Zeitung Heute : Mit der neuen Wochenzeitung beginnt auf Mallorca ein Zeitungskrieg

Harald Martenstein

Die Zeitung hat einen Titel in Frakturschrift, wie die "Frankfurter Allgemeine", eine Meinungs-Seite und eine Dritte Seite mit Reportagen, wie der "Tagesspiegel", einen üppigen Lokalteil, zwei Seiten mit Börsenberichten und sechs Seiten Kultur. Der "Palma Kurier", der seit dem 6. August an jedem Freitag erscheint, soll das seriöse Blatt der seriösen Mallorca-Deutschen werden. Untertitel: "Wochenzeitung für Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur". Erscheinungsbild, Länge und Stil der Artikel orientieren sich an den gehobenen deutschen Regionalblättern. Im Überschwang der Gefühle vergleichen Mitarbeiter ihr Blatt gar mit der "Süddeutschen". Rund 100 Seiten hat eine Ausgabe.

Was steht drin? Zum Beispiel ein langes Interview mit der Führerin der nationalistischen Partei Mallorcas, die neuerdings zur Regierungskoalition gehört, Reportagen über den Alkoholismus von Jugendlichen in Palma, über den erfolgreichsten Party-Service der Insel und die frühere Jacht des Milliardärs Onassis. Wirtschafts-Aufmacher ist das vorläufige Scheitern der Berliner Flughafen-Pläne. Die schönste Geschichte spielt in Köln: Zwei spanische Schauspieler verkleiden sich im Auftrag von "Bild am Sonntag" als Touristen und benehmen sich so, wie gewisse Deutsche sich auf Mallorca benehmen. Sie trinken Sangria aus Plastikeimern und gehen in Badelatschen und Bikini in den Dom. Die Kölner reagieren recht unfreundlich.

Hinter dem Projekt steckt eine Gruppe deutscher Geldgeber, darunter der Hamburger Verleger Michael Jahr. Konzipiert hat den "Palma Kurier" der Unternehmer Timm D. Esser, der als "Herausgeber" im Impressum steht. Chefredakteur Thomas Hirsch, 36, arbeitet seit 1994 in Spanien, unter anderem für "Vogue" und "Werben & Verkaufen". Elf Redakteurinnen und Redakteure hat das Blatt: sieben Deutsche, drei Spanier, ein Argentinier. "Wir sind keine deutsche Zeitung", sagt Hirsch, "sondern eine spanische in deutscher Sprache." Zielgruppe seien nicht die Touristen, sondern jene rund 60 000, meist wohlhabenden Deutschen, die ihren Lebensmittelpunkt auf die Insel verlagert haben. Die gedruckte Startauflage des "Palma Kurier" liegt bei 20 000. Aber ganz so hoch müsse die verkaufte Auflage nicht sein. Weil die Zielgruppe des Blattes klar definiert ist, sei es für Anzeigenkunden attraktiv. An Anzeigen, auch von grossen Markenartiklern, scheint es tatsächlich nicht zu fehlen.

Die anderen deutschen Auslandszeitungen haben meist als reine Anzeigenblätter begonnen. Diese Herkunft sieht man ihnen immer noch an - das gilt auch für das andere Wochenblatt "Mallorca Magazin", das bisher die führende Stimme von DeutschMallorca gewesen ist. Auf Mallorca beginnt also, was man in Berlin gut kennt: ein Zeitungskrieg. Konflikte könnte es auch mit den Alt-Mallorquinern geben, trotz der Bekenntnisse des Chefredakteurs zu Spanien. Die Ängste einiger Einheimischer vor Überfremdung dürften durch die Existenz des "Palma Kurier" nicht geringer werden. "Es hat Briefe gegeben, in denen wir als Nazis beschimpft werden", sagt Hirsch.

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