschulung 1976 bis zum Abitur 1988 hat er nur „die Jay-Eff-Kay“ besucht, wie sie von Lehrern und Schüler genannt wird. Die US-Militärs schickten ihre Kinder dorthin, aber auch bei deutschen Eltern war und ist die Schule hoch angesehen. „Hier blieb man gerade auch im Dissens menschlich verbunden“, sagt Florian Lennert, ein ehemaliger Mitschüler von Helge Boes und heute „Director of Corporate Relations“ an der London School of Economics. Was bedeutet Dissens? „Helge hatte eine dezidierte Meinung gegen den grün-alternativen Trend“, erinnert sich Lennert. 1986 hätten Schüler gegen das US-Bombardement Libyens zur Vergeltung des Anschlags auf die Berliner Diskothek „La Belle“ protestiert, „aber Helge sympathisierte damit nicht“. Lennert hat auch noch Boes’ Fußballleidenschaft vor Augen. „Er war immer vorne und leitete den Angriff.“ Doch Lennart hätte sich Boes „nie als Geheimagenten im Feld vorstellen können“. Auch von den anderen Ehemaligen habe keiner gewusst, dass Helge bei der CIA war.

Nach dem Abitur studierte Helge Boes in den USA. „Ich hab’ ihm zugeraten“, sagt der Vater, „die deutschen Unis sind graue Tretmühlen.“ Eine Zäsur: Helge wurde nun voll und ganz Amerikaner. 1992 schloss er das Politik-Studium an der Georgia State University mit summa cum laude ab. Dann suchte Boes das Abenteuer. In Burma unterrichtete er beim Bergvolk der Karen Englisch, erkrankte an Malaria, hielt aber durch. 1994 schrieb er sich an der US-Elite-Hochschule Harvard ein, 1997 hatte er einen Jura-Abschluss mit Auszeichnung in der Tasche. In Harvard lernte Boes seine Frau Cynthia kennen. Vielleicht machte sie ihn mit der CIA bekannt, denn „Cindy“ Tidler war zwei Jahre für den Geheimdienst tätig. „Sie hat Helge imponiert“, sagt der Vater, „mit ihren Taekwon-Do-Künsten legte sie ihn auf die Matte.“

1999 bewarb sich Boes bei der CIA, für „special operations“. Obwohl er jetzt Anwalt war und doppelt so viel verdiente, wie der Geheimdienst zu bieten hatte. „Er war mutig, gradlinig und suchte mehr Erfüllung“, sagt der Vater. Im Januar 2001 nahm die CIA Helge Boes auf, 2002 war er das erste Mal in Afghanistan. Was da geschah, erfuhren die Eltern nicht. Weihnachten haben sie ihn zuletzt gesehen. „Er sollte bald nach Europa kommen“, die Augen des Vaters werden feucht. „Helge war jetzt so weit, dass er Kinder haben wollte.“

Am 8.Februar trugen Soldaten auf der Andrews Air Force Base nahe Washington den mit der US-Fahne bedeckten Sarg aus einer Transportmaschine. Bei der Trauerfeier drei Tage später sprach CIA-Chef George Tenet. Er lobte Boes’ Einsatzwillen und Patriotismus. Und erwähnte, Helge habe in Kabul in seiner Freizeit Fußball gespielt. „May God bless and keep you, Helge“, sagte Tenet.

Wie stand sein Sohn zum drohenden Irak-Krieg? „Er war nachdenklich“, sagt Roderich Boes. „Aber er blieb bei seiner Grundeinstellung: ,We are the good guys’.“ Wenn es sein müsse, überall in der Welt. Das war Weihnachten. Es wuchs schon der Vollbart für den Einsatz in Afghanistan.

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