Zeitung Heute : Mit dem Index gegen Gewaltorgien

BERTRAM KÜSTER

Der Kampf um Anstand und Moral in Deutschland ist wieder in vollem Gange.Die Diskussionen um die enthemmten Talkshows nehmen kein Ende und die Auswüchse des Internet werden - wie im Fall des ehemaligen CompuServe-Geschäftsführers Felix Somm - mit den falschen Mitteln bekämpft.Auch Computerspiele unterliegen hierzulande einer strengen Prüfung.Der deutsche Jugendschutz sorgt unter Spiele-Fans für reichlich Gesprächsstoff: von Zensur und Bevormundung ist die Rede.Beliebtester Angriffspunkt: die BPjS (Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften).

Rund 300 Computerspiele sind bislang auf dem Index der BPjS gelandet.Die Kriterien für die Indizierung gliedern sich dabei im Wesentlichen in vier Bereiche: Pornographie, Rassismus, Kriegsverherrlichung und verrohend dargestellte Gewalt.Diese Darstellung von Gewalt ist letztlich die Hauptursache für die Indizierung von Computerspielen.Jüngste Beispiele hierfür sind die beiden 3D-Actionspiele Quake 2 und Resident Evil 2.

Die Folgen der Indizierung: Ein betroffenes Spiel darf nicht mehr angekündigt, beworben und Jugendlichen unter 18 Jahren zugänglich gemacht werden.Zudem darf das Spiel nicht über den Versandhandel vertrieben werden."Indizierung ist natürlich keine Zensur", sagt BPjS-Vorsitzene Elke Monssen-Engberding.Betroffene Spiele seien für Volljährige schließlich immer noch zugänglich.

Eher unbeabsichtigt ist der nicht zu leugnende Werbeeffekt, den die Indizierung eines Titels mit sich bringt.Zwar zieht Monssen-Engberding aus der Tatsache, daß Händler und Hersteller immer wieder gegen die negativen Folgen der Indizierungen klagen, den Schluß, daß "das genaue Gegenteil der Fall ist." Trotzdem ist zu vermuten, daß Spiele wie "Doom" oder "Quake" hierzulande, ohne den Ruf des Verbotenen, wohl kaum zu ihrer Berühmtheit gelangt wären.Nirgendwo sonst wird so streng geprüft und beurteilt wie in Deutschland.Bezeichnend hierfür ist auch die Werbemasche, die seit einiger Zeit in den USA gang und gäbe ist: "Banned in Germany" prangt auf den Packungen der in Deutschland indizierten Spiele und soll so für besseren Umsatz in den USA sorgen.

Seit 1994 kümmert sich auch die USK (Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle in Berlin) um den Schutz der Jugend.Anders als die BPjS, die erst auf Antrag von Jugendämtern oder Staatsanwaltschaft und nach Erscheinen eines Titels tätig werden kann, prüft die USK die ihr vorgelegten Titel schon vor der Veröffentlichung.Rund 90 Prozent der Hersteller haben sich bereits freiwillig verpflichtet, ihre Software prüfen zu lassen.Nur in Ausnahmefällen wird eine Kennzeichnung durch die USK abgelehnt.Das geschieht dann, wenn im Spiel gezeigte Gewaltdarstellungen eventuell gegen in der Bundesrepublik geltendes Strafrecht verstoßen.Peter Gerstenberger, Leiter der USK, findet es wichtig, "Jugendlichen einen medialen Schutzraum zu geben".Besonderen Wert legt er auch auf die Feststellung, daß die USK keine Verbote verhängt, wie oftmals mißverstanden wird, sondern durch ihre Kennzeichnung nur Empfehlungen ausspricht.Letztlich sind Eltern und Erzieher selber gefordert, sich mit dem Hobby der Kinder auseinanderzusetzen und sich mit den Inhalten der Spiele vertraut zu machen.

Die Hersteller haben sich mittlerweile auf den deutschen Jugendschutz eingestellt.Daß Spiele speziell für den deutschen Markt umgeschrieben werden, ist keine Seltenheit.Um eine Indizierung zu umgehen, werden aus Menschen Androiden oder Außerirdische.Blut und Schreie werden dafür entfernt.Oder man löst das Problem so elegant wie die Macher von "Fallout", einem Endzeit-Rollenspiel: In der Voreinstellung ist die Gewaltdarstellung des Spiels in verschiedenen Stufen frei wählbar.Für die deutsche Version mußten nur noch die zwei brutaleren Varianten blockiert werden.

Bleibt die Frage nach dem Sinn von Index und Ranking-Systemen.Nicht nur deren Kritiker sind sich einig: Wer ein Spiel haben will, bekommt es auch.Ob über den großen Bruder, als Raubkopie und in zunehmendem Maß auch über das Internet.Als "typisch deutsche Behörde, die niemand braucht", bezeichnet Frank Goepel vom Kreuzberger Computerspieleladen "Highway to Hell" die BPjS.Daß die Indizierung erst das Interesse für bestimmte Spiele weckt, erfährt er, wenn Minderjährige sich immer wieder gezielt nach den betroffenen Titeln erkundigen.Zudem wünscht er sich mehr Eigenverantwortung der Händler und Kunden.Dementsprechend bietet Goepel den Fans das, was ihnen anderswo vorenthalten wird.Neben importierten, unzensierten Originalversionen führt er auch indizierte Titel - Marke "Banned in Germany".

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