Zeitung Heute : Mit 6000 Betten zählt das Moskauer Hotel Rossija zu den größten Europas - nicht aber zu den schönsten

Jens Fottau

Genau hier standen die ersten Häuser Moskaus. Die Tür klemmt und deswegen muss sich die Etagenfrau Swetlana noch einmal hinter ihrem Empfangstisch hervorzwängen. Dahinter ist sie eigentlich nie zu entdecken, außer wenn man sich direkt davor stellt. Seitlich am Tisch sind Holzplatten hochgezogen, hinter denen Swetlanas Reich, begrünt durch eine Topfpflanze, die das wenige vorhandene Licht verschluckt, beginnt. Das Reich der Schlüssel und Zettel. Sie ist für den fünften Stock des Westflügels im Hotel Rossija verantwortlich.

Über das Haus schreibt der Reiseführer, es "entspricht der Größe Russlands". Das ist zwar ein klein wenig übertrieben, aber das Gebäude für die etwa 6000 Betten ist immerhin so riesig, dass ein ganzes Stadtviertel dafür weichen musste. Der älteste Teil Moskaus ist verschwunden, geblieben ist ein monströses Relikt der alten Sowjetunion, ein Bauwerk von einzigartiger Hässlichkeit in bester Lage. Hier gelten genau einzuhaltende Regeln.

Wer zu seinem Zimmer will, der muss in seine Etage fahren und bei Swetlana eine Art Hotelpass aus graugelbem Karton gegen den Schlüssel tauschen. Damit ist immer sichergestellt, dass die Etagenfrau Bescheid weiß, wer gerade im Zimmer und wer unterwegs ist, kurz: wer sich im Hotel herumtreibt. Auf der anderen Seite der Moskwa hätten wir eines der neuen, zu internationalen Ketten gehörigen Häuser beziehen können. Dort hätte es keine Etagenfrau gegeben mit Zetteln und Schlüsseln und günstigem Tee auch noch mitten in der Nacht, dafür teuren Room Service.

Menschen, die häufig nach Moskau kommen, sagen, in den vergangenen Jahren habe sich die Stadt ganz im Gegensatz zum Hotel Rossija stark verändert. Neue Hotels, alte und alt scheinende Häuser, die restauriert und rekonstruiert werden. 124 Bauwerke sollen in einem mehrjährigen Stadterneuerungsprogramm aufgemöbelt werden, knapp 100 haben die Renovierung schon hinter sich. Der Rote Platz hat gerade ein wiederaufgebautes Stadttor bekommen, das in den 30er Jahren für die unvermeidlichen Militärparaden weggerissen wurde. Die Panzer hätten nicht hindurchgepasst. Diskutiert wird gerade, ob und wie die Gräber an der Kreml-Mauer exhumiert werden sollen und ob der Leichnam Lenins nach St. Petersburg verlegt wird.

Weg mit der Sowjetzeit, zurück nach Russland, heißt das Motto in der Stadtarchitektur: Ein Fünftel aller Straßen hat einen neuen Namen bekommen, Rekonstruktionen gelten anders als im spitzfindigen Westeuropa als dem Zweck durchaus angemessen, ja sogar erwünscht. Viele der Fassaden und Straßen in der Innenstadt werden hergerichtet, das Zentrum ist dadurch freundlicher und heller geworden. Im alten Stil wieder aufbauen ist "in" geworden, zumindest innerhalb des Gartenrings. Bis hier reichte die Stadt im 17. Jahrhundert und damit der wirklich alte Teil der Stadt. Die Tücken des russischen Klassizismus bringen es mit sich, dass mitunter für den Nicht-Fachmann schwer erkennbar ist, aus welcher Zeit ein bestimmtes Gebäude stammt.

Die Stadt Moskau hat sich viel vorgenommen. In der Gunst der Touristen liegt sie immer noch weit hinter St. Petersburg zurück, immer noch hängt ihr das graue Image aus der alten Zeit an. Und neuerdings leidet der Ruf unter den Anschlägen auf Moskauer Wohngebäude sowie der allgemein als problematisch angesehenen Sicherheitslage. Das mit dem Ruf soll jetzt anders werden, das Problem wird nach lokaler Sitte mit einem neuen Kommittee angegangen, dem Moskauer Kommittee für Touristik. Dessen Vorsitzender, Grigoriy Antjufeew, sagt: "Früher hatten wir ein sehr schlechtes oder gar kein Image."

Die Stadt will nun die touristische Infrastruktur ausbauen, doch noch hapert es damit an vielen Ecken. So gibt es derzeit kein Fremdenverkehrsbüro, in dem sich Individualtouristen darüber informieren könnten, was in der Stadt gerade passiert, wo man gut oder günstig essen kann. Ein Theaterkalender, in dem die Spielpläne für die zahlreichen Moskauer Theater ausgedruckt sind, befindet sich gerade in Arbeit, bis dahin muss sich der Besucher mehr oder weniger durchfragen bei den kulturellen Hauptattraktionen der Stadt.

Und was weitere Aktivitäten seines Kommittees angeht, so hat Tourismus-Manager Antjufeew folgenden schönen Satz bereit: "Unsere Wünsche kennen keine Grenzen." Zu den größten Wünschen dürfte politische Stabilität zählen und eine etwas vorteilhaftere Kriminalstatistik. Das Sicherheitsproblem sei erkannt und werde derzeit bearbeitet, außerdem gehe es in Moskau auch nicht schlimmer zu als in einer westlichen Großstadt, wiegelt Antjufeew ab. Dies mag glauben, wer will, doch noch viel mehr als die Angst vor der grassierenden Kriminalität hält viele die politische Lage vor einem Besuch in Russlands Hauptstadt ab. Zuletzt war dies während des Kosovo-Konfliktes deutlich zu spüren. Zur Zeit bleiben die Gäste wegen des Tschetschenien-Krieges aus.

Dem Eifer der Restaurateure sei Dank, hat Moskau weit mehr an Besuchenswertem zu bieten als nur den Kreml. Die Stadtfestung ist zu einem großen Teil zugänglich. Auch mögliche längere Warteschlangen sollten einen nicht davon abhalten, die Rüstkammer direkt an der südlichen Auffahrt zum Kreml zu besuchen. Ursprünglich war hier einmal eine Werkstatt für Waffen und Rüstungen untergebracht, jetzt werden Schätze und Geschenke der russischen Herrscher untergebracht, Porzellan, Diamanten, Kutschen, Gewänder und Fabergé-Eier. Im nicht-öffentlichen Teil residierte Russlands ehemaliger Präsident Boris Jelzin und kann von seinem Büro aus die Innenstadt und die Moskwa überblicken.

Etliche Flusswindungen weiter (nahe der Metro-Station Sportiwnaja) haben die Bewohnerinnen des Neujungfrauenklosters einen ähnlich schönen Blick. Das Kloster (Nowodewitschi Monastyr) liegt ein Stück außerhalb des Zentrums und gehörte ursprünglich zu einem Ring von Wehrklöstern aus dem 16. Jahrhundert. Das Besondere: Die Anlage ist praktisch komplett erhalten. In der Mitte des Gartens steht die Kathedrale der Gottesmutter von Smolenskô, deren fünf Kuppeln über dem schneeweißen Gebäude in der Sonne schimmern. Neben der Schönheit der Gebäude und der Ruhe innerhalb der Klostermauern - von außen inmitten des Stadtlärms kaum vorstellbar - gibt es noch einen weiteren wichtigen Grund, das Kloster zu besuchen.

Gleich im Anschluss an die Anlage befindet sich nämlich der Prominenten-Friedhof Russlands schlechthin, der Neujungfrauen-Friedhof. Ein Spaziergang darüber ist ein Gang durch die russische Geschichte, Nikita Chruschtschow liegt hier begraben, oder Anton Tschechow und Dmitri Schostakowitsch ein wenig weiter. Und Sergej Tretjakow. Dessen Bruder ist das wichtigste Museum der Stadt zu verdanken. Pawel Tretjakow vermachte der Stadt Moskau im Jahr 1892 seine Sammlung russischer Kunst, die er zuvor in Jahrzehnten aufgebaut hatte. Seither sind zahlreiche weitere Ausstellungsstücke hinzugekommen, russische und sowjetische Kunst. Und vor allem Ikonen.

Da die Ikonen nicht nur einen künstlerischen Wert haben, sondern für viele Gläubige auch als Objekte religiöser Anbetung dienen, ist es gar nicht gewöhnlich, in den Ausstellungsräumen Besucher zu finden, die vor den Stücken tief in ihre Gebete versunken sind. Die Tretjakow-Galerie wurde nach einem zehnjährigen Umbau mittlerweile um zehn Räume erweitert, viele der im Depot gelagerten Stücke sind nun der Öffentlichkeit zugänglich.

In Moskau kann man sich auch als Tourist problemlos fortbewegen - mit der Metro. Die Fahrten mit dem Zug sind billig und hinreichend bequem - die Bahnhöfe zählen zu den erstaunlichsten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Viele der etwa 150 Bahnhöfe sind von klassizistisch-pompöser Geschmacklosigkeit, Dokumente der Sowjet-Ideologie. In den Gewölben stehen Statuen, die Helden des Kommunismus darstellen sollen. Sportler mit makellosen Körpern, werktätige Frauen, dem kommunistischen Ideal entsprechend. Die ersten Bahnhöfe stammen aus dem Jahr 1932. Viele der Metro-Stationen sehen aus wie Kirchen - und das sollen sie auch. In der Zeit, in der sie im Moskauer Untergrund gebaut wurden, ließ Stalin an der Oberfläche die echten Kirchen abreißen. Besonders sehenswert sind viele der Stationen in der Innenstadt dicht am Kreml. Eine befindet sich direkt unter dem Kaufhaus Gum, manchmal sind gar mehrere Bahnhöfe verschiedener Linien über ein System von Treppenhäusern und Schächten miteinander verbunden. Ein lohnender Fußmarsch im Untergrund der Stadt.

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