Zeitung Heute : Mit dem Tretroller um die Welt

Annette Kögel

10 000 Kilometer durch 17 Olympiastädte bis nach Sidney. Holger Falkenried will das Leben intensiver genießen, das hat sich der 33-Jährige seit einem Motorradunfall vorgenommenAnnette Kögel

Es gibt viele Möglichkeiten, die Welt zu bereisen. Einige durchqueren einen Kontinent zu Fuß, andere fahren mit dem Motorrad durch Wüstendünen. Manch einer hebt gleich mit einem Ballon ab. Holger Falkenried hingegen greift zum Tretroller. Nächste Woche startet der 33-jährige Kripobeamte im Sabbatjahr zu seiner "Olympia Rollertour 2000": Ein dreiviertel Jahr lang 10 000 Kilometer durch 17 Olympiastädte in Mexiko, Amerika und Europa bis nach Sidney in Australien - Rollerstoß für Rollerstoß.

Man muss ein bisschen verrückt sein, um so etwas zu unternehmen. Oder einiges durchgemacht haben, wie der junge Mann aus Zehlendorf. Im April 1998 hatte ein Autofahrer den Mann mit dem Motorrad auf dem Weg zur Arbeit übersehen. Infolge des Unfalls sollte der rechte Fuß amputiert werden. "Dank der Zeit und Mühe, die der Arzt am FU-Klinikum investierte, kam es glücklicherweise nicht dazu." Im Krankenhaus hatte Holger Falkenried dann viel Zeit zum Grübeln. "Das Leben ist kürzer als man denkt", schoss ihm durch den Kopf: Eigentlich musst du die Zeit viel intensiver nutzen. Außerdem hat er jetzt das Stadium erreicht, in dem er denke: "Du probierst alles wieder aus, machst weiter, auch wenn du kämpfen musst." Mit dem Auto unterwegs? Wäre zu langweilig. Motorrad? Muss ja nicht sein. Fahrrad? Macht doch jeder. Rollern nicht. Noch nicht.

Der 33-Jährige ist bereits Tretroller-Profi, oder "Kickroller", wie das Neudeutsch heißt. 1995 rollerte er drei Urlaubswochen lang auf dem "Highway 1" an der Westküste von San Francisco nach Los Angeles. "Mich haben so viele Leute interessiert und amüsiert angesprochen, dass es mir zum Schluss schon fast zu viel wurde", erinnert sich Falkenried. Andererseits trägt er selbst zum Rummel bei, rollt bei Medien vorbei - und Sponsoren. "Ich will kein Geld verdienen, sondern nur die Unkosten hereinbekommen." Materiell eingestellt sei er jedenfalls nicht. Früher reiste der Zehlendorfer mit dem Motorrad nach Norwegen oder mit dem Rucksack nach Spanien. Die Natur beeindruckt ihn. Wie 1995 auf der hügeligen Straße an der amerikanischen Westküste: "Da lief eines Abends so ein großes Tier neben mir her. Sah aus wie ein Berglöwe!" Manchmal muss sich der Mann mit dem Roller jedoch auf das Asphaltband konzentrieren. Normalerweise erreicht er eine Geschwindigkeit von 25 Kilometern pro Stunde. "Bergab bin ich aber schon so auf 65 Sachen gekommen und war damit genauso schnell wie die Autos." Auf der Olympia-2000-Tour wird es ruhiger zugehen, jedenfalls anfangs. Falkenried fliegt zunächst nach Mexico-City, von dort aus fährt er westwärts bis nach Los Angeles. Der neue "Blau Werk"-Roller ist mit Reifen ausgestattet, deren Profil auch Motocross-Trips erlauben.

Was trägt der Zehlendorfer "Globeroller" so alles im Rucksack auf dem Rücken? "Auch ein ganz kleines Zelt als Reserve." Wenn nach den 60, 70 Meilen Tagespensum kein Motel in Sicht ist. "Und als Schutz vor Skorpionen, Schlangen und anderem Getier." Vor dem hat der Kriminalpolizist mehr Angst als vor Überfällen: "Gefährliche Gegenden in Großstädten werde ich meiden."

Von Los Angeles geht es im Februar dann zunächst per Flugzeug nach Atlanta, von dort weiter nach Montreal. Nach der Europa-Etappe im April / Mai 2000 folgt der Flug nach Australien - dort will Falkenried seinen Reiseabschluss und die Olympiade am 15. September mit Freunden feiern. Wie intensiv hat er sich eigentlich auf die Rollerei vorbereitet? "Sport habe ich schon immer getrieben: Marathon, Aerobic, Ballsportarten." Nach dem schweren Unfall musste sich der 33-Jährige zunächst mit Krankengymnastik begnügen. Seit sechs Wochen ist Falkenried gesund geschrieben und geht wieder Joggen. Viel mehr trainiert er aber nicht. "Nach der Tour werde ich mein Idealgewicht von ganz allein wieder erreicht haben."

Eine außergewöhnliche Rollerpartie, die außergewöhnliche Muskelpartien beansprucht: "Die hinteren Beinmuskeln, den Nackenbereich, die untere Fußmuskulatur." Dabei macht der Fuß auch ohne Sport heute noch Probleme, manchmal ziehen sich die Schmerzen bis hoch in die Schulter, sagt Falkenried. Wenn es auf der Route zu arg werde oder es zu steil nach oben gehe, wird einfach geschoben. Das Rollern und der Spaß an der Tour, so hofft er, werden ablenken von den Beschwerden - "und von den vielen grauen, tristen Menschen in Berlin, die den Blick nur stumpf auf den Boden richten". Welche Kontakte er knüpfen wird, welche Erfahrungen sammeln - das lässt der Berliner auf Olympia-Kurs auf sich zurollen. "Vielleicht verunglücke ich auf diesem Kontinent, finde dort einen ganz anderen Job, lerne hier jemanden kennen. Das weiß man doch nie so genau." Eines ist aber gewiss: Holgers Freundin wird ihren Jahresurlaub so legen, dass sie ihn auf seinem 10 000-Kilometer-Abenteuer immer wieder besuchen kann.

Vielleicht lassen die beiden dann auch mal Roller Roller sein und relaxen. "Heute sind doch alle immer im Stress oder machen sich welchen", sagt der Polizist. "Wer traut sich denn schon zuzugeben, mal nichts vorzuhaben und nur einen gemütlichen Abend zu Hause verbringen zu wollen? Wer wagt sich noch ohne Handy außer Haus?" Doch ohne mobiles Telefon kommt auch der 33-jährige Kickrollerfahrer nicht mehr aus. "Ich will einfach erreichbar sein."

Auf der Olympiatour wird der Mann am trendig überarbeiteten Kinderspielzeug auch Lampen befestigen. "Bei der letzten Tour musste ich das Licht manchmal in den Mund nehmen und dann auf die Straße leuchten, weil es anders einfach nicht ging."

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