Zeitung Heute : Mit der Maus ins Weiße Haus

MICHAEL BEHRENS

Im Internet kämpfen Amerikas Präsidentschafts-Anwärter um die Gunst der WählerVON MICHAEL BEHRENS

Der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf 1996 hat noch gar nicht offiziell begonnen.Doch die Kandidaten konkurrieren schon im Internet.1960 war es eine Sensation als die beiden Konkurrenten Richard Nixon und John F.Kennedy in der ersten live übertragenenen TV-Debatte miteinander stritten.Heute wundert sich niemand in den Vereinigten Staaten über die Präsidenten-Präsenz im Netz."Die Kandidaten und ihre Werbemanager haben eine effektive Möglichkeit entdeckt, das Bildungsbürgertum zu erreichen - genau die Leute, die auch wählen gehen", schreibt das Computermagazin "PC World" in seiner neuesten Ausgabe.12 Millionen Amerikaner im Wahlalter, so schätzt man, sind an das Datennetz angeschlossen.

"Welcome to the White House" heißt es unter http://www.whitehouse.gov Das domain "gov." zeigt: Hier sitzt bereits einer der Kontrahenten fest im Sattel.Wie Familienfotos auf einer Tapete wirken die Klickpunkte.Bill Clinton, seine Frau Hillary und Vizepräsident Al Gore berichten über Real Audio "von ihren Erfolgen und ihren Familien".Man kann Clintons Biographie abrufen oder im "Lagezentrum" nachfragen; "heiße Infos" werden garantiert.Von Wahlkampf ist auf den WWW-Seiten des nach vielen Meinungsumfragen vorne liegenden Demokraten nicht zu spüren.Insgesamt wirkt die homepage des Weißen Hauses daher eher gediegen - präsidentiell halt.

Republikanischer Gegenkandidat wird der 72jährige Bob Dole.Hier haben die Wahlstrategen die Zielgruppe der jungen, meist männlichen, erfolgsorientierten Internet-User fest im Blick.Obwohl noch nicht offiziell nominiert, sind seine "Bob Dole for President" WWW-Seiten (http://www.dole96.com) unerwartet flott.Neben Biographie und Positionspapier kann sich der Republikaner-Fan Bildschirmschoner oder Poster mit Dole-Konterfei interaktiv herunterladen.Als Hintergrund wählt man zwischen Wolken, Mount Rushmore, dem Amtssitz des Präsidenten oder der amerikanischen Flagge.Immerhin drei slogans stehen zur Auswahl, darunter: "Amerika braucht Führungskompetenz - Amerika braucht Dole".Diese Internet-Seiten wollen mehr als nur informieren - in den ersten zwei Monaten online verpflichteten sich 700 User per E-Mail, den Senator im Wahlkampf zu unterstüzen.Die amerikanischen Wahlkampfseiten finden auch in Deutschland Interessenten."Das Medium eignet sich sehr gut für Recherchen", sagt Mechthild Hölker vom Amerika Haus in Köln.

Ein Überblick ist gefragt.Als Einstieg, gerade für Neulinge im Wahlkampf, bieten sich die WWW-Seiten der "US Information Agency" an, einer staatlichen, überparteilichen Informationsbehörde (http://www.usia.gov/elections/index.htm).Hier sind auch aktuelle Berichte, Kommentare und Nachrichtenlinks vertreten.Umfassend sind die mit Real Audio ausgestatteten, von der Washington Post, Newsweek und dem Sender ABC betriebene "ElectionLine" (www.electionline.com) sowie die von Verlegern geführte "PoliticsUSA" (http://www.politicsusa.com) mit einer Vielzahl von weiterführenden Datenbanken.

Die USA gelten meist als Zwei-Parteien-Staat.Aber auch die nordamerikanischen Grünen (http://www.greens.org) suchen den virtuellen Weg zum Bildschirm des realen Wähler.Einen Präsidentschaftskandidaten haben sie schon: Ralph Nader, in den USA seit Jahrzehnten eine Art lebende "Stiftung Warentest".Er war verantwortlich für den serienmäßigen Einbau von Sicherheitsgurten in Fahrzeugen.Vielleicht braucht auch er einen Aufprallschutz am Wahlabend.Die "greens" finden in der US-Parteienlandschaft nämlich so gut wie gar nicht statt.

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