Zeitung Heute : Mit Allahs Hilfe auch die Deutschen schlagen

HARTMUT SCHERZER

LYON .Die Szene paßte so ganz und gar nicht in dieses denkwürdige Friedensfest des Fußballs zwischen den einstigen Erzfeinden Iran und USA.Wütend über seine Auswechslung eine Viertelstunde vor Schluß warf Khodaded Azizi sein Trikot auf die Bank und strafte seinen Trainer Jalal Talebi mit einem vernichtenden Blick.Ausgerechnet der Held der WM-Qualifikation und so gottesfürchtige islamische Chefideologe der Mannschaft durfte nicht mehr helfen, den Vorsprung über die Zeit zu retten.Ungeheuerlich.Das große Mißverständnis: Azizi hatte Talebi informiert, daß der Libero Mohammadkhani verletzt sei und ausgewechselt werden möchte.Der Trainer dachte in der allgemeinen Aufregung, Azizi meinte sich selbst."Es war Gottes Fügung", sagte der Kölner Profi später mit einem dankenden Blick noch oben.Ohne den quirligen Stürmer überstand Iran auch die verzweifelte amerikanische Schlußoffensive, feierte mit 2:1 den ersten und so historischen WM-Sieg überhaupt und will nach diesem packenden, dramatischen Spiel nun auch die Deutschen schlagen."Sie mögen uns das verzeihen", sagte Azizi lächelnd.

Für den glücklichen Sieg über die einst als "Großer Satan" verteufelten USA stand symbolhaft Azizis Vorname.Khodaded heißt übersetzt "Gabe Gottes".Wie wahr: Vier Latten- und Pfostentreffer der unentwegt angreifenden Amerikaner standen die Kontertore von Hamid Estili (40.) und Mehdi Mahdavvikia (84.) gegenüber, ehe Brian McBrides Anschlußtor (87.) die Dramatik bis zum Schlußpfiff in der 94.Minute hochhielt.

Deutschland - Iran am Donnerstag in Montpellier ist auf einmal zu einem "Endspiel" der Gruppe F geworden."Es wird kein Unentschieden geben.Entweder wir gewinnen oder wir verlieren", prophezeite Azizi.Alles oder nichts.Allah werde es richten."Wenn Gott es will, werden wir auch die Deutschen schlagen", sagte Flügelflitzer Mehdi Mahdavikia."Mit Gottes Hilfe werden wir gewinnen", kündigte auch der Kapitän und Torhüter Ahmed Abedzadeh an.Und wenn nicht, baute Talebi schicksalsergeben vor, sei es schließlich "keine Schande, gegen den Weltmeister zu verlieren".

Das "politisch belastete" Spiel gegen die USA, so der gängige Zusatz in den amerikanischen Medien, war in der Tat denkwürdig.Aber nicht aus den erwarteten Gründen.Im Gegenteil: Die Spieler "hatten ein Liebesfest", schrieb anderntags die "Washington Post", und hätten nicht "netter zueinander sein können".Gegenseitige Geschenke (die Iraner überreichten weiße Blumen als Symbol des Friedens, die Amerikaner Wimpel), gemeinsames Mannschaftsfoto vor dem Anpfiff - einmalig in der Geschichte der Weltmeisterschaft - und Trikottausch (u.a.zwischen Thomas Dooley und Ali Daei) nach dem Abpfiff symbolisieren die neue iranisch-amerikanische Freundschaft."Fußball hat mit Politik nichts zu tun.Wir sind alle Freunde", behauptete auf einmal selbst Azizi, der vorher noch den angestrebten Sieg "unseren Märtyrern" gewidmet hatte.Bei der so inniglichen Verbrüderung störten nur die Dissidenten unter den so stimmungsvollen Iranern im Stade Gerland von Lyon mit Transparenten für ihre Widerstandsanführer Rajavi und dessen Frau Maryam und gegen das Regime in Teheran ("Nieder mit Chatemi").Die gelben Spruchbänder konnten die französischen Sicherheitsbeamten den oppositionellen Iranern im Handgemenge entwenden, ihnen aber schlecht die T-Shirts mit den Porträts des Ehepaares ausziehen.

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