Zeitung Heute : MIT DAVOR SUKER STEHT UND FÄLLT KROATIENS FUSSBALL: Vom Real-Ersatz zum WM-Star?

MICHAEL ROSENTRITT

NIZZA .Denkt er an Deutschland in der Nacht, und das muß Davor Suker seit drei Nächten tun, sollte er eigentlich um den Schlaf gebracht sein.Denn sein Team, die kroatische Fußballnationalmannschaft trifft im WM-Viertelfinale morgen auf Deutschland.Und schließlich war es die deutsche Elf, die am 23.Juni 1996 in Manchester der kroatischen Auswahl ebenfalls im Viertelfinale im Weg gestanden hatte und mit einem 2:1-Sieg deren kühne EM-Träume platzen ließ."Nein", sagt Suker, "ich kann nach wie vor phantastisch schlafen.Warum auch nicht.Wir waren damals schon besser als die Deutschen.Sie hatten großes Glück."

Es war schon immer etwas besonders an ihm.Davor Suker ist ein Neujahrskind.Geboren vor dreißigeinhalb Jahren in Osijek.Aus dem Knaben ist bekanntlich ein stattlicher Vollstrecker geworden.Im fußballerischen Sinne versteht sich.Und aus der Provinz wurde eine Nation.Neben Torwart Drazan Ladic und Verteidiger Slaven Bilic ist Suker die dritte Säule des noch jungen Verbandes.Und irgendwie ist das Wohl und Wehe der Mannschaft mit Suker verwoben.Spielt der Mann gut und schießt Tore, geht es der kroatischen Auswahl gut.Kann sie sich für große Turniere qualifizieren.So für die EM 1996 in England und auch jetzt für die WM in Frankreich.Auf Suker war bisher noch immer Verlaß.Mit 29 Treffern in 34 Länderspielen vor dem WM-Beginn ist er Kroatiens Goalgetter Nummer eins.Er, der "Sukerman", wie ihn die spanischen Fans in Anspielung auf einen Comic-Helden nennen.

In der zurückliegenden Spielzeit wäre es mit dem "Sukerman" beinahe dahin gewesen.Beim Europapokalsieger Real Madrid konnte er zuletzt nur selten seine finalen Qualitäten unter Beweis stellen.Ganze neun Treffer gelangen ihm in der abgelaufenen Saison.Für den beliebtesten Sportler Kroatiens eine mittelschwere Enttäuschung.Zum Vergleich: In seinen ersten sechs Jahren als Legionär in Spanien erzielte er 110 Tore.Aber Suker wäre nicht Suker, wenn er nicht auch die Schuld bei anderen suchen würde.Selbst während der für ihn versöhnlichen Tage in Frankreich möchte Suker einen Namen nicht hören: Jupp Heynckes.Der mittlerweile entlassene Real-Trainer hatte ihn in der zweiten Saisonhälfte immer häufiger auf die Ersatzbank der "Königlichen" verbannt.Der 22jährige Spanier Francisco Morientes erhielt meist den Vorzug.

So kam die Zeit, da Suker immer häufiger in den Klatschspalten der spanischen Zeitungen zu finden war.Seine Liaison mit der TV-Moderatorin Ana Obregon, einem landesweit bekannten Busenwunder, war da allemal interessanter.Doch ganz hat Suker das Kapitel Real nicht abgeschlossen, zumal das einstige Idol, Jose Antonio Camacho, das Traineramt bei den "Königlichen" übernommen hat."Ich denke, daß ich es noch einmal schaffen kann", sagt Suker, der vor zwei Jahren von Betis Sevilla für umgerechnet zwölf Millionen Mark zu Real gewechselt war.Ohnehin dürfte es für ihn sehr schwierig sein, einen neuen Verein zu finden.Die Abslösesumme für den "besten ausländischen Spieler Spaniens" von 1994 und 1995 ist auf 150 Millionen Mark festgeschrieben.

Fest eingeprägt haben dürfte sich auch Bundestrainer Hans-Hubert Vogts den Namen Suker.Vor zwei Jahren bei der EM hatte dieser die 1:0-Führung durch Klinsmanns (Elfmeter) zwischenzeitlich egalisiert.Matthias Sammer sollte es vorbehalten sein, das Siegtor zu erzielen.Und Suker ist in Frankreich.Gegen die Rumänen im Achtelfinale (1:0) schoß er sein drittes WM-Tor."Ich werde bei dieser WM noch eine entscheidene Rolle spielen", sagt Suker und kramt einen Zeitungsschnipsel von 1996 hervor.In der "Sportske Novosti" stand damals zu lesen: "Weine nicht, Kroatien! Einen derartigen Betrug haben wir noch nicht erlebt." Gute Nacht, Davor ...

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