Zeitung Heute : Mit links durch den Kosmos

KLAUS ANGERMANN

Das Weltall.Unendliche Weiten.Langsam schwebt ein Raumschiff mit dem Namen "Raumschiff Bonn" durch unbekannte Galaxien.Über einem kargen Planeten verharrt es für Sekunden.Bevor es weiterfliegt, fällt ein Männlein mit blauem Strampelanzug und Halbglatze aus dem Raumschiff heraus.Höhnischer Beifall ertönt aus dem Hintergrund, der Verstoßene prophezeit trotzig mit erhobenem Zeigefinger: "Ich komme wieder."

Die Figur, von der hier die Rede ist, heißt "Captain Gysi" und ist der Protagonist eines neuen Computerspiels, das ab heute bundesweit im Fachhandel erhältlich ist.Die Pressevorstellung der jungen, noch unbekannten Prenzlauer Softwareschmiede Burns Entertainment am Mittwoch wäre eigentlich nichts Besonderes gewesen, hätte sich nicht die Hauptperson persönlich an Ort und Stelle von der Qualität der CD-ROM überzeugt, die er selbst synchronisierte.Dabei blieb der Captain allerdings eher passiv im Hintergrund und gab zu, im Gegensatz zu seinem forschen Weltraumpendant von dem Computer nicht allzu viel zu verstehen.Sowohl Gysi als auch die Softwarefirma wurden nicht müde, die Eigenständigkeit der Produktion zu betonen: "Zwar hat die Partei das Skript zum Spiel auch zur Information zugesandt bekommen, aber gegenüber dem Endprodukt keinerlei Einfluß genommen", betont Jürgen Winkler von Burns Entertainment.

Dennoch ist die Marschrichtung der CD-ROM klar: Schließlich ist das Spiel die kommerzielle Fortsetzung eines im letzten Jahr von der PDS in Auftrag gegebenen Computerspiels mit dem Namen "Captain Gysi und das Raumschiff Bonn".Und diese diente nach Aussage von Gregor Gysi dem Wahlkampf.Die Firma baute die Fortsetzung der einfachen DOS-Version in Diskettengröße auf CD-Format in Eigenregie aus.

Die Spielidee ist relativ einfach: Die Comicfigur Captain Gysi, aus dem Raumschiff Bonn auf einen einsamen Planeten abgeworfen, muß viele mehr oder weniger knifflige Situationen hinter sich bringen, um wieder auf das Raumschiff zu gelangen.Dabei begegnen ihm allerhand ebenfalls aus dem aktuellen Politikbusiness entliehene Figuren.So startet das Spiel erst richtig, nachdem Gysi sich auf einen stummen Kinkelstein draufsetzt, der im folgenden als Faktotum hinter dem Captain herläuft und dessen aufgesammelte Gegenstände durch Anklicken wieder herausgibt.Weiterhin trifft man auf den einsam in einer Höhle sitzenden Zwerg Hierse und muß sich mit dem abgenutzten Roboter Blümel in einem seltsamen Labor unterhalten.Fehlen darf natürlich auch Commander Kohl nicht.Winkler glaubt, daß Gysi als ein "polarisierender Politiker" am besten für ein Spiel geeignet ist: "Schröder als Luftblase wirkt nicht."

Natürlich sollte dem Spieler klar sein, daß er sich mit diesem Produkt nicht auf eine objektive Darstellung der Parteienlandschaft einläßt.Trotzdem ist das Spiel stellenweise ganz nett geraten, wenn auch der Sound sowie die Synchronisation der Figuren manchmal etwas blaß wirkt.Aber an multimediale Meßlatten, wie sie Kultspiele wie beispielsweise Myst oder Riven auflegen, will und kann das erste größere Projekt von Burns natürlich nicht heranreichen.Immerhin kostet das Spiel auch nur 39 Mark 90.

Wird es demnächst auch einen Captain Schröder oder Westerwelle geben? Wohl kaum.SPD und FDP setzen allein auf das Internet.Und von der CDU hieß es zu der neuen Produktion gar: "Wir setzen nicht auf derartige Showeffekte, sondern auf Inhalte." Auch Gysi verspricht sich von der CD-ROM in Hinblick auf die Wahlen nichts, wie er wissen ließ.Am Ende der Pressekonferenz fragte er dennoch kokett: "Wieviele Exemplare darf ich denn mitnehmen? Schließlich ist ja gerade Wahlkampf."

Systemvoraussetzung: Mindestens Pentium 133-Rechner oder kompatibel, 32 MB RAM, 50 MB Plattenspeicher, 8fach CD-ROM, Soundkarte.

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