Zeitung Heute : Mit Frankenstein im Kosovo

Der Tagesspiegel

Zwei Menschen, sie Gerichtsmedizinerin aus Los Angeles, er Feldjäger der Bundeswehr, versuchen im Auftrag der UN kurz nach dem Einmarsch der KFOR-Truppen Verbrechen aus dem Kosovokrieg aufzuklären.

Zwei Autoren, der eine lange Zeit Chefredakteur von „Bild“, der andere Reporter bei „Stern“, „Spiegel“, „Tempo“ und „Bild“ sowie zweifacher Träger des begehrten Egon-Erwin-Kisch-Preises, versuchen die Geschichte dieser beiden Menschen zu erzählen.

Julia Prescott ist Gerichtsmedizinerin aus den USA, Frank Sinner Soldat aus Deutschland. Dass ausgerechnet sie den Auftrag bekommen, für den Internationalen Gerichtshof in Den Haag Beweise für die Kriegsverbrechen der Serben zu sammeln, kann nur auf eine abstruse Personalpolitik ihrer jeweiligen Vorgesetzten zurückgehen. Sinner ist ein versoffenes, desillusioniertes, zynisch gewordenes und in jeder Hinsicht heruntergekommenes Raubein. Julia Prescott ist eine Frau voller Disziplin und Ideale. Am Ende lobt sie der gesuchte Täter und nun ihr Peiniger: Sie verfüge über eine perfekte Mischung aus Weiblichkeit und Athletik, einen starken Willen und Härte gegen sich selbst, und sie verachte die Niederungen des Lebens.

Ein Knochenjob

Die beiden ungleichen Fahnder haben nichts als Säcke voller Leichenteile als Anhaltspunkte für ihre nahezu aussichtslosen Ermittlungen. Aber einmal gelingt es ihnen zu rekonstruieren, dass die Überreste ein und derselben Frau auf mehrere Gräber verteilt wurden. Was wurde da – neben all den anderen Greueln, die uns höchst plastisch vor Augen geführt werden – vertuscht? Ein Schwede kommt ins Spiel. Die UN hat ihn geschickt. Er sieht gut aus, ist distinguiert, ein wunderbarer Unterhalter – ein Typ, den früher Steward Granger hätte spielen müssen. Die Einheimischen nennen ihn „Engel des Kosovo“. Aber just dieser Mann entpuppt sich als moderner Frankenstein, der mitten im Krieg den neuen Menschen schaffen will, wobei er lächelnd die schlimmsten Experimente an Frauen und deren Föten unternimmt. Die Mütter tötet er danach fast beiläufig. „Nur im Krieg ist diese Arbeit möglich“, sagt er, „weil es die Verbrechen des Krieges sind, die jedes andere Verbrechen relativieren.“ Das Kosovo sei „einfach ideal“ für seine Arbeit. „Wir sind noch nicht in der Dritten Welt, aber ein Menschenleben zählt trotzdem weniger als eine Kalaschnikow.“

Ein Krieg bringt Greuel hervor, die wir uns nicht ausmalen können. Dass die beiden Autoren die schlimmstmöglichen für ihren Roman ausgewählt haben und wahrscheinlich noch einen Schritt weiter gehen, mag damit zusammenhängen, dass mindestens einer der beiden viele Jahre damit beschäftigt war, Sensationen, wo immer möglich, zu toppen. Und so wird die Geschichte im Verlauf der Lektüre immer abstruser. Schade, weil mindestens einer der beiden sehr genaue Kenntnisse über die Vorgänge im Kosovo hatte.

Wo immer das Buch über die Menschen und ihre Geschichte in jener Ecke des Balkan erzählt, wird es faszinierend. So etwa, als Sinner eine junge Albanerin rettet, die in den Bergen nahe der mazedonischen Grenze aufgewachsen ist, „wo das brutale Gesetz lautete: Alle Macht dem Vater der Sippe, dann kamen die Söhne und dann die Mutter, und eine Tochter hatte so viele Rechte wie eine Kuh im Stall.“ Ihr Mann war auf Befehl des Vaters zur UCK gegangen. Als die Nachricht von seinem Tod kam, bedeutete das für die Frau: „Entweder sie blieb in der Familie des Mannes. Dann wäre sie nur noch eine billige Magd, ohne eigene Rechte, dürfte weder heiraten noch mit anderen Männern sprechen und nicht einmal ihre eigenen Kinder erziehen. Das würde nur noch die Schwiegermutter besorgen. So besagte es der Kanun. Oder aber sie verließ diese Familie: Dann würde sie ihre eigenen Kinder nie wiedersehen.“

Die Feldjäger-Saga

Die kenntnisreichen Berichte über den Kosovo werden überlagert von einer gruseligen Kriminalgeschichte, die dem Buch seinen Ernst und Anspruch nimmt. Man wünscht sich, einer der Autoren hätte sein Wissen in einem Sachbuch verarbeitet, zumal man selbst bei den romanhaftesten Stellen noch das Gefühl hat, ein Reporter habe ohne Not einen vermeintlich literarischen Text abgerungen. Dabei bedienen sich die Autoren eines schnellen, rüden, oft wortkargen Schreibstils, der so klingt, als hätten sie den desillusionierten Feldjäger Frank Sinner zum Ich-Erzähler gemacht. Aber selbst wenn sie sich dazu entschlossen hätten, wäre es kaum gelungen, die Unentschiedenheit zwischen Report und Roman und den Wunsch, eine wirklich sensationelle Geschichte zu erzählen, unter einen Hut zu bringen.

Felix Huby ist Schriftsteller und Drehbuchautor. Unter anderem von „Tatort“-Folgen mit Bienzle, Palu und Schimanski.

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