Zeitung Heute : Mit allen Mitteln zum Zweck

Die Dopinggeständnisse ehemaliger und aktiver Radprofis haben eine Debatte über die Leistung von Spitzensportlern ausgelöst. Wie verbreitet ist Doping?

Friedhard Teuffel / Dagmar Rosenfeld

ALKOHOL. Alkohol beruhigt, und gerade Sportschützen brauchen eine ruhige Hand. Dafür sind 0,4 Promille im Blut die optimale Voraussetzung. 1968 bei den Olympischen Spielen in MexikoCity wurde der erste Sportschütze erwischt, der mit Alkohol gedopt hatte. Seit 1994 legen die Antidopingregeln der WADA (Welt-Anti-Doping-Agentur) fest, in welchen Sportarten Alkohol verboten ist, zum Teil mit exakten Promillegrenzen. Mittlerweile greifen Sportschützen und Biathleten auf Betablocker zurück, die eine ähnlich beruhigende Wirkung wie Alkohol haben.

BLUTDOPING. Radprofis brauchen einen langen Atem: Je höher die Zahl der roten Blutkörperchen ist, desto mehr Sauerstoff kann transportiert werden. Um das zu erreichen, gibt es zwei Methoden: eine Bluttransfusion, die riskant und aufwendig ist, oder die Einnahme von Epo. Das ist ein Protein, dass in der Niere produziert und das seit 1988 auch gentechnisch hergestellt werden kann. Gefährlich wird die Einnahme von Epo, wenn die Dosierung nicht stimmt: Das Verhältnis der roten Blutkörper zur Blutflüssigkeit darf einen bestimmten Wert nicht überschreiten. Ansonsten wird die Blutflüssigkeit zu dick, die roten Blutkörperchen können verklumpen – und das kann tödliche Folgen haben. Das IOC hat Blutdoping bereits 1988 verboten. Der Nachweis von Doping mit Epo ist schwierig, da sich das synthetisch hergestellte Protein von dem körpereigenen kaum unterscheidet.

Doping ist ein Wettkampf zwischen Betrügern und Fahndern. Gewonnen haben ihn bisher meist die Betrüger. Die Mittel zur Manipulation ihrer Leistung sind inzwischen zu einer ganzen Apotheke gewachsen, aus der sich die Sportler mit Hilfe von Betreuern und Medizinern bedienen. In manchen Disziplinen werden einzelne Dopingmittel zwar besonders häufig angewendet, insgesamt aber hat sich das Mehrfachdoping durchgesetzt: Die Athleten nutzen verschiedene Substanzen auf einmal, sogenannte Cocktails, um den maximalen Effekt zu erzielen. Kamen früher Anabolika nur in Kraftsportarten zum Einsatz, wie im Gewichtheben oder in den Wurfdisziplinen der Leichtathletik, so nehmen inzwischen auch Ausdauersportler Anabolika. Denn sie helfen dem Körper, sich nach Training oder Wettkampf schneller zu erholen und schon am nächsten Tag wieder zu neuen Höchstleistungen fähig zu sein.

Welches Dopingmittel in welcher Disziplin angewendet wird, hängt in erster Linie von den Anforderungen der Sportart ab – und auch von ihrer Bedeutung. Die allenfalls bei Olympischen Spielen beachteten Gewichtheber können sich keine Zusammenarbeit mit teuren Ärzten und Labors leisten. Sie nutzen daher leichter nachweisbare Anabolika und werden so auch häufiger erwischt als die Leichtathleten.

Dass Dopingskandale manchmal nicht allein durch positive Proben, sondern durch Geständnisse aufgedeckt werden, hat zwei Gründe. Zum einen wenden die Betrüger Substanzen oder Methoden an, die noch nicht nachgewiesen werden können, oder für die es kein gerichtsfestes Testverfahren gibt. Eigenblutdoping zum Beispiel ist derzeit noch nicht verlässlich nachweisbar, Insulin und Wachstumshormon sind es nur per Bluttest. Die Trainingskontrollen sind aber ausschließlich Urinkontrollen, weil Bluttests mehr kosten und nur von einem Arzt abgenommen werden dürfen. Zum anderen nutzen Sportler nachweisbare Mittel wie Anabolika, nehmen sie aber so fein dosiert, dass sie die zulässigen Grenzwerte nicht überschreiten. Das könnte nur durch lang angelegte Blutprofile aufgedeckt werden. Manche Substanzen sind ohnehin nur wenige Stunden im Körper nachweisbar.

WACHSTUMSHORMON. Seit fast drei Jahrzehnten wird Wachstumshormon (HGH) im Leistungssport genutzt. HGH, das in der Hirnanhangdrüse in großen Mengen gebildet und dann ins Blut ausgeschüttet wird, fördert den Muskelaufbau und die Regeneration des Körpers. Vor allem Sprinter nutzen Wachstumshormon. Bis vor einigen Jahren wurde HGH Toten entnommen, mittlerweile kann es gentechnisch hergestellt werden. Ein Nachweis von Doping mit Wachstumshormon wird derzeit in keinem IOC-Kontrolllabor durchgeführt. Denn die dazu benötigten Antikörper können nur in einem sehr aufwendigen Verfahren hergestellt werden und sind derzeit nicht lieferbar.

ASTHMAMITTEL. Schwimmer und Radprofis greifen auf Asthmamittel wie zum Beispiel Salbutamol zurück. In hoher Dosierung haben diese sogenannten ß2-Anogisten eine muskelaufbauende Wirkung. 1993 wurden sie erstmals als Dopingsubstanz deklariert und verboten. Als Inhalationspräparate sind bestimmte Asthmamittel zugelassen, wenn ihre Einnahme therapeutisch begründet ist. Zudem muss die Anwendung dem zuständigen Sportverband gemeldet werden. Allein in Deutschland werden pro Jahr rund 900 Ausnahmegenehmigungen erteilt. Dopingexperten wie Dirk Clasing zweifeln allerdings daran, dass die Einnahme solcher Asthmamittel tatsächlich zu einer Leistungssteigerung führt.

CANNABIS. Bei Sportarten, die Mut und Risikobereitschaft erfordern (zum Beispiel Downhill-Radfahren oder Snowboarden), ist Cannabis ein beliebtes Rauschmittel. Es senkt die Angst, macht risikofreudiger und kann so zu einem besseren Wettkampfergebnis führen. Eine höhere Dosierung von Cannabis kann allerdings auch zu Koordinationsproblemen führen. Das IOC hat seit 1999 die Anwendung von Cannabis für die Olympischen Spiele verboten. Mittlerweile sind die meisten internationalen Fachverbände diesem allgemeinen Verbot gefolgt. Weil der im Cannabis enthaltene Stoff THC noch Wochen später im Urin nachweisbar ist und zudem auch passiv aufgenommen werden kann – beispielsweise wenn sich Athleten in Räumen mit Personen aufhalten, die dort Marihuana rauchen –, ist ein bestimmter Grenzwert zulässig.

TESTOSTERON. Bei Kraftsportarten wie Kugelstoßen fördert das Sexualhormon Testosteron den Muskelaufbau. Deswegen ist es auch im Freizeitsport ein oft genutztes Mittel. Das von außen zugeführte Testosteron ist von dem körpereigenem kaum zu unterscheiden. Rechtzeitiges Absetzen würde also bei einem Urintest zu einem sauberen Ergebnis führen. Weil anabole Wirkstoffe wie Testosteron nicht unmittelbar für den Wettkampf, sondern in der Trainingsphase angewendet werden, werden Trainingskontrollen – in Deutschland seit 1990 – vorgenommen.

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