Zeitung Heute : Mit Eva tanzen

Wie ein Partygänger Berlin erleben kann

Daniel Haaksman

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Vergangenen Freitag auf einer Party in Mitte: Ich stehe mit einigen Freunden an der Bar. Plötzlich kommt eine Bekannte auf mich zu und fragt: „Sag mal, hast du vielleicht was dabei? Ich habe Besuch von auswärts, und die hätten gerne ein bisschen…, na du weißt schon“, und greift sich kurz mit dem Zeigefinger an den Nasenflügel. Ich schaue sie etwas verdutzt an. „Nein“, erwidere ich, „ich kann dir leider nicht weiterhelfen, sorry.“ Sie blickt irritiert. „Wie? Nix dabei?“ Ich verneine und frage sie, warum sie glaubt, dass ich Drogen habe. „Na, du als DJ“, antwortet sie, „hast doch immer was dabei oder kennst jemanden, der was hat.“ Ich verneine wieder und erkläre ihr, dass sie mich da falsch einschätzt und dass ich nicht auf Drogen stehe. Und ich betone: Nur weil ich DJ bin, bedeute das ja wohl nicht automatisch, dass ich Drogen konsumiere oder welche dabei hätte. Verwirrt ging sie zurück zu ihrem Besuch.

Mir ist das in letzter Zeit komischerweise häufiger passiert. Vor allem Bekannte, die normale Bürojobs haben, und die wissen, dass ich als DJ arbeite, glauben, dass ich eine sichere Adresse sei, wenn es um Drogen geht. Also, dass man als DJ, der mit dem Nachtleben zu tun hat, im Prinzip so etwas wie eine verlässliche Schnittstelle zur Halbwelt darstellt, über die man unkompliziert an stimulierende Substanzen gelangt, die man nicht in der Apotheke kaufen kann. Das liegt wahrscheinlich daran, dass das Bild, das von (House- und Techno-) DJs in der Öffentlichkeit in der Regel gezeichnet wird, von ständiger Ekstase, Schlaflosigkeit und Sex & Drugs & Rock’n´Roll geprägt ist. Schaue ich mir meine Plattendreher-Kollegen so an, muss ich sagen: Das Bild entspricht hin und wieder der Realität. Aber es gibt natürlich auch viele DJs, mich inbegriffen, die keine Lust haben auf illegale chemische Zutaten, und die eine Party trotzdem bis in die frühen Morgenstunden rocken können. Das High, das man durch das Plattenauflegen bekommt, reicht völlig aus. Denn neben der Liebe ist das die beste Droge der Welt: wenn man ein Publikum mit seiner Musik über Stunden am Tanzen hält und glücklich macht.

Zu dieser Sorte DJs zählt auch DJ Eva Bé. Okay, sie raucht Zigaretten, aber sonst lebt und atmet sie nur für ihre Musik. Die hübsche Plattendreherin und Produzentin aus Prenzlauer Berg war zuletzt häufiger im Taucher Club zu hören, heute Abend können Sie sie in der Lounge des Watergate erleben. Eva Bé ist vor allem dafür bekannt, sehr geschmeidig Broken Beats, Dub-House und Hip Hop ineinander fließen zu lassen. Wenn sie richtig in Fahrt ist, mischt sie streckenweise Drum’n’Bass dazu, dann geht es sehr rasant auf der Tanzfläche zu. Hat sie mit ihrem Set das Publikum mal wieder verzückt, und steigt von der DJ-Kanzel herab, strahlt Eva Bé mit einer derartigen Intensität vor Glück, dass man nachvollziehen kann, warum man als Plattenleger locker auf andere Stimulanzen verzichten kann. Ob ich der Drogen suchenden Bekannten von neulich sagen soll, dass sie mal im Watergate vorbei schauen soll?

Eva Bé, Watergate, heute Abend, 23 Uhr, Kreuzberg, Falckensteinstraße 49.

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