Zeitung Heute : Mit den eigenen Waffen schlagen

Jutta Heess

Das Internet ist meistens eine durchschaubare Angelegenheit. Zumindest was die Adressgebung betrifft. Denn oft kann sich der Surfer die Suchmaschine ersparen und das gewünschte Ziel einfach hinter die drei Ws im Browser tippen. Wer zum Beispiel auf die Homepage des Bundestags will, gibt einfach www.bundestag.de" target=new>www.bundestag.de ein. Und wer den Sportbund Rheinhessen sucht, liegt mit www.sportbund-rheinhessen.de völlig richtig. Aber das Netz ist auch immer wieder für eine Überraschung gut: Wer, aus welchen Beweggründen auch immer, www.adolfhitler.de oder www.josephgoebbels.de in sein Adressfeld eingibt, würde erwarten, auf einer Seite mit rechtsextremen Inhalten zu landen. In Wirklichkeit sind diese Domains aber nicht im Besitz von Nationalsozialisten mit Sinn für Propaganda im Netz, sondern sie gehören dem Mainzer Startup-Unternehmen Erodata. Und dort hat man alles andere im Sinn, als auf zwielichtigen Plätzen im Cyberspace Schindluder zu treiben. Gemeinsam mit dem Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München will Erodata demnächst auf diesen Seiten Aufklärungsarbeit leisten.

"Insgesamt haben wir rund fünfzehn heiße NS-Adressen reserviert", sagt Tobias Huch, Geschäftsführer der Erodata. 20 Jahre ist er alt und macht gerade sein Abitur. Sein Kompagnon Gero Wittstock ist ein Jahr älter und studiert Medizin. "So nebenbei", meint er schmunzelnd. Denn das Unternehmen, das die beiden vor anderthalb Jahren gegründet haben, nimmt einen Großteil ihrer Zeit in Anspruch. Der Firmenname verrät schon ein bisschen, womit sich die jungen Männer und ihre rund 16 Mitarbeiter beschäftigen: "Wir stellen ein Schutzsystem zur Verfügung, das verhindert, dass Kinder und Jugendliche auf gefährdeten Content wie Erotik- und Pornoseiten zugreifen", erklärt Tobias Huch. Die Idee mit der Reservierung von Internetadressen mit Namen und Begriffen aus der rechtsextremen Szene habe man im August des vergangenen Jahres gehabt.

Damals hatte der Domain-Registrierer Denic die frisch gebuchten Adressen www.heil-hitler.de und www.siegheil.de unverzüglich wieder gelöscht. "Als das bekannt wurde, haben wir noch in der selben Nacht reagiert und uns ähnliche Domains gesichert", sagt Huch. Daraufhin habe man sich an verschiedene Regierungsstellen gewandt und ihnen angeboten, die Seiten sinnvoll zu nutzen. Ohne Erfolg. Und so war einige Zeit unklar, was auf diesen Seiten passieren sollte. Bis Erodata mit dem IfZ in Kontakt trat, das sich sofort bereit erklärte, die Inhalte zu entwickeln. Im Laufe des nächsten Jahres will man mit dem Projekt online gehen.

"Wir werden vernünftige und sachliche Informationen sowie weiterführende Literaturhinweise in schlichtem Layout auf die Seiten stellen", erklärt Andreas Nagel vom IfZ, das sich hauptsächlich mit NS-Forschung beschäftigt. Das Institut liefert also das Expertenwissen, Erodata wird die Traffic- Domain- und Serverkosten übernehmen. Gerade ist man auf der Suche nach einem Server-Standort. "Nicht jeder Web-Space-Anbieter ist bereit, solche Angebote zu hosten, da sie gerne das Ziel für Hacker-Angriffe sind", erklärt Gero Wittstock. Ähnliche Resonanz haben die Mainzer Netzaktivisten bereits bekommen: in Form einer DoS-Attacke auf ihre Firmenseite. "Und es gibt immer mal wieder E-Mails mit Morddrohungen", sagt Tobias Huch. Das Internet lasse sich eben nicht kontrollieren, gerade die rechtsextreme Szene ist hier sehr aktiv. Doch die jungen Unternehmer sind der Meinung, dass man durch Verbote nicht weiter kommt. "Rechtsradikale Seiten zu sperren, hat überhaupt keinen Sinn" sagt Huch. "Es ist kein Problem, auf einem ausländischen Server die selben Inhalte wieder anzubieten."

Es ist nicht nur kein Problem, sondern mittlerweile gängige Praxis: Die meisten braunen Seiten werden von amerikanischen Providern beherbergt. Deshalb können die Betreiber in Deutschland nicht verklagt werden - obwohl sie sich nach deutschem Recht wegen Volksverhetzung strafbar machen. In den USA ist jedoch auch extremistische Propaganda durch die Meinungsfreiheit geschützt und erlaubt. Was unter anderen der amerikanische Neonazi Gerhard Lauck genüsslich ausnutzt. Im August macht er von sich reden, als er die Adresse www.bundesinnenministerium.com reserviert hatte. Von dort wird der Surfer auf die ausführliche Website von Laucks Organisation NSPAP/AO umgeleitet. Ausgerechnet der Chef des derart missbrauchten Ministeriums hatte im selben Monat seinen Kummer über den Anstieg von Internetseiten mit rechtsextremen Inhalten geäußert. Otto Schily versprach, mit Regierungsvertretern der USA zu diskutieren, ob "die Urheber rechtsradikaler Websites mit Wirkung auf Deutschland in den USA auf Schadenersatz verklagt werden können."

Passiert ist seitdem offensichtlich nichts. Der Name des Bundesinnenministeriums dient immer noch den US-Rechten als heimatlicher Cyberhafen. Dabei rechnen die Web-Schmarotzer jederzeit mit einem Ende dieses Gastrechts. Vorausschauend haben sie die Seite mit dem Hinweis garniert: "Wer diese Website durch eine alternative URL erreicht hat, soll sicherheitshalber unsere wirkliche URL-Adresse notieren. Wir wissen aus Erfahrung, dass eine derartige alternative URL nur sehr kurzfristig funktioniert." Sie funktioniert bereits seit knapp vier Monaten. Immerhin sehen nicht alle dem Missbrauch des Mediums Internet zu Propagandazwecken tatenlos zu. Unter www.nazis.de - auch eine URL, die offensichtlich nicht zum Verweilen einlädt - wird ein Forum für Aussteiger aus der rechten Szene gepflegt. Und das Erodata-Team ist weiterhin auf der Suche nach rechtslastigen Adressen, um sie für Aufklärungsarbeit zur Verfügung zu stellen. Tobias Huch ist überzeugt: "Es gibt nur einen einzigen Weg, kriminelle Inhalte zu bekämpfen. Und das ist der Angriff mit Informationen selbst."

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