Zeitung Heute : Mit Lehm beschmiert

CHRISTINA TILMANN

Eine Uraufführung der Schöpfungskantaten von Peter Köszeghy in der ParochialkircheCHRISTINA TILMANNIn Haydns "Schöpfung" wimmelt und kreucht das Getier.In "Kreatur 1", einer szenischen Kantate zum Schöpfungsmythos, ist die Kreatur der Mensch und nur der Mensch.Das 1996 während des Meisterkurses für Komposition in Rheinsberg uraufgeführte Werk des jungen ungarischen Komponisten Peter Köszeghy - in der Parochialkirche von Studenten und Absolventen der Musikhochschule "Hanns Eisler" und der HdK gespielt - hat die ersten Kapitel der Bibel zum Thema: Schöpfung und Sündenfall. Während die Stimmen Gottes und der Schlange vereinigt über den Wassern schweben (Bassist Michael Brieske und Sopranistin Emmy Abo ondulieren abwechselnd über Violinwogen), wird der Mensch aus Lehm geschaffen und mit ebendiesem beschmiert.Adam und Eva gewinnen in monoton hackenden Wort- und Sprachfetzen die Kraft der Rede, wobei Sabra Sduntzig die für Köszeghy so charakteristischen auf- und absteigenden Intervall-Leitern mit lasziver Altstimme gurrt.Die Schlange stößt, unterstützt von Posaunenklängen, vor ihrer Niederlage spitze Soprantöne gegen den göttlichen Baß, bevor sie sich kriechend entfernt.Regisseur Markus Finkbeiner setzt bei der szenischen Realisation ganz auf eine Expressivität, die der übersteigerten, überspitzten Rhetorik der Musik entspricht: Rot gegen Schwarz heißen die Gegensätze zwischen Gott und Mensch, Gut und Böse, und große Gesten entsprechen der scharfen Stimmführung. "Kreatur 1" wirkt in der einheitlichen Grundmotivik der Intervallschritte bisweilen noch etwas eindimensional.Das am Dienstag in Berlin uraufgeführte Fortsetzungswerk "Kreatur 2", mit Klarinetten, Celli und Schlagwerk auch instrumental stärker besetzt, hat deutlich ariose Strukturen und größere Dynamik gewonnen.Kein Wunder: Die Brudermord-Geschichte zwischen Kain und Abel bietet echte Dramatik.Im Geburtsritus gibt sie auch Anlaß zur Gestaltung des Themas "Urmutter", das Köszeghy offensichtlich näher liegt als der "Urvater" Gott.So werden die Geburtsszenen, von Trommelwirbel dramatisch untermalt, von Regisseur Markus Finkbeiner auch zur drastischen Zurschaustellung weiblichen Leidens und mütterlichen Triumphes genutzt.Der durch harte Trommelschläge markierte Mord aus Eifersucht schließlich wird psychologisch damit motiviert, daß der alles überstrahlende Countertenor von Jens Arndt als Abel den tumben, einsilbig-langsamen Kain (Guido Hackhausen) mühelos spottend an die Wand singt.Mit Menschengeschöpfen am Boden endet ein Abend, der mit eindrücklicher Schwarz-Weiß-Dramaturgie konzentriert und kurz gespielt wurde. Parochialkirche, noch heute und morgen, jeweils 21.30 Uhr.

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