Zeitung Heute : MIT: Jenseits der Fantasielosigkeit - Forscher suchen nach dem Chatraum mit emotionaler Note

Monika Halkort

Online-Konversationen sind bekannt für ihren wenig geistreichen Charakter. Und trotzdem sind Chatrooms nach vie vor äußerst populär. Die Beschränktheit einiger Teilnehmer ist mit Sicherheit nicht der einzige Grund für das niedrige Niveau der Auseinandersetzung. Nur allzu oft offenbart sich darin auch die Fantasielosigkeit der Gestalter, die wenig Möglichkeit geben für die individuelle und differenzierte Darstellung einer Position. Die meisten Chat-Räume funktionieren rein auf Textbasis. Präsent ist nur, wer sich permanent zu Wort meldet. Egal ob er etwas zu sagen hat oder nicht. Dieser Mangel an Spielraum muss zwangsläufig ins Leere führen. Auch Avatare, über die man sich zumindest im Raum sichtbar machen kann, lösen dieses Dilemma nicht. Die oft überzeichnete Darstellung der virtuellen Alter Egos zwingt den Benutzer, eine fest vordefinierte Identität anzunehmen. Eine komplexe Darstellung von unterschiedlichen Gemütszuständen im Verlauf eines Gesprächs erlauben Avatare nicht.

Frustriert über diesen armseligen Zustand haben Forscher der "Sociable Media Group" am MIT begonnen, über neue Gestaltungsmöglichkeiten für Kommunikationsräume im Netz nachzudenken, die der Komplexität menschlicher Ausdrucksformen gerecht wird und ein höheres Gesprächsniveau erlaubt. Ziel ihrer Forschungsarbeit ist es, experimentelle Interfaces zu entwickeln, die Tonfall und emotionale Dynamik zwischenmenschlicher Auseinandersetzung zum Ausdruck bringen und die sozialen Beziehungen der Gesprächsteilnehmer zueinander sichtbar macht.

Ein gelungenes Beispiel dafür sind die sogenannte Chat Circles, ein Interface, das Wortmeldungen von Benutzern in unterschiedlichen Farbkreisen visualisiert. Je mehr Kommentare man abgibt desto größer und greller wird der entsprechende Farbkreis. Besucher, die eher im Hintergrund agieren und lieber zuhören als mitreden, erscheinen in blasser Farbe und entsprechend klein. Jeder kann seine Position im Raum beliebig wechseln - sich näher auf andere Mitglieder zu bewegen oder entsprechend auf Distanz gehen. Entscheidend ist, dass nur Textbeiträge von Usern in unmittelbarer Umgebung gelesen werden können.

Die anderen Teilnehmer bleiben zwar weiterhin als Farbkreise sichtbar, bloß der Inhalt ihrer Wortmeldungen erscheint nicht. Das erlaubt inhaltliche Differenzierung und höhere Konzentration in der Auseinandersetzung. So entstehen komplexe Gesprächsdiagramme, die die soziale Dynamik eines Gesprächsverlaufes abbilden. Inhaltliche Schwerpunkte aber auch die Heftigkeit einer Auseinandersetzung werden über die Positionsverschiebung und farblichen Veränderungen der Chat Circles nachvollziehbar. Unter http://chatcircles.media.mit.edu/ können sie selbst mitreden. Man sollte sich jedoch durch die blasenartige Form der Chat Circles nicht dazu verleiten lassen, heiße Luft zu reden. Wer weiß, vielleicht platzen die Blasen ja ab einem bestimmten Punkt.

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