Zeitung Heute : Mit Füßen fühlen

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Nicola Kuhn

Jan und Josefine waren gerade vier Wochen auf der Welt, da meldete sich vom Bezirksamt auch schon eine Sozialarbeiterin an. Wird man mit Zwillingen automatisch zum Sozialfall? Interessante Frage – ich habe die Dame vom Gesundheitsamt zum Tee eingeladen. Der war das alles selbst ein wenig peinlich, sie wolle jetzt nicht direkt unters Sofa gucken, aber bei Zwillingen machten sie noch immer Hausbesuche. Früher, da hätten sie in Berlin noch jede Erstgeburt persönlich begrüßt. Ob sie damals schon diese schauderhaften Frottee-Strampler als Geschenk mitgebracht haben?, schoss es mir undankbar durch den Kopf. Aber dann haben wir uns noch sehr nett unterhalten.

Nicht nur übers Erziehungsgeld, sondern auch über die Angebote Schönebergs für die Kleinsten. Da geht es uns im Vergleich zu anderen Bezirken nämlich noch richtig gut: in jeder Baulücke ein Spielplatz und alle paar Meter ein Kinderladen. Die hatten wir mit neuer Aufmerksamkeit auch schon auf unseren ersten Spaziergängen mit der Doppelkarre entdeckt. Aber neben den blassgelben Stramplern und einer gleichfarbigen Broschüre für junge Eltern überließ uns die nette Sozialhelferin einen Zettel der Beratungsstelle für kindliche Entwicklung. Die befindet sich im Gesundheitsamt und bietet Krabbelkurse an.

Ich weiß, das klingt ein wenig speziell: im Gesundheitsamt. So ähnlich wie: Sozialarbeiterin sieht mal nach den Rechten. Mich schaudert es auch noch immer, wenn ich montags den Zwillingswagen an dem Riesenschild „Zur Tuberkulosefürsorgestelle“ vorbei schiebe. Aber erstens können Jan und Josefine nicht lesen, und zweitens finden sie die Krabbelgruppe super. Wir können ihnen zu Hause jedenfalls nicht so einen Parcours aus Trampolin, Riesenschaukel und Sprossenleiter bieten, mal abgesehen von der Gesellschaft Gleichaltriger. Die spornt mehr an als jeder Aufmunterungsversuch der Eltern.

Seit dem letzten Besuch kann Josefine laufen. Und Jan hat sich breitbeinig dazugestellt. Der Gruppenleiter war ganz angetan: „Das sieht ja gar nicht mehr nach drei Whiskey aus, sondern nur noch nach einem“, lobte er den Schaukelgang. Das Lob des Physiotherapeuten mit Zusatzausbildung in Kinderheilkunde machte uns glücklich: Denn was den Kindern die Pappröhre zum Durchkrabbeln, das schräge Brett zum Rutschen und die umgedrehten Hocker zum Schieben sind, das sind uns Eltern die Kommentare des Gruppenleiters.

Was sie machen soll, fragt etwa eine Mutter verzweifelt, die Schwiegereltern wollen dem Kind partout das erste Schuhwerk kaufen. Die Antwort ist einfach: Am besten würden wir alle ohne Schuhe rumlaufen, statt unsere Füße zu deformieren. Den Kleinen sollte man den direkten Kontakt zum Boden so lange wie möglich gönnen, sie sollen mit den Sohlen fühlen. Natürlich habe ich mich gleich gefragt, was Josefines Zehen bei ihren ersten Spaziergängen spüren. Der Krabbelgruppe jedenfalls wird sie auf ihren fühlenden Füßen entlaufen.

Neben der Krabbelgruppe gibt es im Gesundheitshaus Tempelhof-Schöneberg auch eine Babygruppe und Mutter-Kind-Turnen. Erfurter Straße 8, Telefon 756 044 04.

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