Zeitung Heute : Mit dem Gips ins Grips

FREDERIK HANSSEN

Die Musiker sind zurück: "Freiheit & Abenteuer" am HansaplatzFREDERIK HANSSENDie Freiheit nehmen sie sich: Zum sechsten Mal seit 1985 treten die Musiker des Grips-Theaters aus dem Halbschatten ins Rampenlicht.Was den Instrumentalisten der Symphonieorchester ihre Kammermusik, ist den Bandmitgliedern des Grips ihr "Freiheit & Abenteuer"-Projekt.Eine ganze Show lang sind nicht nur alle Ohren, sondern auch alle Augen auf sie gerichtet.Statt Schauspieler zu begleiten, lassen sie ihre drei Gast-Akteure endlich auch mal nach ihrer Gitarre, nach ihrem Saxophon, nach ihrem Keybord tanzen. Der Abend folgt nur einer Regel, nämlich, daß es keine Regeln gibt.Jeder der neun Mitwirkenden bekommt einen "Sendeplatz" in dem Nummernprogramm, den er mit seiner eigenen künstlerischen Botschaft füllen darf, je nach Gusto mit oder ohne Unterstützung seiner Kollegen.Heraus kommt dabei ein Kessel Buntes voller persönlicher Lieblingssongs, Sketche und virtuoser Schaustückchen.Ein halbszenisches Konzert für die echten Fans der Grips-Musiker, die sich am Premierenabend auch dicht an dicht auf den harten Bänken des Theaters drängten - und begeistert mitgingen. Vor allem Eva Blum brandete der Applaus entgegen: Nicht nur, weil der Schauspielerin mit ihrer wunderbar poetischen Karton-Pantomime die stimmungsvollste Nummer des Programms gelungen war, sondern auch, weil sie mit dabei war, obwohl sie sich während der Generalprobe einen doppelten Fußknochenbruch zugezogen hatte.Viele szenische Ideen mußten wegen ihres Gipsbeins also improvisiert werden.So blieb unklar, ob gewisse Passagen optischen Leerlaufs nun unfalls- oder einfallsbedingt entstanden waren.In der Stehgreif-Lovestory, die sich zur 1997er Version der Mozartschen "Kleinen Nachtmusik" zwischen einem kessen Hot-Pants-Girl (Nina Lorck-Schiering) und Wolfgang Amadeus himself entspinnt (Herman Vinck sieht allerdings eher wie Papa Haydn aus), fehlt Eva Blums Einsatz allerdings auffällig, zumal auch die nicht gerade originelle Idee, Mozart durch den Rockmusik-Fleischwolf zu drehen, trotz des ausgetüftelten Arrangements von Matthias Wittig die Spannung nicht das ganze lange Werk aufrechterhalten kann. Beeindruckend können dagegen die Soli der Bandmitglieder von Thomas Kellers melancholischer Sopransax-Improvisation über Axel Kottmanns introvertierte E-Baß-Rhapsodie bis hin zu Michael Brandts fingerflinkem Gitarren-Spektakel.Erst überrascht belacht und dann aber doch ergriffen belauscht wurde die eingedeutschten Fassung von Bruce Springsteens "Streets of Philadelphia" durch George Kranz, der mit seinen Kneipen-Sketchen zuvor bereits die coolsten stand up-Gags des Abends geliefert hatte. Grips Theater, weitere Aufführungen am 29./ 30.12., 2./ 3.1.um 19.30 Uhr, am 31.Dezember um 16 und 22.30 Uhr.

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