Zeitung Heute : Mit den eigenen Worten

Schüler schreiben über ihre Spielplätze, Nachbarn, ihren Wohnort. Bereits über 9000 Beiträge auf Kinderstrasse.org

Markus Ehrenberg

„Sind Computer im Klassenzimmer sinnlos?“ titelte neulich die „Süddeutsche“ und verwies auf eine israelische Studie, die den pädagogischen Sinn der „Computer-Vollstopfung“ bei Kindern, Lehrern und Schulen in Frage stellte. Apple sponsort Schüler-Laptops, die Telekom legt Datenkabel in deutsche Klassenräume, Lehrer bekommen abends Softwarenachhilfe, und am Ende sei die Leistung der Schüler auch nicht besser. Im Gegenteil. Angeblich brachten Viertklässler, die mit dem Computer unterrichtet wurden, im Fach Mathematik schwächere Leistungen, so die Studie, die Schulklassen mit und ohne PC direkt miteinander verglich.

Sind Kindersoftware und schlaue Internetseiten also für die Katz? Vielleicht sollte man das mit dem multimedialen Nutzen bei der Generation spielerischer angehen, wie es das Projekt kinderstrasse.org tut. „Die Straße, in der ich wohne“ heißt das virtuelle Schreibprojekt für den Deutsch- oder Sachkundeunterricht der Klassen 1 bis 6. Im Rahmen des Unterrichts werden Kinder aufgefordert, darüber zu schreiben, was sie am besten kennen: ihre Umgebung, ihre Spielplätze, ihre Nachbarn, ihre Straße. Die Texte werden anschließend digitalisiert und an die einzelnen Klassen zurückgegeben. Jedes Kind, das sich am Projekt beteiligt, bekommt seinen Text als Computerausdruck zurück. Eine Auswahl der bemerkenswertesten Texte soll als Buch erscheinen. Die Texte darin werden nach dem Namen ihrer Straße und nach ihrer jeweiligen Lage in der Stadt angeordnet sein – eine Topographie des jeweiligen Ortes aus der Sicht von Kindern.

Auf kinderstrasse.org sind so bereits über 9000 Texte zusammengekommen. Das Projekt startete 1999 in Berliner Schulen mit Beiträgen aus Neukölln, Kreuzberg und Friedrichshain. Dazu kamen in den vergangenen Monaten Texte aus Nürnberg sowie den (Nürnberger) Partnerstädten Glasgow, Krakau, Nizza, Prag, San Carlos und Venedig. Im Oktober erreichte kinderstrasse.org Tübingen, Weimar und München-Innenstadt. Irgendwann sollen die Straßen der ganzen Republik virtuell von Kindertexten erschlossen und erkundet sein.

Computer müssen somit wohl nicht unbedingt in die Klassenzimmer, dafür aber Wolfgang Schlenker. Der Mann ist Autor und Übersetzer, hauptsächlich aber Projektleiter bei kinderstrasse.org. Mit drei KollEgen besucht Schlenker die Schulen, setzt die Lehrer von dem Projekt in Kenntnis, die wiederum die Schüler im Unterricht zum Schreiben einladen. „Wir verstehen das Schüler-Projekt auch als ein Archiv. Ich möchte gern, dass Kinder schreiben, nicht nur auf ihren Handys, per SMS, sondern auch längere Texte.“

Dass sich Nachbarn über die Aktivitäten der Kinder ärgern könnten – die Website als Pranger–, ist eher unwahrscheinlich. Die jungen Autoren sind weitestgehend anonymisiert, Nachnamen, Straße und Hausnummer fehlen. Wolfgang Schlüter kennt die Unwägbarkeiten des Massenmediums. „Das Schutzbedürfnis von Eltern und Kindern ist gewährleistet.“

Welcher Schüler also mal richtig ungestraft Dampf ablassen will, darüber, was einen so tagtäglich ärgert oder freut - nur zu: im Internet. Auch wenn das Kinderstraßen-Team noch nicht oder nicht mehr vor Ort in der jeweiligen Stadt und der Schule war beziehungsweise ist, werden per Diskette eingesandte Texte angenommen. Dafür brauchen die Kinder sinnvollerweise dann doch wieder einen Computer. Der kann, muss aber nicht unbedingt im Klassenzimmer stehen.

Das Projekt im Internet:

www.kinderstrasse.org

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