Zeitung Heute : Mit eigener Kraft

Friedhard Teuffel

Nach zahlreichen Dopingfällen zeichnet sich in Deutschland eine politische Mehrheit für ein Anti- Doping-Gesetz ab. Inwieweit könnte ein solches Gesetz den Kampf für einen sauberen Sport voranbringen?


Das Dopingproblem ist außer Kontrolle geraten – jetzt soll es der Staat wieder in den Griff bekommen. Politiker und Sportfunktionäre versprechen sich viel von gesetzlichen Regelungen: Es sollen Dopingfälle aufgeklärt werden, die mit dem herkömmlichen Testsystem bisher nicht aufgedeckt werden können. Außerdem will man damit an die Hintermänner des organisierten Dopinghandels herankommen.

Wie weit der Staat dabei gehen darf und ob es überhaupt seine Aufgabe ist, den sportlichen Wettbewerb zu schützen, wird nach der parlamentarischen Sommerpause im September ein wichtiger Diskussionspunkt sein. Viele der gängigen Dopingsubstanzen sind jedenfalls im menschlichen Körper nur sehr kurz nachweisbar, für Doping mit manipuliertem eigenen Blut gibt es noch nicht einmal ein gerichtsfestes Nachweisverfahren. Diese Probleme kann der Staat zwar nicht lösen, aber er könnte zumindest Dopingtäter und deren Hintermänner verfolgen.

Nur selten dopt ein Sportler auf eigene Faust, meist steckt ein Netzwerk von Trainern und Ärzten dahinter. Und Dopingschmuggler versorgen nicht nur den Spitzensport, sondern auch die Bodybuilderszene. In Spanien konnte die Guardia Civil ein solches Netzwerk ausheben. Die von ihr bei einem Arzt sichergestellten Dokumente und Blutkonserven wiesen auch auf Manipulationen des deutschen Radprofis Jan Ullrich hin. Der Sport wäre ohne Hilfe des Staates nie an diese Indizien gelangt; er kann nun auch ohne positive Dopingprobe ein Verfahren gegen die Sportler einleiten.

Handel und Weitergabe von Dopingmitteln sind in Deutschland nach dem Arzneimittelgesetz schon jetzt verboten. Aber auf dieser Grundlage gibt es bisher erst ein nennenswertes Urteil: Der Leichtathletiktrainer Thomas Springstein erhielt eine Bewährungsstrafe, weil er einer minderjährigen Sprinterin ohne ihr Wissen ein Anabolikum gegeben hatte. Dass es noch nicht zu mehr Verurteilungen kam, liegt nicht daran, dass in Deutschland so wenig gedopt wird. Derzeit fehlen der Polizei entsprechende Möglichkeiten. So erlaubt die Strafprozessordnung bei Dopingstraftaten noch nicht das Abhören von Telefonen. Außerdem wissen Staatsanwaltschaften mit Dopingfällen meist nichts anzufangen. In Zukunft sollen daher Schwerpunktstaatsanwaltschaften schon von sich aus in der Dopingszene ermitteln.

Über eine Ausweitung staatlicher Ermittlungsbefugnisse beim Dopingverdacht und eine härtere Bestrafung von Dopingdealern besteht unter den Parteien inzwischen Einigkeit. Umstritten ist allerdings noch die entscheidende Frage: Soll der Staat auch den Besitz von Dopingmitteln bestrafen? Wenn ja, stünde auch der Athlet im Visier der Fahnder. Manche Sportfunktionäre warnen davor, den Athleten zu kriminalisieren. Andere halten dagegen ein Besitzverbot für dringend erforderlich. Eine Strafandrohung würde den Athleten unter Druck setzen, über sich und seine Hintermänner auszusagen.

Für Anabolika soll nun geprüft werden, ob sie suchtgefährdend wirken und als Droge ins Betäubungsmittelgesetz aufgenommen werden können. Bei anderen Dopingmitteln könnte sich ein Gesetz auf die Liste der Welt-Doping-Agentur beziehen, in der alle verbotenen Substanzen aufgelistet sind. Wenn der Besitz von Dopingmitteln gesetzlich verboten wird, würde die Polizei in der Umkleidekabine bald zum regelmäßigen Besucher.

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