Zeitung Heute : Mit den Hasen fühlen

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Andreas Austilat

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Marion Schweitzer

Neulich hat uns eine befreundete Mutter von ihrem Meerschweindrama erzählt. Das Tier war krank, sehr sogar. Das führt jetzt ein bisschen weg, aber, ich stell mir das ja wahnsinnig schwer vor, eine emotionale Beziehung zu einem Meerschwein aufzubauen. Die machen doch nichts, sind einfach nur so da. Egal, besagtes Meerschwein musste also zum Arzt, schlimmer noch, es kam in stationäre Behandlung. Hat am Ende 500 Euro gekostet. 500 Euro, dachte ich noch, da kriegt man 30 Meerschweinchen für. Entschuldigung, nicht, dass Sie mich für hartherzig halten, aber mein Verhältnis zu Tieren war eben immer eher pragmatisch. Bis vor einer Woche. Wusste ja nicht, was dann passieren sollte.

Freitag. Das schwarze Zwergkaninchen unserer Tochter frisst nicht mehr. Es hält den Kopf ein wenig schief, und beim Hoppeln knicken ihm die Füße weg. „Was hat Maxi denn“, will unser Mädchen wissen. Gute Frage, wer weiß, wie viel die Antwort kosten wird? Wir haben erst einmal im Internet recherchiert. Die Symptome klingen eindeutig, es handelt sich offenbar um ein Leiden mit dem unschönen Namen „Head Tilt“, irgendetwas mit dem Innenohr.

Samstag. Die Tierärztin bestätigt die Diagnose. Maxis Chancen stehen 50 : 50. „Eine Woche“, hat die Tierärztin gesagt, „entweder ist sie dann über den Berg, oder wir sollten sie erlösen.“

Sonntag. Ich glaube, Muffel weiß Bescheid. Muffel ist ein verdammt großes Zwergkaninchen und Maxis Lebensgefährte. Er hat mich angefaucht, als wir Maxi aus dem Stall genommen haben. Musste aber sein, die Tierärztin hat nämlich gesagt, der kleine kranke Hase braucht Ruhe.

Montag. Die waidwunde Kreatur, ihre zitternden Lider, die knickenden Läufe, das macht einen vollkommen fertig. Muffel hat derweil die ganze Nacht ziemlich aufrecht an Maxis Lieblingsplatz Wache gehalten. Er sah aus wie ein Kaninchendenkmal. Am Morgen hat er mich dann wieder angefaucht.

Dienstag. Unsere Tochter nimmt die Sache erstaunlich gefasst auf. Sie ist ja auch erst sieben und hatte bisher noch nie Grund, über den Tod nachzudenken. Ich mache mir schon mal ein paar Gedanken. Außerdem habe ich im Garten eine schöne Stelle ausgesucht.

Mittwoch. Maxi frisst ein paar Halme Hafer aus der Hand. Die Tierärztin hat die Behandlung eingestellt, die Medikamente sind für das kleine Vieh sonst zu belastend. Wir lassen die beiden Hasen einander besuchen. Wer weiß, ob sie sich sonst noch mal sehen. Mein Gott, sie haben sich durchs Gitter geküsst. Wir beschließen, sie doch wieder in einem Stall unterzubringen. Kann man denn gar nichts mehr tun? Ich würde es auch bezahlen.

Donnerstag. Maxi frisst wieder. Es sieht so aus, als ob sie den Kopf viel gerader hält. Hinfallen tut sie auch nicht mehr so oft.

Freitag. Sogar Muffel hat gute Laune. Wir nennen es inzwischen „Das Wunder von Lichterfelde“. Ich bin mir jetzt ganz sicher: Man darf nicht alles zu pragmatisch sehen. Ja, so ein Tier ist einfach wichtig für die Erziehung.

Wer ein krankes Kaninchen zu Hause hat: Die Web-Seite www.kaninchenforum.com hat sich als sehr informativ erwiesen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar