Zeitung Heute : Mit den Bären Geburtstag feiern

Wie ein Berliner, West, die Stadt erleben kann

Lorenz Maroldt

Eigentlich ist unsere Gegend eine ganz ruhige. Nur ganz am Anfang, als wir hier eingezogen sind und fast die einzigen im Haus waren, ist ein Mädel mit Rastaschopf in unseren Keller eingebrochen. Wir kamen gerade zurück, es war irgendwann nachts, und aus dem zerborstenen Oberlicht der abgeschlossenen Haustür hing ein verfilzter Zopf nach draußen: irgendwer wollte herausklettern. Ein offenbar dazugehöriger Schäferhund hielt Wache auf der Straßenseite. Wir schlossen auf, der Köter kläffte, die Kleine heulte, und ein Nachbar schimpfte. Mir tat sie Leid, weil sie so rührend log. Sie wolle doch nichts klauen, sie hätte nur mal müssen gemusst, aber sich draußen nicht getraut.

Der Nachbar drohte: Wer zahlt die Tür!, das Mädel bangte: Ich hab doch nichts!; wir wollten nur nach oben. Also nahm ich ihr auch nicht wirklich übel, dass sie nach meinem Basskoffer griff, der bis eben noch in unserem Keller gestanden hatte und jetzt an der Briefkastenreihe lehnte, zum Abtransport bereit. Egal, es war ja eh gleich vorbei. Wasndadrin?, wollte ich wissen. Meine Gitarre, flüsterte sie. Zeigdochma, sagte ich, und sie ließ, ganz arglos, die Kofferschlösser schnappen. Nix war drin, natürlich nicht, der Bass steht ja oben bei mir.

Schniefhuhuhuschnief, ich bin sonst nicht so!, flennte sie jetzt, aber richtig. Ein echt peinliches Drama. Um sich die Polizei zu ersparen, die wir gar nicht holen wollten, schrieb sie uns mit Kajalstift auf ein angerotztes Papiertaschentuch die Phantomnummer eines angeblichen Freundes Namens Andy, den wir natürlich nie anrufen würden. Dann zog sie die Nase hoch, griff sich den Köter und verschwand. Erst später fiel mir auf, dass sie gar keinen Bolzenschneider bei sich hatte, unser Keller aber mit einem solchen aufgebrochen war. Wahrscheinlich zitterte Andy, der Feigling, die ganze Zeit über im Hinterhof seine Angst aus.

Vielleicht war es auch Andy, der ein paar Wochen darauf in meinem MG übernachtete. Ich hab’s erst kaum gemerkt, aber im Fußraum fand ich eine Kippe, die ich nicht geraucht, und eine Büchse Billigbier, die ich nicht getrunken hatte; das Lenkrad war verdreht, und sein Kopfkissen, eine BZ, hatte Andy – oder wer auch immer – wohl aus Versehen auf dem Beifahrersitz vergessen. Die Fahrertür, die ich nicht verschlossen hatte, damit keiner, der böse Absichten hat, um reinzukommen das Dach aufschlitzen muss, war fürsorglich zugeschlagen.

Irgendwann war nochmal irgendwer im Nachbarkeller und zog bepackt davon; auch Mercedessterne verschwinden hier bei uns in der Straße immer mal wieder, was ärgerlich, aber kein großer Schaden ist. Wie gesagt, unsere Gegend ist eigentlich eine ganz ruhige. Wahrscheinlich fühlen sich deshalb auch Tilo, Maxi und Schnute ganz wohl hier. Sie leben im Gehege gleich hinter dem Märkischen Museum. Morgens, wenn ich losfahre, winke ich ihnen zu.

Berlins Bären feiern Geburtstag – im Köllnischen Park am Märkischen Museum: Stadtbär Tilo wird am Mittwoch 13 Jahre alt, Schwester Maxi am Dienstag in einer Woche 17, Mutter Schnute am 18. Januar 22. Jeweils um 12.30 Uhr ist Fütterung – es gibt Kiwis, Weintrauben und Orangen.

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