Zeitung Heute : Mit Gewinn
20.12.2005 00:00 UhrIn Gießen wurde zum ersten Mal in Deutschland eine Uniklinik an einen privaten Gesundheitskonzern verkauft. Was bedeutet das für die medizinische Wissenschaft und für die Versorgung der Patienten?
Anders als jetzt in Hessen waren bisher in Deutschland nur Teilbereiche von Universitätskliniken privatisiert worden: in Leipzig die Kardiologie oder in Ulm die Neurologie und die Orthopädie. Nun kaufte die Rhön-Klinikum AG für 112 Millionen Euro das gesamte Universitätsklinikum Gießen-Marburg.
Entscheidend für die Auswirkungen eines solchen Geschäfts ist, was über den Kaufpreis hinaus bezahlt wird. Der hessische Ministerpräsident Roland Koch teilte mit, dass an beiden Standorten bis zum Jahr 2010 insgesamt 367 Millionen Euro investiert würden.
In Gießen wird ein neues Klinikgebäude für 170 Millionen Euro errichtet; in Marburg werden die Zahnklinik und die Psychiatrie für 90 Millionen Euro saniert. Außerdem soll in Marburg für 107 Millionen Euro ein Zentrum für Schwerionen- und Protonentherapie zur Behandlung von Krebspatienten gebaut werden.
Nach einem Überblick des Wissenschaftsrats leiden die meisten Universitätskliniken in Deutschland unter dem Sparkurs und können zu wenig investieren. Insofern kann die Privatisierung der Krankenversorgung auf den ersten Blick durchaus von Vorteil sein.
Das Problem liegt jedoch darin, dass private Unternehmen Gewinne erwirtschaften wollen. Marburg konnte im vergangenen Jahr 1,3 Millionen Euro Gewinn verzeichnen. In Gießen war dagegen ein Defizit von 9,8 Millionen Euro zu beklagen. In Hessen wie in anderen Ländern bekommen die Unikliniken von den Kassen nicht die wirklichen Kosten für die ambulante Krankenversorgung bezahlt. Außerdem müssen sie mit Fallpauschalen zurechtkommen, die ihnen die gleichen Erträge bringen wie normalen Krankenhäusern.
Die Bundesrepublik verfügt nur über 34 Universitätskliniken. Unter den rund 2000 Krankenhäusern im Lande nehmen sie eine privilegierte Stellung ein: Forschung und Lehre haben dort Vorrang vor der Krankenversorgung. Nach der Privatisierung in Hessen zahlt der Staat nach wie vor einen Zuschuss für Forschung und Lehre. Aber welchen Einfluss die Universität künftig auf die privatisierte Krankenversorgung nehmen kann, ist unklar. Sollte die Wissenschaft auf Dauer unter den Folgen der Privatisierung zu kurz kommen, wären Gießen und Marburg kein Modell für die Universitätsmedizin.








