Zeitung Heute : Mit Ausdauer agil im Alter

Es ist nie zu spät: Warum und wie ältere Menschen sich durch Sport länger gesund und beweglich halten können

Aliki Nassoufis

Es ist der Traum vieler Menschen: Sie wollen möglichst alt werden, dabei aber auch körperlich und geistig fit bleiben. Ganz so einfach ist das allerdings leider nicht. Schon der römische Politiker und Philosoph Marcus Tullius Cicero erkannte einst: „Das Greisenalter, das alle zu erreichen wünschen, klagen alle an, wenn sie es erreicht haben.“ Bis heute hat sich daran nichts geändert, im Gegenteil. Je älter die Menschen werden, desto häufiger müssen sie mit gesundheitlichen Problemen kämpfen, die meist auch ihren Alltag erheblich einschränken. Das soll sich aber schon bald ändern. „In einer Gesellschaft, in der alle immer älter werden, müssen wir uns Gedanken machen, wie man mit Krankheiten des Alters besser umgehen kann und wie man sie am besten schon im Vorfeld vermeidet“, findet der Gesundheitsforscher Jochen Philipp Ziegelmann von der Freien Universität Berlin. Für sein zukunftsorientiertes Vorhaben erhält er nun großzügige Unterstützung. Im Rahmen eines bundesweit einzigartigen Projekts fördert das Bundesforschungsministerium die Arbeit des gerade einmal 33-jährigen Altersforschers mit rund einer Viertel Million Euro.

Die Grundidee des Entwicklungs- und Gesundheitspsychologen klingt simpel: Wer sich regelmäßig bewegt, ist auch im Alter fit und kann sein Leben mehr genießen – wenn da nicht der innere Schweinehund wäre! Schließlich nützen alle guten Vorsätze nichts, wenn sie nicht in die Tat umgesetzt werden. Deswegen will Ziegelmann an genau diesem Punkt ansetzen. „Ich möchte ältere Menschen unterstützen, ihre gesundheitlichen Absichten zu verwirklichen und dauerhaft motiviert zu bleiben.“ Dafür plant er unter anderem eine Studie mit 300 Menschen ab 60 Jahren, die bislang entweder gar keinen Sport betrieben haben oder sich im Alter mehr als bislang betätigen möchten. Ihnen allen will Ziegelmann konkrete Tipps geben, wie sie sich zum Spazierengehen, Wandern oder zum Kraftsport aufraffen können. „Das Ziel ist, dass diese Menschen die körperliche Aktivität automatisieren, so dass sie irgendwann wie selbstverständlich zu ihrem Leben dazugehört.“

Wichtig ist dabei allerdings auch, dass die Männer und Frauen ihren Wunsch nicht nur für ein paar Wochen oder Monate verfolgen. Stattdessen sollen sie möglichst lange ein gewisses Niveau halten, damit sie Alterskrankheiten vorbeugen oder zumindest hinauszögern können. Auch dabei möchte Ziegelmann helfen, indem er die Studienteilnehmer beispielsweise anregt, bestimmte Probleme wie Schmerzen im Knie gedanklich zu antizipieren: „Wenn es dann tatsächlich so weit sein sollte, haben die Menschen somit einen Alternativplan und geraten nicht so leicht in Versuchung, ganz mit der Bewegung aufzuhören.“ Das könnte dann schon ein Ergebnis seiner Forschungsarbeiten sein: Wer mögliche Hindernisse erahnt und sich mithilfe bestimmter psychologischer Strategien darauf einstellt, lässt sich nicht so schnell entmutigen. Diese Erkenntnis zusammen mit wissenschaftlich fundierten, praxisnahen Handlungsanweisungen würde wiederum Medizinern, Psychologen und Seniorenbetreuern helfen, Männer und Frauen jeden Alters künftig erfolgreicher zu einem gesünderen Lebensstil zu motivieren.

Damit sind Ziegelmanns Studien ein wichtiger Bestandteil der Zukunftspläne des Bundesforschungsministeriums, das die Herausforderungen einer alternden Gesellschaft wie die finanzielle Belastung des Gesundheits- und Rentensystems meistern will. Immerhin stieg die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland seit Beginn des 20. Jahrhunderts um mehr als 30 Jahre; derzeit liegt sie laut dem Statistischen Bundesamt bei etwa 82 Jahren für Frauen und knapp 77 Jahren für Männer. Zusammen mit mehreren anderen europäischen Ländern und Israel will das Bundesministerium daher in dem neuartigen Programm „Future Leaders of Ageing Research in Europe“ (FLARE) herausragende Nachwuchswissenschaftler fördern und zugleich ein länderübergreifendes Netzwerk zur Altersforschung aufbauen. Neben dem Diplom-Psychologen der Freien Universität und des Deutschen Zentrums für Altersfragen werden dafür in den kommenden drei Jahren bundesweit drei weitere Jungforscher aus den Bereichen Medizin, Ethik und Entwicklungsgenetik mit jeweils etwa 250 000 Euro unterstützt.

Die Förderung auf so hohem Niveau ist eine wichtige Auszeichnung für Ziegelmann, der trotz seiner jungen Jahre schon einiges in der Altersforschung erreicht hat. So forscht er bereits seit 2001 auf diesem Gebiet, ist Absolvent des DFG-Graduiertenkollegs „Psychiatrie und Psychologie des Alterns“ und hat bereits dutzende Fachpublikationen veröffentlicht. Darüber hinaus ist er stellvertretender Leiter des ebenfalls vom Bundesforschungsministerium geförderten Projekts PREFER, das erforschen will, wie ältere Menschen dennoch gesundheitsbewusst leben können, wenn sie gleichzeitig unter mehreren Krankheiten leiden. „Der Bereich der Altersforschung fasziniert mich, weil er so vielseitig ist und sich darüber hinaus nicht nur auf die älteren Lebensjahre beschränkt, sondern präventiv sehr unterschiedliche Lebensspannen untersucht“, beschreibt der gebürtige Tübinger sein Engagement.

Auch jetzt will er sich nicht nur auf seine Hauptstudie mit 300 Senioren beschränken – mit der Unterstützung des Bundesforschungsministeriums plant Ziegelmann noch weitere Projekte. Bei der Deutschen Bahn AG will er beispielsweise herausfinden, wie Arbeitnehmer verschiedener Altersgruppen ihr Gesundheitsverhalten verändern. Im kommenden Jahr wird der Gesundheitspsychologe zudem an die Universität Zürich gehen, um bereits bestehende Studien aus verschiedenen Bereichen der Altersforschung vergleichend auszuwerten und neue Schlüsse zu ziehen. 2010 will er dann an der Universität Amsterdam sechs Monate lang die körperlichen Folgen von Veränderungen des Lebensstils aus biomedizinischer Sicht untersuchen.

Diese verschiedenen Ansätze von Ziegelmann und seinen 17 Forscherkollegen aus dem In- und Ausland sollen die Altersforschung in Deutschland und ganz Europa in den kommenden Jahren deutlich nach vorne bringen. „Ich persönlich wünsche mir, dass wir nicht nur die geistigen und körperlichen Krankheiten bei jedem Einzelnen zeitlich weiter nach hinten schieben können“, beschreibt Ziegelmann seine Vision. „Ich hoffe auch, dass sich die Individuen und die Gesellschaft verändern, damit die Leistungen älterer Menschen mehr honoriert, starre Lebensentwürfe aus früheren Generationen aufgelöst und Senioren insgesamt ein noch lebenswerteres Leben leben können.“

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