Zeitung Heute : Mit Löwenpranke gegen den Strich

ALBRECHT DÜMLING

Sonaten-Abend: Christian Tetzlaff und Leif Ove Andsnes im SchauspielhausALBRECHT DÜMLINGEs darf vor allem nicht langweilen.Wenn sie Mozart aufrauhen, Beethoven in die Mangel nehmen oder Brahms am Bart zupfen, lassen sich Christian Tetzlaff und Leif Ove Andsnes durch keine stilistischen Tabus einengen.Wie beim Regietheater geht es diesen Alleskönnern weniger um die Werke selbst als vielmehr um das, was sie daran entdeckt haben.Selbst wenn es schockiert, ist es allemal das Hinhören wert.Bei Mozarts Sonate für Klavier und Violine A-Dur KV 526 wurde - gesagt, getan - auch die Ornamentik zur thematischen Substanz erklärt.Lauffiguren waren da plötzlich nicht mehr Anläufe zu einem Ziel, sondern bedeutungsvolle Gänge.Machte dies den virtuosen Schlußsatz geradezu widersinnig zu einer im Presto abspulenden Kunst der Fuge, so verhalf der Trick dem Seitenthema des Kopfsatzes zu ungeahnter Präsenz.Im Kontext der bedeutungsvollen Skalen wirkte dieses Thema, das Adorno zu Recht in seinen Katalog der "schönen Stellen" aufgenommen hatte, nun noch überraschender, noch reiner, noch mozartscher. Man weiß, daß versteckte Leidenschaften die Musik von Johannes Brahms durchziehen.Bei der Violinsonate G-Dur op.78 ist es die Trauer um den Patensohn Felix Schumann.Diesen vom Komponisten zurückgedrängten Schmerz steigerte das Duo ins Tragisch-Pathetische.Die erste Durchführung und vor allem das aufgewühlte Adagio nahmen dabei Hitzegrade der Leidenschaft an, die Brahms in seinem "Regenlied" ausdrücklich abgelehnt hatte. Das tragische Donnern im Klavier mit der nachfolgend schwelgenden Sextenmelodie der Violine gehörten eher in eine Hollywood-Schnulze als in eine Brahms-Sonate.Selbst die von Tetzlaff danach wirklich schön und weich ausgespielte Regenmelodie wirkte nach solchen Exzessen schal.Bei der Auseinandersetzung mit Béla Bartóks Sonate für Violine und Klavier Nr.1 sprangen aber wirklich die Funken.Die 1921 nach dem "Wunderbaren Mandarin" entstandene Komposition durchzuckte eine Radikalität, die alle Formkonventionen abstreifte.Die impressionistischen Klavierarpeggien und geheimnisvollen Tremoli im Allegro appassionato wurden von wilden Eruptionen durchbrochen.Die Schocks aus Schönbergs "Erwartung" schienen noch gesteigert.Während das rhapsodische Adagio in archaischen Mixturklängen trügerische Ruhe ausbreitete, tobte das Finale wieder in heftigster Motorik los, in einem Allegro barbara, bei dem beide Musiker weder ihre Instrumente noch die Nerven der Zuhörer schonten. Nach dieser sensationell intensiven Wiedergabe brodelte der Beifall im vollbesetzten Kleinen Saal des Schauspielhauses hoch und endete auch nicht nach den beiden Zugaben aus der leidenschaftlichen c-Moll-Sonate Nr.3 von Edvard Grieg.

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