Zeitung Heute : Mit Anna leben

Nicola Kuhn

Wie eine Mutter die Stadt erleben kann

Es fing ganz harmlos an. Zuerst war da nur Anna. Unvermittelt trat sie in unser Leben, als Josefine eines Tages entschlossen erklärte: „Ich bin Anna!“ Zunächst haben wir noch geschmunzelt, aber wehe jemand wagte sie beim richtigen Namen zu nennen. Von Verzweiflung, Tränen bis zu Wutanfällen reichten die klassischen Reaktionen einer Dreijährigen, die sich erst wieder beruhigte, wenn wir mit zuckersüßer Stimme natürlich „Anna“ um Verzeihung für diesen Versprecher baten.

Also gut Anna – wir haben sie als neues Familienmitglied akzeptiert. Sogar Jan hat die Doppelexistenz seiner Zwillingsschwester hingenommen. Schwieriger wurde es, als sich Elisabeth hinzugesellte. Das war an jenem Morgen, als Josefine-Anna verkündete, sie habe zwei Schwestern und eine davon sei Elisabeth. Natürlich haben wir uns gefragt, woher all diese Fantasiewesen stammen: aus dem Bilderbuch, aus der Kita, vom Spielplatz? Unsere eigentliche Sorge aber galt dem realen Bruder: Würde der nicht langsam eifersüchtig? Aber da hatten wir noch nicht Bekanntschaft mit Felicitas gemacht. Sie trat an einem weiteren Morgen in Gestalt eines glücklich strahlenden Jan an unseren Frühstückstisch. Seitdem taucht Felicitas immer dann auf, wenn auch Anna sich die Ehre gibt.

Zu Hause kommen wir als Großfamilie mittlerweile gut zurecht. Verständig nicken wir Großen uns dann zu: Schließlich sind das nur Rollenspiele, mit denen Kinder die Facetten ihrer Persönlichkeit ausprobieren, zwischen dem Ich und den Anderen unterscheiden lernen, soziale Variabilität einstudieren. Schwieriger wird es, wenn Anna & Co. auf Uneingeweihte treffen wie zuletzt auf dem Winterfeldt-Markt. Da war Jan doch tatsächlich ausgerissen. Bevor wir etwas merken konnten, schritt auch schon eine beherzte Marktfrau mit ihm auf dem Arm an uns vorüber. Uns verschlug es die Sprache, als wir sie zu unserem eifrig nickenden Sohn gerade noch sagen hörten: „Du bist also die kleine Felicitas! Na, dann lassen wir dich doch mal vom Marktaufseher ausrufen.“ Das Missverständnis war schnell aufgeklärt. Seitdem genießen Anna, Elisabeth und all die anderen sogar noch ein bisschen mehr Respekt.

Winterfeldt-Markt, Schöneberg, Mittwoch und Sonnabend 8-13 Uhr.

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