Zeitung Heute : Mit allem Respekt

Liebe ist es nicht, was Kanzler und SPD verbindet – trotzdem hat sich ihr Verhältnis verändert

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Erst war er froh, ihn los zu sein. Doch schon bald setzte bei Bundeskanzler Gerhard Schröder die bittere Erkenntnis ein, was der barsche Abgang von Oskar Lafontaine für die Partei bedeutete. Zunächst und offensichtlich hatte die SPD einen Vorsitzenden verloren, der es mehr als jeder andere aus der Führung verstand, die Seele der Sozialdemokratie zu pflegen.

Und dieser Verlust war in der Anfangszeit von Rot-Grün umso schmerzlicher, als Schröder und die SPD arg aneinander fröstelten. Im zweiten Schub der Einsicht verstand Schröder, inzwischen selbst Parteivorsitzender, dann, dass die Art und Weise, in der Lafontaine die Seinen im Stich gelassen hatte, noch verletzender auf die Sozialdemokratie wirkte als es der bloße Verlust einer herausragenden programmatischen Bezugsgröße bedeutete.

Daraus gelernt hat mit den Jahren Schröder, der ganz sicher immer noch nicht auf die Idee käme, zu bekennen, dass er seine Partei liebe, was es bedeutet, Vorsitzender einer Partei mit derart viel Geschichte, wie es die Sozialdemokratische Partei Deutschlands ist, zu sein. Die darf man nicht im Stich lassen! Das wäre in etwa das, was man in einer sich christlich nennenden Partei vielleicht als Sünde bezeichnen würde.

In den Monaten des Niedergangs und der düsteren Wahlprognosen hat der Kanzler und SPD-Vorsitzende daraus für sich den Schluss gezogen, im Falle einer Niederlage am kommenden Sonntag auf gar keinen Fall einfach die Brocken hinzuschmeißen. Uninteressiert an Oppositionsarbeit, müsste ihm dann wenigstens ein geordneter Übergang in der Nachfolge gelingen. Darauf hat die Partei ein Recht, und daher sieht er in der Erfüllung dieser Pflicht seine Verantwortung.

Der Blick in den Abgrund – zum zweiten Mal seit Lafontaines Fahnenflucht – hat Schröders inneres Verhältnis zur eigenen Partei verändert. Auch wenn er sich ihr nie unterordnen wird, so ist in den schweren Zeiten doch Respekt gewachsen, wo ehedem fast nur Kalkül bemerkbar war.

Seit einer Woche sind Betrachtungen über die Würde im Untergang allerdings fast nur noch theoretische Übungen. Die Sozialdemokraten sind wieder auf Wahlsieg gestimmt. Ändern müsste sich also nichts. Gar nichts? Franz Müntefering wird wohl nicht mehr ewig Generalsekretär bleiben. Die Mühen der Jahre nach Lafontaine, die Anstrengungen und Angestrengtheiten des zweiten Wahlkampfs unter seiner Leitung sind dem klaglosen Westfalen deutlich anzumerken. Dass Müntefering demnächst aus dem ersten Glied ausscheiden könnte, damit rechnet momentan noch niemand. Aber er wird sich wohl verändern.

Indes: Über die sprachpolitischen Spontanleistungen des erst neuen Fraktionschefs im Bundestag, Ludwig Stiegler, mag sich keine rechte Freude beim Kanzler einstellen. Stiegler hat das Büro seines Vorgängers Peter Struck übrigens noch immer nicht bezogen. Vielleicht muss er das ja auch gar nicht mehr. psi

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