Zeitung Heute : Mit Milosevic geht es nicht

CHRISTOPH V.MARSCHALL

Vor dem Massaker im Kosovo-Dorf Racak an 45 Albanern hat es Tausende Tote in der serbischen Provinz gegeben, ohne daß der Ruf nach einer NATO-Intervention so groß gewesen wäre wie jetzt.Hätte sie also schon längst ihre Bomber gegen die serbischen Sondertruppen losschicken müssen? Oder wird durch diesen Massenmord plötzlich richtig, was vorher als falsch galt? Es sind nicht die Toten und ihre Zahl, sondern es sind die international verbreiteten Fernsehbilder, die Racak zum Fanal machen.Ähnlich war es 1995 mit dem Granatangriff auf den Marktplatz des eingeschlossenen Sarajevo, der die dort nach Wasser anstehenden Menschen zerfetzte.Er brachte die Wende zur Intervention in Bosnien.Sie ermöglichte das Dayton-Abkommen.

Aber, und das müssen alle bedenken, die nun nach einem Eingreifen der NATO unter Berufung auf ein humanitäres Interventionsrecht rufen: Kosovo ist ein schwierigerer Fall als Bosnien, nicht nur völkerrechtlich.Entscheidend für den (relativen) Erfolg von Dayton war: Die Kriegsparteien waren erschöpft und versprachen sich von weiteren Kämpfen keine Erfolge mehr.Im Kosovo dagegen glaubt die Befreiungsarmee UCK, die Unabhängigkeit in einem Partisanenkrieg erzwingen zu können - und Belgrad setzt darauf, die Provinz durch brutale Unterdrückung im Staatsverband zu halten.Würde die NATO Truppen stationieren, müßte sie mit feindlichen Handlungen beider Seiten rechnen.Serbien ist der Hauptschuldige.Aber die Albaner sind nicht nur unschuldig.Die UCK will jeden Kompromiß verhindern, erpreßt ihre Landsleute nach dem Motto: Wer nicht aktiv für uns eintritt, ist gegen uns.Ihr ist es sogar zuzutrauen, daß sie selbst die Anlässe liefert, welche die NATO zu Luftangriffen auf serbische Ziele provozieren sollen.Die Schüsse auf OSZE-Beobachter von UCK-Gebiet aus gaben einen Vorgeschmack.Die Allianz darf sich nicht in eine Position treiben lassen, in der sie für eine Unabhängigkeit des Kosovo kämpft, die mehr neue Probleme auf dem Balkan schafft als löst.

Nur demokratische Teilhabe der Kosovo-Albaner bietet eine Aussicht auf stabilen Frieden, am besten die Gleichberechtigung als dritte Republik der Bundesrepublik Jugoslawien neben Serbien und Montenegro.Dafür jedoch muß sich der Westen von der nur zähneknirschend akzeptierten Haltung, daß Slobodan Milosevic nun einmal der Verhandlungspartner sei, lösen und aktiv seinen Sturz betreiben.Dagegen werden zwei Bedenken vorgebracht: Wird es nach ihm nicht noch schlimmer, weil keine demokratische Opposition als Alternative bereit steht, sondern radikale Nationalisten die politische Bühne beherrschen? Und: Wie kann man überhaupt Milosevics Ablösung von außen bewerkstelligen? Doch mit Milosevic ist Frieden auf dem Balkan nicht möglich, das zeigt die Abfolge der Konflikte von Slowenien und Kroatien über Bosnien bis Kosovo.Selbst wenn er die Befehle für Massaker nicht persönlich erteilt: Er hat das Klima geschaffen, in dem diese Verbrechen möglich sind, und er schürt es weiter.

Gewiß, die sogenannte "demokratische" Opposition berechtigt zu keinen großen Hoffnungen: Das im Winter 1996/97 so machtvoll erscheinende Bündnis "Zajedno" ist längst auseinandergebrochen.Vuk Draskovic, Führer des nationalen Flügels, hat sich von Milosevic mit Machtteilhabe in Belgrad korrumpieren lassen.Der sich pluralistisch gebende Zoran Djindjic, in Deutschland wegen seiner Sprach- und Rhetorik-Begabung bekannt, ist ein macchiavellistisches Chamäleon, auf dessen demokratische Überzeugung sich niemand verlassen sollte.Die friedensbewegte Vesna Pesic ist zwar glaubwürdig, aber politisch harmlos.Milosevics Entmachtung ist also weder eine nahe Perspektive, noch wäre sie bereits die Lösung.Sie würde jedoch Bewegung in die betonierte Konfrontation bringen - und Bewegung eröffnet Einflußmöglichkeiten, die es jetzt nicht gibt, die Demokratie zu befördern.Der Westen muß alle diplomatischen Rücksichten auf Milosevic fahren lassen, muß aktiv den Kontakt zu seinen Gegnern suchen.Am besten fangen die NATO-Generäle Naumann und Clark bei ihrer Reise nach Belgrad gleich damit an.

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