Zeitung Heute : Mit beschränkter Haftung

Die Deutschen gehen zu oft zum Arzt. Ihr Krankenkassensystem ist zu teuer. Das treibt die Lohnnebenkosten immer weiter in die Höhe. Arbeitsmarktexperten mahnen, das muss sich ändern. Gesundheitsexperten meinen, das kann sich ändern – durch höhere Zahlungen der Patienten.

Cordula Eubel

Wenn sich Patienten mit einer Fernbedienung lenken ließen wie ein Spielzeugauto, dann hätte es die Politik einfach. Weil das aber nicht so ist, streiten Gesundheitsökonomen und Politiker darüber, mit welchen Anreizen sie im Gesundheitswesen die gewünschten Verhaltensänderungen erzielen könnten. Fördern Selbstbehalte in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) gesundheits- und kostenbewusstes Leben, oder führen sie zur „Zwei-Klassen-Medizin“, in der Arme und Kranke benachteiligt werden? Neu angeheizt hat die Debatte der Wissenschaftler Bernd Raffelhüschen, der zum Jahreswechsel mit der Forderung vorpreschte, Kassenleistungen für Zahnbehandlungen und Zahnersatz zunächst schrittweise und später komplett zu streichen. Außerdem empfahl das Mitglied der Rürup-Kommission, Versicherte mit 900 Euro im Jahr an Kosten für ambulante ärztliche Behandlung und Medikamente zu beteiligen.

Weg in die Zwei-Klassen-Medizin?

Kritiker fürchten, dass Patienten ihre Krankheiten nur verschleppen. „Bei einer Eigenbeteiligung von 900 Euro überlegen es sich die Leute zweimal, ob sie zum Arzt gehen oder nicht“, sagt Michaela Gottfried, Sprecherin des Verbandes der Angestellten Krankenkassen (VdAK). Schon im Wahlkampf hatte Gesundheitsministerin Ulla Schmidt entsprechende Vorstöße ihres CSU-Kontrahenten Horst Seehofer als „Weg in die Zwei-Klassen-Medizin“ verteufelt. Krebskranke oder Unfallgeschädigte mit extremen Behandlungskosten würden finanziell überfordert, wenn sie Selbstbeteiligungen zahlen müssen, kritisieren Sozialpolitiker der SPD. Das ließe sich allerdings vermeiden, so der CSU-Sozialexperte Seehofer, wenn Patienten die Kosten nur bis zu einer Obergrenze in Höhe eines dreistelligen Betrages übernehmen müssten.

Für viel Wirbel unter den Gesundheitspolitikern der verschiedenen Parteien sorgte daher auch ein Modellversuch, den die Techniker Krankenkasse (TK) starten will. Bis zu 240 Euro Beitragsrabatt will die Krankenkasse Patienten gewähren, die ihre Arztbesuche sparsam dosieren. Wer einen Mediziner aufsucht, muss pro Besuch 20 Euro zuzahlen, maximal jedoch 300 Euro im Jahr. Weil Gesundheitsministerin Ulla Schmidt starke Bedenken hatte, können vorerst nur freiwillig Versicherte mit einem monatlichen Bruttoeinkommen von über 3825 Euro an dem Modellversuch teilnehmen, wenn sie bereits seit einem Jahr bei der TK versichert sind.

Bisher sind Selbstbehalte in der gesetzlichen Krankenversicherung nicht zugelassen, während sie in der privaten Krankenversicherung (PKV) einwandfrei funktionieren: von verschiedenen Wahltarifen bis zum Beitragsbonus für die Nichtinanspruchnahme von Leistungen. Allerdings zahlt in der PKV auch jeder für sich selbst – und nicht für die solidarische Gemeinschaft. Aber auch bei AOK, Barmer und Co. könnten Selbstbeteiligungen positive Verhaltenseffekte erzielen, glauben die Wissenschaftler Stefan Felder und Andreas Werblow vom Institut für Sozialmedizin und Gesundheitsökonomie an der Universität Magdeburg. Die Selbstbeteiligung wirke sich positiv auf die Vorsorge der Patienten aus und stärke das Kostenbewusstsein der Versicherten, haben die Wissenschaftler in einem Vergleich mit der Schweiz ermittelt. Zu diesem Ergebnis kommt auch das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Während die Deutschen Ende der neunziger Jahre im Schnitt 6,5-mal pro Jahr einen Besuch beim Doktor machten, konsultierten die zuzahlungspflichtigen Schweden ihre Mediziner weniger als dreimal. Gegenüber 1990 stieg die Zahl der Arztbesuche in Deutschland zudem deutlich an, im Norden Europas blieb sie dagegen nahezu konstant. In Deutschland gibt es allerdings mit 3,6 Ärzten pro 1000 Bewohner auch deutlich mehr Mediziner als in anderen Ländern.

Wer mehr zahlen muss, bleibt auch kürzer im Krankenhaus, glauben die IW-Forscher. In Deutschland lagen die Patienten Ende des vergangenen Jahrzehnts im Schnitt knapp elf Tage pro Aufenthalt in einer Klinik. Das waren zwar gut drei Tage weniger als 1990, aber immer noch deutlich mehr als etwa in Finnland, Frankreich oder Schweden, wo die Patienten die stationäre Versorgung stärker mitfinanzieren müssen. Die Finnen etwa blieben zuletzt je Einweisung nur noch knapp fünf Tage im Hospital. Arbeitgeber und einige Ökonomen fordern daher, eine private Säule im Gesundheitswesen einzuführen – so wie in der Rentenversicherung. Der einzelne Bürger soll mehr selbst vorsorgen: sei es über private Zusatzversicherungen oder über Krankenkassen-Tarife mit Eigenbeteiligung. Schon jetzt allerdings trägt auch die gesetzliche Kasse nicht alle Kosten. Patienten müssen für Zahnersatz zuzahlen, ebenso wie für Arzneimittel, Sehhilfen sowie stationäre Kuren und Rehabilitationsmaßnahmen.

Der technische Fortschritt ist teuer

Die Kosten im Gesundheitswesen werden aber mit der Zeit weiter steigen, sind sich alle Experten einig. Einerseits steigen der Anteil älterer Menschen, die mehr medizinische Leistungen benötigen, und die Lebenserwartung der Bevölkerung. Andererseits führt der technologische Fortschritt in der Medizin zu höheren Behandlungskosten. Schon jetzt ist das deutsche Gesundheitssystem nach den USA und der Schweiz das drittteuerste der Welt. Finanziert wird das durch steigende Krankenkassenbeiträge, die zum Jahreswechsel von durchschnittlich 14 auf 14,3 Prozent zugelegt haben. Zusammen mit den angehobenen Beitragssätzen zur Rentenversicherung führt das zu weiter wachsenden Lohnnebenkosten. Ein entscheidendes Hemmnis für das Entstehen von neuen Arbeitsplätzen, kritisieren Arbeitsmarktexperten. Die Beiträge werden aber nur sinken, wenn effizienter gewirtschaftet oder aber bei den Leistungen gekürzt wird.

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