Zeitung Heute : Mit dem "Talkman" surfen, telefonieren und Musik hören

Klaus Angermann

Der Übergang ins neue Jahrtausend vollzieht sich multimedial: Zur CeBIT wurde schon die surfende Mikrowelle vorgestellt. Iridium-Handys sollten den Telefongenuss weltweit an jedem beliebigen Ort ermöglichen. Und beim Thema WAP leuchten die Augen auf bei Kommunikationssüchtigen, die am liebsten gleichzeitig surfen und telefonieren. Nur ein Thema blieb bislang ausgespart: das Handy als tragbarer Musiklieferant.

An Handygebimmel jeder Art, von melodisch über nervend, dezent bis höllisch laut mussten wir uns gewöhnen. Dass das Handy aber auch "richtige" Musikstücke von sich geben kann, quasi als Ersatz für den tragbaren MP3-Player, fehlte noch. Laut Statistik besitzen immer mehr Teenager ein Handy und auch ein tragbares Minidisc- oder MP3-Gerät. Die KIds würden in Zukunft nur noch ein Gerät mitschleppen müssen.

Nun haben sich drei Firmen zusammengeschlossen, um Japans Markt ab 2000 mit Handys aufzurollen, die sich die Musik direkt aus dem Internet ziehen und diese auch abspielen können. "Music on your mobile" lautet die Devise von Sanyo, Hitachi und der Siemens-Tochter Infineon Technologies. Ein neu geschaffener Standard mit dem Namen UDAC-MB soll zusammen mit der "Secure MultiMediaCard" auch die Rechte der Musikhersteller gewähren und somit einen Vorteil gegenüber der Grauzone der uferlosen MP3-Download-Seiten im Internet schaffen. Der UDAC-MB-Standard sorgt für den Austausch zwischen dem anbietenden Server im Netz, der Secure MultiMediaCard und der Decodierung im Handy via Chip.

Mit der von Infineon entwickelten Karte soll es dann sogar möglich sein, problemlos und kostenfrei die heruntergeladenen Musiktracks mit anderen Handys auszutauschen. Womöglich könnte sich für die Inhaber der Musikrechte damit eine neue Einnahmequelle für eine Lizenzvergabe eröffnen, wenn die Mobilfunkbetreiber (und damit die Kunden) für die Entkodierung der verschlüsselten Musik zur Kasse gebeten werden. Besonders der Schutz gegen illegale Raubkopien wird daher von den Schöpfern dieses neuen Standards hervorgehoben.

Mit dem Kopierschutz ist das allerdings so eine Sache, wie die DVD-Branche gerade erfahren musste. Zum Kopierschutzproblem kommen weitere unsichere Details wie die derzeitige Bandbreite des Funknetzes. Ob es schon ab dem nächsten Jahr eine mobile Surf-Performance von 2 Mbit pro Sekunde gibt, bleibt abzuwarten. Selbst mit ISDN ist momentan das Herunterladen einer MP3-komprimierten CD aus dem WWW kein flottes Zuckerschlecken. Dazu kommen noch die Preise für das Surfen via WAP-Handy, die weit über den Festnetzkosten liegen dürften.

Das Handy also als Multimedia-Zentrale ohne Grenzen: Telefonieren, Termine bestätigen, E-Mails checken plus Surfen, Musikhören - Talkman und Walkman werden eins. Ein Problem bliebe dann aber noch: Wo kann ich dreimal am Tag mein leergedudeltes Handy aufladen?

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